Bundesrat Berset will die Preise für Generika drücken

Gesundheitsminister Alain Berset will, dass die Krankenkassen nur noch die günstigsten Generika bezahlen. Die Pharmabranche und bürgerliche Gesundheitspolitiker laufen Sturm.

Mit dem neuen System ginge die Zahl der Anbieter und die Vielfalt der Präparate zurück, sagt die Pharmabranche. Foto: Reto Oeschger

Mit dem neuen System ginge die Zahl der Anbieter und die Vielfalt der Präparate zurück, sagt die Pharmabranche. Foto: Reto Oeschger

Markus Brotschi@derbund

Bundesrat Berset macht sich zurzeit bei der Pharmaindustrie keine Freunde. Ab 2015 sollen neue Regeln für den Preisvergleich mit dem Ausland gelten, womit bei den Originalpräparaten in den nächsten drei Jahren weitere Preissenkungen von bis zu 150 Millionen Franken resultieren. Gegen die im Juni angekündigten Massnahmen wehren sich die Hersteller patentgeschützter Medikamente vehement. Und nun rüstet sich die Generikabranche gegen eine vom Gesundheitsminister diskret angekündigte Gesetzesänderung, die einen radikalen Systemwechsel bei der Medikamentenvergütung der Kassen einleitet.

Konkret geht es darum, dass die Grundversicherung bei den Arzneimitteln ohne Patentschutz nur noch den Preis der günstigsten Generika erstatten soll. Dieses Referenz- oder Festbetragssystem wenden in Europa zahlreiche Länder an, darunter Deutschland. In der Schweiz würde künftig das Bundesamt für Gesundheit (BAG) für einen Wirkstoff einen Maximalpreis festlegen. Nur diesen würde die Grundversicherung noch vergüten. Bestünde der Patient auf einem teureren Medikament, müsste er die Differenz selbst bezahlen. Heute übernehmen die Kassen in der Schweiz im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern auch Medikamente, die erheblich teurer sind als die günstigsten Generika mit gleichem Wirkstoff. Die Patienten müssen lediglich den doppelten Selbstbehalt (20 statt 10 Prozent) bezahlen, wenn der Preis 20 Prozent oder mehr über dem Preis des günstigsten Generika-Drittels liegt.

Bürgerliche reagieren verärgert

Mit diesem differenzierten Selbstbehalt werde das Einsparpotenzial bei den Medikamenten ohne Patentschutz nicht ausgeschöpft, findet der Bundesrat. Deshalb brauche es den Systemwechsel. Das BAG wird die Gesetzesänderungen an die Hand nehmen, sobald die Preismassnahmen bei den Originalpräparaten definitiv beschlossen sind. Im Frühling dürfte der Bundesrat das Festbetragssystem in die Vernehmlassung schicken.

Die Generika-Branche reagiert schon jetzt auf Bersets Pläne. Der Verband Intergenerika warnt vor der Einführung des «Billigstprinzips». Ausländische Erfahrungen zeigten, dass mit einem Festbetragssystem die Zahl der Anbieter und die Vielfalt der Präparate zurückgehe, warnt Intergenerika-Geschäftsführer Peter Huber. «Patienten und Ärzte verlieren ihre Wahlfreiheit.» Moderne Darreichungsformen von Medikamenten würden nicht mehr angeboten, weil sich Innovationen nicht mehr auszahlten. Zudem gerieten Schweizer Produktionsstandorte für Generika in Bedrängnis.

Warnung vor negativen Folgen für Pharmastandort

Huber hält Bersets Preisdruck zudem für unbegründet. Die Preise der Nachahmerpräparate hätten sich in der Schweiz in den letzten zehn Jahren halbiert. Die Hersteller hätten die Preise zur Vermeidung des erhöhten Selbstbehalts für die Patienten «freiwillig» um rund 100 Millionen gesenkt. Statt einen Preiskampf auszulösen, sollten Massnahmen darauf zielen, dass die Patienten die zur Therapie verschriebenen Medikamente konsequenter einnähmen. Huber verweist auf Schätzungen, wonach jährlich Medikamente im Wert von 500 Millionen Franken weggeworfen werden.

Die Hersteller patentgeschützter Originale sind zwar nicht direkt betroffen von Bersets Festbetragssystem. «Ein Billigstsystem lehnen wir aber klar ab», sagt Thomas Cueni, Generalsekretär des Verbands Interpharma. Auch im Parlament dürfte Berset einen schweren Stand haben. FDP-Ständerat Felix Gutzwiller kritisiert, dass der Bundesrat mitten in der Diskussion über die Erweiterung des Auslandspreisvergleichs auch noch einen Systemwechsel bei den Generika vorschlägt. Gleich sieht es CVP-Nationalrätin Ruth Humbel, die vor negativen Folgen für den Pharmastandort warnt. Und SVP-Nationalrat Thomas de Courten, Präsident von Intergenerika, kritisiert: «Bundesrat Berset konzentriert sich bei seinen Massnahmen zur Stabilisierung der Gesundheitskosten einseitig auf die Medikamentenpreise.»

Den Preisüberwacher freuts

Erfreut zeigt sich dagegen Preisüberwacher Stefan Meierhans. Er fordert wie der Konsumentenschutz seit Jahren das Festbetragssystem. In über 20 europäischen Ländern mit diesem System erlitten die Patienten keine Nachteile bei der Versorgung, sagt Meierhans. Mit der geltenden Regelung des differenzierten Selbstbehalts orientierten sich die Generika­hersteller an den Preisen der Originalpräparate. «Nicht zuletzt deshalb sind die meistverkauften Generika in der Schweiz rund doppelt so teuer wie in den Vergleichsländern», sagt Meierhans. Er sieht mit dem Festpreissystem ein Sparpotenzial von jährlich rund 400 Millionen Franken. Dass das System je nach Ausgestaltung die Schweizer Generikahersteller gefährdet, schliesst Meierhans nicht völlig aus. «Aber zumindest grosse Generikafirmen wie Sandoz und Teva/Mepha sind ja auch im Ausland tätig, wo tiefere Preise Standard sind.»

Unterstützung erhält Berset auch aus seiner Partei. Das Festpreissystem sei im Grundsatz richtig, sagt SP-Nationalrat Jean-François Steiert. Er plädiert für eine pragmatische Umsetzung. Die Ärzte müssten die Therapiefreiheit behalten. Falls der Patient medizinisch begründet ein teureres Medikament benötige, solle die Kasse dieses auch künftig bezahlen.

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