«Als Vater bin ich manchmal überfordert»

Interview

Ist der Lehrplan 21 zu viel des Guten? Heinz Bäbler von «Schule und Elternhaus Schweiz» nimmt Stellung – und wünscht sich Turnunterricht in einer Fremdsprache.

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Anja Burri@AnjaBurri

Der Lehrplan 21 müsse umfassend überarbeitet werden, sagen Lehrerverbände. Sehen dies die Elternorganisationen genauso?
Der neue Lehrplan ist sicher sehr umfangreich. Aber nun ist einfach alles im gleichen Paket drin. Wer also in den Lehrplan für Fünftklässler schaut, sieht auch, was die Kinder in der vierten Klasse gemacht haben und was sie in der sechsten Klasse lernen werden. Das finden wir Eltern von der Organisation Schule und Elternhaus gut.

Nur ein Drittel der Kinder werde es schaffen, die Mindestanforderungen im Lehrplan zu erfüllen, sagen die Lehrer. Teilen Sie diese Befürchtung?
Das ist für uns Eltern sehr schwierig einzuschätzen. Da vertrauen wir auf die Fachleute, also die Lehrerinnen und Lehrer. Generell stellen wir aber fest, dass die Anforderungen an die Schüler in den letzten Jahren viel höher geworden sind. Als Mutter oder Vater staunt man häufig, wie anspruchsvoll die Schule ist. Im Gespräch sagte mir kürzlich ein Vater: «Heute würde ich die Matura nicht mehr bestehen.» Eine Mutter erzählte mir, dass sie manchmal echt Mühe habe, die Hausaufgaben der Kinder nachzuvollziehen. Diese Frau hat selber erst vor rund 15 Jahren die Matura gemacht.

Mit den neuen Medien, Berufsorientierung oder ethischen Fragen wird die Stoffmenge immer grösser. Wie stehen Sie dazu?
Der Umgang mit Medien oder die Berufswahl sind Themen, welche die Eltern und die Schule gemeinsam anpacken müssen. Ich muss Ihnen ehrlich sagen: Als Vater bin ich manchmal überfordert mit den neuen Medien. Was soll ich tun, wenn die Schule eine Facebook-Seite hat und die Fotos dieser Facebook-Seite plötzlich im Internet auftauchen? Hier sind Schule und Elternhaus gefordert, zum Beispiel beim Thema Sicherheit oder beim Umgang mit den neuen Medien. Es geht nicht um Verbote, sondern um das Erlernen eines sicheren Umgangs mit den heutigen Medienmöglichkeiten.

Die hohen Ansprüche sind also eine Entwicklung, die unabhängig vom Lehrplan 21 stattfindet?
Ich denke schon. Wenn nun der Lehrplan dies unterstreicht, dann müssen vielleicht auch die Lehrer noch einmal dahinter. Es braucht sicher genug Weiterbildung für die Lehrpersonen.

Was erwarten die Eltern sonst noch vom Lehrplan?
Ich möchte zuerst unterstreichen, was wir begrüssen: Die Kompetenzorientierung ist wirklich eine gute Sache. Es ist gut, dass die Schule die Kinder nicht mehr einfach mit Wissen abfüllt, sondern auch Wert auf das Anwenden von Wissen und eigenständiges Denken legt. Aber da sind wir auch schon bei den Erwartungen. Es braucht nicht nur für die Lehrer Unterstützung, sondern auch die Eltern müssen informiert werden. Mütter und Väter müssen verstehen, was die Kompetenzorientierung für das Kind und dessen Lernverhalten bedeutet. Für solche Dinge muss die Politik genügend Mittel zur Verfügung stellen.

Sie fordern Geld.
Ja. Die Erziehungsdirektoren und Kantonsparlamente müssen beweisen, dass sie es ernst meinen. Was nützt es, wenn im Lehrplan 21 Schwimmen als Mindestanforderung definiert ist, wenn es überall an Hallenbädern fehlt und viele Kinder deswegen gar keinen Schwimmunterricht mehr erhalten?

Für guten Deutsch- und Mathematikunterricht braucht es keine teuren Hallen, sondern ein vernünftiges Konzept.
Auch da sind schon grobe Fehler passiert. Das jüngste Beispiel ist die Fremdsprachenstrategie. An sich finde ich es eine gute Idee, in der dritten und fünften Klasse je eine Fremdsprache einzuführen. Aber es braucht die Mittel und Ressourcen, um dies umzusetzen. Um den Primarschülern eine Fremdsprache beizubringen, könnte man ab und zu den Turnunterricht auf Französisch geben oder einen Klassenaustausch mit einer Schule in der Romandie durchführen. Aber solche Dinge sind nicht ohne Mehraufwand zu haben. Die zweite Fremdsprache wurde und wird eingeführt, ohne dass dafür die Mittel zur Verfügung stehen. Das ist zum Scheitern verurteilt. So darf es beim Lehrplan 21 auf gar keinen Fall laufen.

baz.ch/Newsnet

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