Des Bürgers Wille zu Boulevard und gratis

Unterhaltungsjournalismus generiert mehr Klicks und Werbegelder. Verantwortlich für den Qualitätsverfall der Medien sind nicht nur Verlage, sondern auch die Leser. Doch wie der Medienkrise begegnen? Definiert der Markt oder der Staat die Zukunft?

Medien-Kritiker: Geht es nach Kurt Imhof haben Sie, lieber Leser, diesen Artikel wohl hauptsächlich wegen des freizügigen Vorschau-Fotos angeklickt (Ausschnitt einer «Blick am Abend»-Titelseite).

Medien-Kritiker: Geht es nach Kurt Imhof haben Sie, lieber Leser, diesen Artikel wohl hauptsächlich wegen des freizügigen Vorschau-Fotos angeklickt (Ausschnitt einer «Blick am Abend»-Titelseite).

(Bild: Keystone)

Soziologieprofessor Kurt Imhof und seine Mannschaft vom Forschungs­institut Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) muten den Verlagen mit dem so genannten «Jahrbuch Qualität der Medien» ­traditionellerweise viel zu. Denn die Qualität, dies ergeben die ­statistischen Erhebungen der Gruppe, verringert sich jedes Jahr.

Bei der Präsentation des «Jahrbuchs» in Bern handelt es sich um eine Zeugnisabgabe, um die die Medien­häuser nie gebeten haben. Dement­sprechend fahrig und gekränkt reagieren viele Journalisten auf die Befunde und, dies ist bemerkenswert, gehen doch immer wieder hin, wie Schafe zum eigenen Schlächter.

«Niedere Qualität wird belohnt»

Generell konstatieren die Forscher eine Abwärtsspirale, was die Medien­qualität anbelangt. Der Journalismus befinde sich in der «schlimmsten Krise des Berufsstandes», so Imhof. Er stehe unter der fatalen «Diktatur der Reichweite». Das heisst, die Verlagshäuser ­spezialisieren sich zunehmend auf Unterhaltung und Infotainment, ermutigt von Publikum und Werbemarkt, die diese Form des Journalismus honorieren.

Das Publikum mit Klicks und der Bereitschaft, für Unterhaltungsjour­nalismus eher zu zahlen – wobei die Bereitschaft zu zahlen infolge der ­Gratiskultur krass geschwunden ist –, die Privatwirtschaft mit Werbegeldern. Imhof fasst das so zusammen: ­«Niedere Qualität wird belohnt» und «die, die am lautesten schreien, bekommen am meisten Gehör».

Das grosse «Leiden»

Der Informationsjournalismus hat es unter diesen ökonomischen Bedingungen schwer: «‹Unten› leidet die Qualität, weil sie nicht gepflegt werden muss – ‹oben› leidet sie, weil sie zunehmend weniger erbracht werden kann.» Die Einordnungsleistung bleibe dabei am meisten auf der Strecke. Die schwierige Ertragslage im Journalismus führe zu einer voranschreitenden Konzentration. Wenige Medienhäuser kontrollieren den Markt. Darin mitunter sieht Imhof einen Grund, dass sich Journalisten gegen die negativen Entwicklungen in der Branche kaum zur Wehr setzen, ja geradezu «höchst irritierend» schwiegen – man will es sich mit den wenig übrig gebliebenen Arbeitgebern nicht vermasseln.

Das Jahrbuch schreibt weiter von einer «Erosion der journalistischen Berufskultur». Die Journalisten würden häufiger in Newsrooms, gemäss Imhof «Werkhallen mit Verrichtungsboxen», anstelle klassischer Redaktionen arbeiten. Spezialisierte Redaktoren wichen Allroundjournalisten. Zur Bemäntelung dieser Verluderung der journalistischen Kultur würden sich die Verlage einige «Edelfedern» halten, die unter privilegierten Bedingungen, ihren Beruf – in alter Würde – praktizieren können.

Medienhypes auf allen Kanälen

Der Boulevard breite sich aus. Selbst Medientitel mit nach FÖG-Kriterien erkennbarem Willen zur Qualität mischten bei sogenannten Medienhypes mit. Man denke an den Fall Carlos oder an Geri Müller. Generell werde die politische Diskussion zunehmend von Populismus durchdrungen. Die Schweizerische Volkspartei (SVP) findet unter diesen Konditionen gemäss den Erhebungen des FÖG überproportional viel Gehör und Verwendung in den Medien. Ihr Name wird im Verhältnis viel häufiger genannt als der anderer Parteien. Der Anteil an der medialen Aufmerksamkeit unter den vier grössten ­Parteien gestaltet sich wie folgt: SVP 37 Prozent, SP 20 Prozent, FDP 16 Prozent und CVP 13 Prozent.

Bedingung und Folge von all dem sind, dass Politik, Medien und Bürger – kurz die Öffentlichkeit als Gesamtes – an all diesen Entwicklungen mitwirken und dafür verantwortlich sind. «Wir müssen in der Schweiz etwas tun», so der alarmistische Imhof’sche Imperativ, mit dem er namentlich die Kantone anspricht, Bemühungen in die Wege zu leiten, um die Informationskultur zur politischen Meinungsbildung der Bürger zu erhalten.

Letztendlich lautet die Frage, ob Markt oder Staat das Schweizer Medien­angebot definieren sollen. Medien erbringen Angebote zur Meinungsbildung gegen Bezahlung unter marktwirtschaftlichen Bedingungen. Sie sind keine Erziehungsanstalten. Wie die Bürger die Demokratie prägen, beeinflussen massgeblich die Interessen der Leser, letztlich ihre Kaufbereitschaft, die journalistischen Inhalte. Die Kantone werden ein abnehmendes Interesse des Publikums an Qualitätsjournalismus kaum mit Steuergeldern neu befeuern können. Die Konsumenten bekommen bis dato letztlich den Journalismus, den sie verdienen und bezahlen. Journalistische Qualität ist noch genügend verfügbar, wenn die Konsumenten bezahlen, bleibt sie es auch.

Basler Zeitung

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