Bauernchef Ritter spielt mit maximalem Einsatz

Bauern und Industrievertreter demonstrieren Härte gegenüber den Pestizidgegnern. Eine äusserst gefährliche Strategie.

Christoph Lenz@lenzchristoph

Es ist eine dornenvolle Frage, die sich den bürgerlichen Strategen um Bauernpräsident Markus Ritter stellt: Wie sollen sie die zwei Volksinitiativen bekämpfen, die den Einsatz von Pestiziden in der Schweiz verbieten oder zumindest massiv reduzieren wollen? Mit einem Gegenvorschlag, der dem Anliegen der Initianten Rechnung trägt, aber den Schaden für die Landwirtschaft reduziert? Oder ohne? Zeitweilig sympathisierte die grünlich schillernde FDP mit einem Gegenvorschlag. Doch die Bauern­lobby und die Wirtschaft haben den Freisinn wieder auf Linie gebracht. Der Kompromiss wankt. Das ist bedauerlich. Gegenvorschläge drängen sich dort auf, wo Anliegen besonders populär sind und der gesetzgeberische Handlungsbedarf unbestritten ist. Beides trifft für die Pestizidinitiativen zu. Sie bedienen den Wunsch nach gesundem Essen, nach einer umweltverträglichen Landwirtschaft und nach entschlossenem Handeln gegen das Insektensterben.

Gegenvorschläge drängen sich dort auf, wo Anliegen populär sind und der Staat sowieso handeln sollte.
Beides ist hier der Fall.

Zugleich weisen die Initiativen auf schwere Versäumnisse in der Agrarpolitik des Bundes hin: Noch immer setzt die Landwirtschaft zu stark auf synthetische Stoffe. Schweizer Bauernhöfe wenden in der Regel 5 bis 10 Prozent ihrer Betriebskosten für Dünger und Pestizide auf. Von den Äckern und Wiesen gelangt das Gift oft direkt ins Grundwasser. Besonders betroffen ist das bevölkerungsreiche Mittelland. Zwischen dem Genfer- und dem Bodensee finden sich fast flächendeckend Rückstände von Pflanzenschutzmitteln im Grundwasser.

Man habe das Problem erkannt, ja handle bereits, beteuern Bauernpräsident Ritter und Landwirtschaftsminister Guy Parmelin. Doch weder der Aktionsplan Pflanzenschutzmittel noch der Entwurf für die Agrarpolitik ab 2022 vermögen zu überzeugen. Geben Bauern und Bundesrat nicht noch ein glaubwürdiges Bekenntnis zum Pestizidabbau ab, droht zumindest bei der moderateren Trinkwasserinitiative ein Volks-Ja. Es würde den Bauernstand unnötig hart treffen, ihn nachgerade umpflügen. Die Verantwortung dafür läge aber nicht bei den Initianten. Sondern bei den bürgerlichen Strategen, die im Bundeshaus den Kompromiss verschmähten.

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