Politik gehört nicht in die Armee

Es ist erstaunlich, wie ruhig die Menschen im Militär sind, obwohl in unserer Gesellschaft eine politische Überreizung stattfindet, wie wir sie schon lange nicht mehr gesehen haben.

Wirklich über Politik diskutiert wird nur dann, wenn die Armee direkt betroffen ist.

Wirklich über Politik diskutiert wird nur dann, wenn die Armee direkt betroffen ist.

(Bild: Keystone)

Serkan Abrecht

Meine Mutter, sie war jahrzehntelang eine überzeugte Sozialdemokratin, bis die SP den Weg eingeschlagen hat, auf dem sie heute stramm einhermarschiert. Meine Mutter hat immer die Tugend gepflegt, dass Politik an den Stubentisch gehört. Seit den 68ern oder der Emanzipationsbewegung im Generellen, sagt man ja, dass das Politische nicht mehr privat sei. Das Militär ist da – wie auch in anderen Belangen – noch alte Schule.

Ich wage mal zu sagen, dass die ­Mehrheit der Angehörigen der Armee Liberale oder Konservative sind. So wie auch die Mehrheit der Schweiz. Viele sind apolitisch, und manche sind eben diese strammen Sozialdemokraten. Es ist eine These, die schwer zu belegen ist. Denn: Politik gehört sich nicht in der Armee. Man ist dort die ausführende Gewalt. Wir haben einen Eid auf die Flagge und die schweizerische Eidgenossenschaft geschworen – was von Anhängern der supranationalistischen Utopie oder von Sozialisten durchaus als politischer Akt gewertet kann –, aber mit diesem Eid geht auch einher, dass Politik Sache des Parlaments und der Zivilbevölkerung ist. Zu Letzterer gehört man aber nicht mehr, sobald man seine Uniform angelegt hat.

Es ist aber erstaunlich, wie ruhig die Menschen im Militär sind, obwohl in unserer Gesellschaft eine politische Überreizung stattfindet, wie wir sie schon lange nicht mehr gesehen haben. Aber Populismus ist in der Armee nicht gerne gesehen. Ich habe immer gedacht, dass es manchen Militaristen schwer fällt, aufs Maul zu hocken, weil sie sich zivil fast ausschliesslich mit Politik befassen. Mir ergeht es jedenfalls so.

Mich dünkt es, dass es einfacher ist, mit einem Offizier oder Soldaten über seine Ehe zu sprechen als über seine politische Haltung

Ich habe mit einem Offizier gedient, der im Privatleben bei der FDP Schweiz angestellt ist. Ich diene jetzt mit einem Offizier, der noch immer bei der FDP Schweiz angestellt ist. Ich habe mit einem Soldaten gedient, der Einwohnerrat bei der SP ist. Ich habe mit einem Unteroffizier gedient, der einst Sprecher für seine kantonale SVP war. Mit keinem habe ich je eine politische Debatte geführt. Manchmal rutscht mir vielleicht eine kleine Spitze raus. Zum Beispiel wenn ich einen Befehl mit einem «Ja, aus Vernunft» begründe, und der Frei­sinnige dann kurz kichern muss. Aber ansonsten belassen wir es bei militärischen, beruflichen oder privaten Themen.

Mich dünkt es, dass es einfacher ist, mit einem Offizier oder Soldaten über seine Ehe zu sprechen als über seine politische Haltung. So sehr ist das Politische verpönt. So sehr ist es privat. Mancher mag nun sagen, dass diese Haltung rückschrittlich sei. Manche mag sagen, dass diese Haltung kontraproduktiv sei, da so Probleme nicht in Gesellschaft und Politik getragen werden.

Wirklich über Politik diskutiert wird nur dann, wenn die Armee direkt betroffen ist. Ich habe einst ein langes Gespräch mit dem SP-Einwohnerrat-Soldat geführt, als die Debatte um die Abschaffung der Armee erneut aufflammte. Da fragte ich ihn, wie er bei den Sozialdemo­kraten sein und trotzdem diese Uniform tragen könne. Er fragte: «Möchtest du jetzt ernsthaft über Politik sprechen?» Als ich bejahte, sagte er: «Ein Sozialdemokrat zu sein, bedeutet nicht, ein Gegner der Armee zu sein. Zuletzt gehört sie ja auch zum Staat.» Er grinste. Ich sagte: «Immerhin, kompromissloser Etatismus.» Somit war das Gespräch wieder beendet.

Weil eben diese politische Ruhe in den Gliedern der Tarnfarben herrscht, freue ich mich jährlich auf meinen WK. Es ist ein politischer Detox. Ein Ort, wo der angenehme Ton herrscht, dass eben das Politische nicht aufs Feld und nicht in die Offiziersmesse oder Soldatenstube gehört. Manchmal wünschte ich mir, es wäre auch im zivilen Leben so.

Basler Zeitung

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