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Sie waren Helden

Einst eroberten die Schweizer Hoteliers die Welt. Ein Rückblick.

Wie im Märchen. Ein Gasthaus auf dem Faulhorn in Grindelwald (BE).
Wie im Märchen. Ein Gasthaus auf dem Faulhorn in Grindelwald (BE).
Keystone

Zwar geht es dem schweizerischen Tourismus anscheinend wieder besser, wie die Branche gerne meldet, ebenso sind wir milde gestimmt, da die einen schon in die Ferien gefahren sind und die andern sich bald dorthin begeben, dennoch wissen wir alle: Die Krise der schweizerischen Gastfreundschaft ist noch lange nicht ausgestanden. Nach wie vor breiten sich sogenannte Servicewüsten in unseren alten Tourismusorten aus, wo verständnislose Kellner uns die Speisekarte anwerfen, bevor sie das Essen auf den Tisch kippen oder, wenn um eine Auskunft angegangen, sie sprachlos im Boden versinken, weil sie keine unserer vier Landessprachen beherrschen. Aromat, ausgetrocknetes Kägi fret, Maggi-Flasche, jahrhundertalte Biberli: Noch immer gibt es Restaurants, auf deren Tischen diese Arrangements des gastronomischen Selbstmordes herumstehen, bis sich ein armer Gast aus dem Ausland ahnungslos davon bedient – und niemals wiederkehrt, es sei denn als Sterbetourist.

Das alles müsste nicht sein – und wer in den vergangenen Jahren zum Beispiel nach Österreich gereist ist, wie immer mehr Schweizer, der weiss das. Hier in den Ostalpen empfängt uns eine geradezu mustergültige Freundlichkeit, hier kommen Hotelbetriebe vor, wo sich meistens eine Besitzerfamilie um jedes Detail kümmert; wo das Essen schon dasteht, und zwar glutenfrei, laktosefrei oder fleischlos, kaum haben wir uns hingesetzt; wo die Zimmer neu und frisch wirken wie gebügelte Hemden; wo Sportanlagen modern sind und die alpinen Traditionen am Leben erhalten werden, ohne dass wir den Eindruck erhalten, ein Ötzi in Lederhosen bediene uns. Umfragen bestätigen diesen anekdotischen Befund: 17 000 Besucher eines internationalen Reiseportals wählten Österreich 2012 zum «gastfreundlichsten» Land der Welt, während die Schweiz den letzten Rang belegte. Ein Desaster, eine Schande, eine Schmach für das wohl älteste Tourismusland der Welt.

Zu Gast bei Freunden

Wie alt, wie edel diese Branche, die weltberühmte schweizerische Hotellerie, einmal war, offenbart ein Text, den ich kürzlich in einer alten Ausgabe der Hotel Revue entdeckt habe. 1897 besprach dieses Organ des Schweizer Hotelier-Vereins – das Blatt erschien in Basel – einen Reisebericht, den der Franzose Yves Guyot verfasst hatte. Guyot (1843–1928) war nicht irgendwer, sondern ein ehemaliger Minister der französischen Regierung, der offenbar nach seinem unfreiwilligen Rücktritt in Paris Zeit genug hatte, um Europa zu bereisen und darüber zu schreiben – unter anderem über die Schweiz. Hier fühlte er sich wie Gott in Frankreich: «Die Schweizer sind die Gastwirte Europas», schrieb er, «sie haben wunderbare Gasthäuser eingerichtet, welche Paläste sind, und daneben bescheidene Pensionen, wo man für vier, fünf, sechs Franken täglich leben kann.» Was in Österreich heute noch der Fall, war damals in der Schweiz ebenso üblich: Familien betrieben diese Hotels, und sie gaben dem Gast das Gefühl, kein Kunde zu sein, sondern ein vertrauter Freund: «Den Vertrag hüllen sie in familiäre Hüllen ein, und nicht nur die Hoffnung auf Gewinn ist der Grund dieser Leutseligkeit, sie ist ihnen zur Natur geworden. Wenn man in einem alten, gut geführten Hause absteigt, wird man empfangen, wie wenn man zur Familie gehörte. Die Wirtin setzt sich einen Augenblick an unsern Tisch, und wenn sie uns noch eine besondere Ehre antun will, schenkt sie uns selbst den Wein ein.»

Als Guyot gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Schweiz besuchte, erlebte deren Hotellerie eine goldene Zeit, ihre Häuser galten als die ersten und besten des Kontinents, von weit her, selbst aus Amerika, strömten die Gäste herbei, weil sich die schweizerische Qualität des Dienens, Lächelns und sich im richtigen Moment auch Kleinmachens bewährte. Über eine seiner Gastgeberinnen, die sich zu ihm gesetzt hatte, erzählte Guyot: «Sie richtet einige Fragen an uns, redet von uns, redet dann ein bisschen von sich selbst, und im Augenblick, wo sie lästig zu fallen fürchtet, erhebt sie sich.» Mit dieser Methode nahmen die Schweizer sehr viel Geld ein, jährlich, so rechnete Guyot vor, rund 130 Millionen Franken, Trinkgelder und Bahnbilletts inklusive – eine gewaltige Summe, die heute umgerechnet etwa 6 Milliarden Franken entspräche. Damals stammten die meisten Gäste aus dem Ausland, bloss 13 Prozent waren Schweizer; in der Gegenwart machen diese über die Hälfte aller Kunden aus, mit anderen Worten, zur Zeit Guyots war der Tourismus überwiegend eine Art Exportindustrie, die wie andere Branchen zur hervorragenden Reputation unseres Landes in der ganzen Welt beitrug.

