Der observierte Wolf

Wolf in der Schweiz

Künftig sollen Wolfsrudel «reguliert» werden dürfen. Dies allerdings nur, wenn ihr Heimatkanton wie Graubünden ein Wolfsmonitoring betreibt. Auch für Zürich könnte dies ein Thema werden.

Am 10. Mai 2014 tappte in der Bündner Gemeinde Siat ein Wolf in eine Fotofalle.<br>Foto: Jean-Marc Weber, Georg Sutter (Keystone)

Am 10. Mai 2014 tappte in der Bündner Gemeinde Siat ein Wolf in eine Fotofalle.
Foto: Jean-Marc Weber, Georg Sutter (Keystone)

Janine Hosp

Die Hand im weissen Plastikhandschuh hält ein Glas mit einer gelben Flüssigkeit in die Höhe. Dunkle Zäpfchen schwimmen darin. Als die Kamera näherzoomt, lassen sich darin Tannennadeln erkennen, durch eine erdige Masse zusammengekittet. Wolfskot – wahrscheinlich. Die Kamera zoomt zurück und rückt den ganzen Wildhüter ins Bild. Das Glas werde nun verschlossen, beschriftet und nach Lausanne geschickt, erklärt er. Aufgrund der Körperzellen, die am Kot hängen, wird das Labor der Universität den Verursacher näher identifizieren – seine Rasse, sein Geschlecht und mit ­etwas Glück auch den Verursacher selbst.

Dieses Video hat der Kanton Graubünden ins Netz gestellt, um zu zeigen, wie sein Wolfsmonitoring funktioniert. Es wird wohl auch bald für andere Kantone von Interesse sein: Wenn sie künftig den geschützten Wolf «regulieren» sprich abschiessen wollen, müssen sie ebenfalls ein solches aufziehen. Das sieht das neue Wolfskonzept vor, das der Bund kürzlich in die Vernehmlassung geschickt hat. «Wir können keine Wölfe zum Abschuss freigeben, bevor wir nicht wissen, wie viele von ihnen in einer Region leben. Sonst werden sie womöglich zu stark dezimiert», begründet Reinhard Schnidrig vom Bundesamt für Umwelt. So will der Bund eine Regulierung auch nur dort zulassen, wo ein ganzes Rudel lebt, der «Bestand gesichert» ist.

Plötzlich waren es acht

Das Schwierige am Wolfsmonitoring ist, dass die 60 Wildhüter ein Tier beobachten müssen, das sich nicht beobachten lassen will. Sie versuchen deshalb indirekt herauszufinden, wo wie viele Wölfe leben: Sie bestimmen Spuren im Schnee, stellen Fotofallen auf, sammeln Kot, Urin, Speichelproben und Haare. Zudem untersuchen sie alle Tiere, die gerissen worden sind. Auf diese Weise konnten etwa F07 und M30 identifiziert werden, die Wölfin und der Rüde, die im Herbst 2011 aus dem Wallis in Graubünden eingewandert sind und sich am Churer Calandamassiv niedergelassen haben. Ein paar Monate später brachte die Wölfin sechs Welpen zur Welt – die ersten, die nach 150 Jahren nachweislich in der Schweiz geboren wurden.

Seit letztem Winter führt Graubünden das Wolfsmonitoring als erster Kanton systematisch durch. Das heisst, die Wildhüter legen Routen fest, die von Wölfen bevorzugt werden. Auf Ski fahren sie diese jedes Jahr ab und sammeln Spuren. Auf diese Weise lassen sich die Ergebnisse aus den verschiedenen Jahren vergleichen.

