Spiessbürgerliche Tyrannei der Mehrheit

Das von den SBB geplante Rauchverbot an Bahnhöfen ist ein unnötiger Eingriff in die persönliche Freiheit.

Qualmfreie Zone: Im gesamten Bahnhof SBB darf ab Dezember nicht mehr geraucht werden.

Qualmfreie Zone: Im gesamten Bahnhof SBB darf ab Dezember nicht mehr geraucht werden.

(Bild: Florian Bärtschiger)

Alexander Müller@mueller_alex

Jetzt also auch noch ein Rauchverbot an Bahnhöfen. Die Pläne der SBB, die Raucher von allen Perrons in der Schweiz zu verbannen, ist ein weiterer Schritt einer Gesellschaft, die jeden Bereich des Lebens in enge Regeln und Gesetze pressen will. Rauchverbote werden meist mit dem Schutz der Gesundheit begründet. Jenem der armen Raucher, die vor sich selbst geschützt werden müssen. Oder jenem der Nichtraucher, die vor den (manchmal tatsächlich) rücksichtslosen Rauchern geschützt werden wollen.

Dass ein Rauchverbot in geschlossenen Räumen sinnvoll ist, bestreitet kein Raucher ernsthaft. Der Sinn eines Rauchverbots in gut durchlüfteten Bahnhöfen hingegen erschliesst sich auch vielen Nichtrauchern nicht unbedingt. Mit dem Passivraucherschutz ist dies auf jeden Fall nicht zu begründen. Oder will jemand ernsthaft behaupten, dass sich seine Lebenszeit auch nur um eine Sekunde verkürzt, weil ihn ab und zu mal ein Rauchwölkchen erreicht? Das ist absurd.

Zugpendler sterben früher

Wenn man im Zusammenhang mit der Eisenbahn über gesundheitliche Schäden reden will, gibt es andere, weit realere Probleme. Die Fahrt in voll besetzten Zügen birgt ein hohes Risiko, sich mit Krankheiten aller Art anzustecken. Der volkswirtschaftliche Schaden durch die daraus resultierenden Ausfalltage der Arbeitnehmer dürfte gewaltig sein.

Eine Studie der Universität Glasgow kam im Frühling 2017 zum Schluss, dass Pendler, die mit dem Velo zur Arbeit fahren anstatt mit dem Zug oder dem Auto, ein um bis zu 45 Prozent geringeres Krebsrisiko haben. Und eine um bis zu 46 Prozent reduzierte Wahrscheinlichkeit, herzkrank zu werden. Insgesamt liege die Wahrscheinlichkeit eines frühzeitigen Todes bei Velopendlern rund 41 Prozent tiefer.

Auch die Eisenbahn selbst sorgt für gesundheitliche Schäden: Die SBB verursachen nach eigenen Angaben jährlich etwa 1000 bis 1400 Tonnen Feinstaub. Zum Vergleich: Der Russ-Ausstoss aller Dieselmotoren in der Schweiz betrug im Jahr 2010 rund 1500 Tonnen. Die Technische Universität Wien berechnete im Jahr 2010, dass der schienengebundene ÖV der österreichischen Hauptstadt fast genauso viele Feinstaubpartikel wie der Strassenverkehr verursacht. Und Forscher der Middlesex University ermittelten vor Jahren, dass die Feinstaubbelastung in der Londoner U-Bahn den Grenzwert um mindestens den Faktor 10 übersteigt. Der Bremer Epidemiologe Eberhard Greiser rechnet wegen des zunehmenden Bahnlärms alleine entlang der Rheintalstrecke bis 2021 mit 75'000 zusätzlichen Erkrankungen und 30'000 Toten.

Wer sich also um die Gesundheit der Menschen sorgt, sollte besser gar keinen Fuss in einen Zug setzen. Auch den SBB ist wohl klar, dass mit dem Passivraucherschutz bei ihren Verbotsplänen nicht argumentiert werden kann. Die SBB begründen das Rauchverbot daher mit den «regelmässigen Kundenanfragen» diesbezüglich. Die Passagiere seien den «liberalen» Raucherregeln zunehmend abgeneigt.

Es geht nur um Befindlichkeiten

Nennen wir das Kind doch beim Namen: Es geht letztlich nur um das Befriedigen von spiessbürgerlichen Befindlichkeiten. Wenn eine (angenommene) Mehrheit etwas als störend empfindet, reicht dies heutzutage offenbar bereits als Grund für ein Verbot aus.

Wenn genug Kundenklagen eingehen, müssten SBB-Bahnpolizisten künftig im Sommer auch nach Schweiss stinkende Passagiere aus dem Zug spedieren. Oder wenn sich eine Mehrheit der ruhesuchenden Pendler an schreienden Kleinkindern stört: Wird sich die Bahn dann ernsthaft über ein Fahrverbot von Jungfamilien zu Pendlerzeiten Gedanken machen?

Die Befürworter eines Rauchverbots auf Perrons sollten sich bewusst sein, dass sie in anderen gesellschaftlichen Fragen möglicherweise einer Minderheit angehören. Wollen wir wirklich in einer Gesellschaft leben, die alles verbietet, was eine Mehrheit der Menschen als sinnlos, überflüssig oder störend empfindet? Wollen wir das, was Alexis de Tocqueville vor bald 180 Jahren als «Tyrannei der Mehrheit» bezeichnete? Der französische Philosoph warnte im 19. Jahrhundert vor den Gefahren einer Mehrheitsgesellschaft, deren inhärente Tendenz zur Gleichmacherei eine wachsende Gefahr für den individuellen Freiraum ist.

Auch wenn ein Rauchverbot an Bahnhöfen nicht das Ende des freien Menschen bedeutet: Es ist ein weiterer befremdlicher Ausdruck der immer einschneidender um sich greifenden Bevormundung des Individuums durch Behörden und quasistaatliche Entscheidungsträger, um die Menschen vor den Abgründen des Menschseins zu beschützen.

Sind wir wirklich schon eine dermassen überempfindliche und intolerante Gesellschaft, die nicht mal mehr schlechte Gerüche aushält?

Basler Zeitung

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