Ein globalisiertes Land

Von Servicewüsten war nie die Rede, sondern im Gegenteil, die schweizerische Hotellerie war die Benchmark für die übrigen Länder, die eifrig und manchmal verzweifelt versuchten, uns zu imitieren. Deshalb wurden die berühmtesten Hotelfachschulen des Globus in der Schweiz gegründet, wo junge Leute aus halb Europa lernten, wie man die Gäste betreut und erfreut. Wenn es vor dem Ersten Weltkrieg ein durch und durch globalisiertes Land gegeben hat, dann war dies ironischerweise das Binnenland Schweiz, jenes scheinbar rückständige Land der sieben Zwerge hinter den sieben Bergen.

Guyot wusste es besser, wenn er über die Spitzenposition der Schweizer Hoteliers festhielt: «So ist [in der Schweiz] für ganz Europa die Formel des grossen, modernen Hotels entstanden. Man findet Schweizer von einem Ende Europas bis zum andern. Sie bringen überallhin ihre Gewohnheiten und ihre Methoden. Sie kehren in ihr Land zurück, nachdem sie Erfahrungen gesammelt und die fremden Sprachen erlernt haben.» Die Schweizer zogen in alle Welt, um sozusagen als Entwicklungshelfer den dortigen Hoteliers den neusten Stand der Beherbergungstechnologie beizubringen.

Sipuro, oho!

Wie so oft, wenn die Schweiz reüssiert, leisteten Ausländer auch hier einen nicht unwesentlichen Beitrag, wie Guyot – mit einer durchaus originellen Theorie – hervorhob: «Das schweizerische Hotel verdankt seinen Ursprung dem vollständigen Zusammenarbeiten der Engländer und der Schweizer. Die Engländer verlangen Komfort und Reinlichkeit, und die Schweizer verstanden es, diese beiden Bedingungen zu erfüllen.» Was wir heute als Klischee betrachten – schweizerische Sauberkeit –, ist historisch vielfach belegt. Schon in Reiseberichten aus dem 17. und 18. Jahrhundert streichen Ausländer diese nationale Marotte der Schweizer heraus, wobei sie diese durchgängig positiv ansehen, was in einer Zeit der grassierenden Epidemien und ansteckenden Krankheiten nicht überraschen kann.

Nirgendwo, so macht es den Anschein, waren die Städte und Dörfer und Herbergen so sauber wie in der Schweiz, genauer: in den reformierten Kantonen, was wiederum vor allem den protestantischen Engländern auffiel. Tatsächlich legten diese grossen Wert auf Hygiene,weshalb sie Länder mieden oder kritisierten, die diesen Standard nicht aufwiesen. In dieser Hinsicht genoss ausgerechnet Deutschland noch im 19. Jahrhundert einen miserablen Ruf. In den Augen der damals sehr reisefreudigen – da sehr reichen – Engländer galten die Deutschen als schmuddelig, schlecht organisiert, wenn nicht gar dreckig. Nichts plagte die Engländer dabei mehr als das deutsche Bett, das offenbar sehr weich war und durchhing, sobald die meist gut genährten Engländer sich zur Ruhe legen wollten. Wie gekrümmte Bananen steckten sie in den deutschen Betten fest und fanden keinen Schlaf.

Guyot war im Übrigen ein äusserst farbiger Politiker. Den einstigen Journalisten und ausgebildeten Ökonomen zeichnete aus, was er hasste: den Sozialismus, jeden Etatismus und Protektionismus, kurz, es handelte sich um einen Franzosen, wie wir ihn heute kaum mehr kennen. Ein Radikaler war er in jeder Hinsicht, ein Liberaler auch, der sich mit allen gerne anlegte und deshalb oft gezwungen war, ins Ausland zu reisen, weil er abermals eine politische Niederlage erlitten hatte. Wenn man liest, wie er die Schweiz preist, und zwar für die richtigen Dinge, ergreift mich bisweilen Wehmut. Es hat etwas Rührendes, etwas Trauriges zugleich.

Sie waren Helden, die Schweizer Hoteliers. Der grösste aber war der Portier. Guyot schrieb: «Fast überall ist der Portier ein Schweizer. Er redet alle Sprachen und kennt alle Länder. Er hat es mit hundert, zweihundert, oft dreihundert Reisenden zu tun. Im Augenblick, wo wir ankommen, kennt er die Nummer des für uns bestimmten Zimmers. Er sagt uns, dass Zeitungen oder Briefe im Bureau für uns bereit liegen. Er kennt vom ersten Tag an unsere Namen, benachrichtigt uns, es sei jemand dagewesen, der nach uns gefragt habe, ist auf dem Laufenden in Bezug auf unsere Pläne und Beziehungen und ist immer bereit, unsern Wünschen entgegenzukommen. Er weiss alles, sorgt für alles.»

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