«2000 Schweizer Hotels sind nicht marktfähig»

Hintergrund

Tourismusprofessor Christian Laesser sagt, warum kleine Hotels kaum überlebensfähig sind und was sie ändern müssen. Eine Hotelgruppe im Lötschental ist mit glänzendem Beispiel vorausgegangen.

Klein, aber fein: Hotel Swiss Chalet in Merlischachen SZ. (8. August 2011)

Klein, aber fein: Hotel Swiss Chalet in Merlischachen SZ. (8. August 2011)

(Bild: Keystone Sigi Tischler)

Olivia Raths@tagesanzeiger

Der Bund will dem Tourismus in der Schweiz mit einem Impulsprogramm wieder auf die Sprünge helfen. Teil des 200-Millionen-Franken-Programms ist die Förderung der Hotellerie, die in den letzten Jahren stark unter schwindenden Logiernächten gelitten hat. «90 Prozent der Hotels in der Schweiz haben weniger als 50 Zimmer und eine zu tiefe Auslastung», sagte Bundesrat Johann Schneider-Ammann heute an einer Medienkonferenz. «Die touristischen Betriebe und die Destinationen sind tendenziell zu klein.»

Laut Christian Laesser, Professor am Research Center for Tourism and Transport der Universität St. Gallen, ist von den rund 6000 Schweizer Hotels etwa ein Drittel nicht marktfähig. «Man kann aber nicht pauschal behaupten, dass grosse Hotels gut rentieren und kleine schlecht. Trotzdem: Die kritische Grenze liege zwischen 20 und 50 Zimmern pro Hotel.» Laesser glaubt jedoch, man würde ein falsches Signal aussenden, wenn man die nicht marktfähigen Hotels künstlich am Leben erhielte.

Hotels müssen nicht physisch grösser werden

Viele Schweizer Hotels haben laut Laesser eine veraltete Infrastruktur und zu kleine Zimmer. «Heutzutage reicht den Gästen, die länger als nur eine Nacht bleiben, nicht mehr nur ein Zimmer mit Bett; sie suchen oft auch Wohnraum dazu», erklärt Laesser. Entsprechende Anpassungen seien jedoch teuer und aufgrund der Zweitwohnungsinitiative nicht mehr mit der Umnutzung von Wohnraum finanzierbar. Das Geld für Renovationen und Erweiterungen müsse also aus dem Kerngeschäft, der Übernachtung, kommen. Darüber hinaus seien auch weitere Einsparungen möglich. Potenzial dafür gibt es laut Laesser einiges: «Die Fixkosten, insbesondere mittlerer Hotels, sind hoch angesichts ihrer bescheidenen Grösse. So verfügen beispielsweise viele über ein Restaurant mit allem Drum und Dran. Dieses verbrennt jedoch oft Geld, anstatt dass es solches macht.»

Was sollten denn kleinere Hotels tun, um Kosten zu senken? «Sie müssen nicht physisch grösser werden», so Laesser. «Wichtig ist, dass mehrere Betriebe die Wertschöpfungskette miteinander teilen, um Fixkosten zu sparen und sich in unterschiedlichen Märkten zu positionieren.» So könnten sie ihre Investitionen gemeinsam planen, Leistungen und Kosten teilen, etwa bei der Restauration. Auch Geschäftsmodelle seien gegebenenfalls grundsätzlich zu überdenken. So könnte ein Hotel anstelle eines Restaurants mit Küche und Servicepersonal auch einen kleinen Laden einrichten, erklärt der Professor. «Gäste, die ohnehin nur schnell etwas essen möchten, können dort Menüs zum Aufwärmen und Mitnehmen kaufen. Und wenn sie dann richtig essen wollen, ist dies in ausgewählten Partnerrestaurants möglich.»

Erfolgreiche Zusammenschlüsse im Wallis

Bereits erfolgreich zusammengeschlossen haben sich vier Hotels und ein Resort mit 60 Ferienwohnungen im Lötschental. Seit 2011 treten sie als Lötschental Group auf und nutzen Synergien in Bereichen wie Marketing, Kapitalbeschaffung, Einkauf und Versicherungsprämien. Zudem haben Halbpensionsgäste die Möglichkeit, in den Restaurants der anderen Partnerhotels zu dinieren. Das Resultat nach dem ersten Jahr: Der gemeinsame Abschluss der Hotels ergab mehr als 30 Prozent tiefere Kosten, wie die «Hotel Revue» berichtet. «Die Kooperation ist eine grosse Hilfe für uns», sagt Helene Bellwald, die mit ihrem Mann das Hotel Nest- und Bietschhorn im Lötschental besitzt, gegenüber dem Blatt. Seit 2006 machen zudem sechs Hotels in Grächen gemeinsame Sache unter dem Namen Matterhorn Valley Hotels, ebenfalls mit Erfolg. Ähnliches planen mehrere Hotels im Toggenburg.

Zusammenschlüsse bringen laut Laesser neben Kosteneinsparungen auch personelle Vorteile: «Damit können aufsteigende Profis in der Region behalten werden. Heute findet ein nicht zu unterschätzender ‹brain drain› in den Schweizer Berggebieten statt.» Wie Laesser erklärt, bleibt jungen Talenten oft nichts anderes übrig, als das Hotel zu verlassen, wenn sie aufsteigen oder andere Betriebsbereiche kennenlernen wollen. «Spannen Hotels mehr zusammen, können sich Fachkräfte innerhalb des Verbundes hocharbeiten, was wiederum der Qualität der Betriebe zugutekommt.»

baz.ch/Newsnet

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