Graubünden gehört zu jenen Kantonen, die ein besonders konsequentes Wildmonitoring betreiben. Nachdem im 19. Jahrhundert viele Arten ausgerottet oder fast ausgerottet waren, hat sich das Wild hier am schnellsten erholt und zum Teil auch Schäden verursacht. «Mit dem Monitoring können wir nachweisen, dass es richtig ist, bestimmte Tiere zu bejagen», sagt Hannes Jenny, Wildbiologe vom kantonalen Amt für Jagd und Fischerei. Mittlerweile betreibt der Kanton seit 30 Jahren ein systematisches Wildmonitoring. Erst für Hirsche, später für Steinböcke, Steinadler und seit 1997, seit der erste Wolf im Kanton gesichtet wurde, auch für diesen. Heute werden 60 Tierarten beobachtet.

Zweites Wolfsrudel kommt

Natürlich sei das Monitoring aufwendig, räumt Jenny ein. Eine so prägende Tierart wie den Wolf könne man aber nicht unbeaufsichtigt lassen. «Wenn plötzlich 20 Wölfe da wären und sie alle in die Nähe von Siedlungen kämen, dann hätten wir ein Problem.» Auch kann der Kanton den Bauern nur helfen, ihre Herden zu schützen, wenn er weiss, wo wie viele Wölfe leben. Wie hoch die Kosten allein für das Wolfsmonitoring sind, lässt sich nicht sagen. Sie lassen sich nicht separat ausweisen.

In der ganzen Schweiz leben zurzeit 25 bis 30 Wölfe. Ab 1995 sind sie von Italien und Frankreich eingewandert und über das Wallis oder direkt aus dem Süden ans Calandamassiv gelangt. Dort lebt heute das einzige Rudel der Schweiz. Laut Reinhard Schnidrig ist es aber nur eine Frage der Zeit, bis ein zweites entsteht. So wäre es möglich, dass junge Wölfe aus dem Calanda ihr Rudel verliessen und sich in einer anderen Region paarten.

Wolf tappt in Fotofallen

Beste Bedingungen dafür böte Mittelbünden mit seinen vielen Hirschen, Gämsen oder Rehen – der Wolf braucht sie zum Überleben. Schafe sind nur Gelegenheitsbeute. Aber auch im Wallis könnte ein Wolfsrudel entstehen, in der Zentralschweiz, im Säntisgebiet – und im Kanton Zürich. Hier eignen sich am ehesten das Zürcher Oberland, das Tösstal, der Sihlwald und allenfalls auch der Uetliberg und das Limmattal. «Es wird noch Überraschungen geben», sagt Schnidrig. In Schlieren wurde letzte Woche ein Wolf gesichtet – und von einem Zug zu Tode gefahren.

«Wir haben die Augen offen», sagt Jürg Zinggeler, Adjunkt bei der kantonalen Fischerei- und Jagdverwaltung. In Zürich überwachen die Jäger das Wild. Anders als in Graubünden betreiben sie aber kein Monitoring speziell für den Wolf, und es ist zurzeit auch nicht geplant. Dennoch würden die Jäger einen Wolf wohl schnell feststellen, meint Zinggeler. Sie inspizieren alle gerissenen Tiere, und wenn Spaziergänger einen Wolf gesehen haben, gehen sie diesen Meldungen nach. Zudem würden Wölfe auch von den Fotofallen registriert, die eigentlich für den Luchs installiert worden sind.

Der dritte Wurf am Calanda

Nach Ansicht Schnidrigs ist es nur gut, wenn nun auch der urbane Mensch mit dem Wolf konfrontiert wird. «Das könnte die Diskussion in der Schweiz verändern», glaubt er. Die Städter würden so wohl mehr Verständnis für die Sorgen der Bergbevölkerung aufbringen. In Bern vergehe keine Session, in der die Räte nicht über Vorstösse diskutierten, die den Schutz des Wolfes lockern möchten. Und die hätten künftig wohl bessere Chancen.

Vielleicht leben heute aber auch schon mehr als die 25 bis 30 Wölfe in der Schweiz. Schnidrig geht davon aus, dass das Wolfspaar am Calandamassiv dieses Jahr bereits das dritte Mal Junge zur Welt brachte. Es hat sie bisher nur noch niemand gesehen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt