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«Mir verdirbt es das Jubiläums-Jahr»

Alt Ständerat Andreas Iten kritisiert Auftritte von Christoph Blocher und Bischof Huonder an der Bruder-Klaus-Feier.

Bruder Klaus für alle: Auf dem Dorfplatz von Sachseln installieren Arbeiter eine Skulptur von Niklaus von Flüe.
Bruder Klaus für alle: Auf dem Dorfplatz von Sachseln installieren Arbeiter eine Skulptur von Niklaus von Flüe.
Keystone

Dass es so kommen würde, war so sicher wie das Amen in der Kirche. Kaum eine historische Figur wird von so vielen so unterschiedlichen Gruppen für ihre eigenen Deutungen beansprucht wie der 1417 geborene und 1947 heiliggesprochene Mystiker Niklaus von Flüe. Noch ist das Gedenkjahr zum 600. Jahrestag seines Geburtstags jung. Aber bereits hat es in der Innerschweiz zu heftigen politischen Kontroversen geführt. Während der Bundesrat dem Nationalheiligen die kalte Schulter zeigte und einer nationalen Gedenkfeier eine Absage erteilte, machte man sich in von Flües Heimatkanton Obwalden bereits seit 2012 Gedanken, ob und wie des mittelalterlichen Mystikers zu gedenken sei. In einem Workshop versammelten sich 30 Persönlichkeiten aus Kirche, Politik, Wissenschaft und Kultur und berieten, wie sie «mit Niklaus von Flüe zu den aktuellen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Fragen konstruktiv beitragen könnten».

Das Resultat ist eine Vielzahl von Veranstaltungen. Die offiziellen Höhepunkte des Gedenkjahres sind ein Festakt Ende April, an dem unter anderen Bundespräsidentin Doris Leuthard und Vertreter der Kantonsregierungen teilnehmen, sowie die ökumenische Feier «600 Jahre Bruder Klaus – 500 Jahre Reformation», die letzten Samstag in Zug stattgefunden hat. Unter den Rednern war der grüne alt Nationalrat und Historiker Jo Lang.

Zudem rief der für das Gedenkjahr gegründete Trägerverein «Mehr Ranft» dazu auf, eigene Projekte zu lancieren, die auch auf der Plattform des Vereins aufgeführt sind. Unterstützung erhält Mehr Ranft von einem 28-köpfigen wissenschaftlichen Beirat, der zuständig ist für «relevante Diskussionsbeiträge und Impulse zu zeitgenössischen Fragen in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Kirche, Kultur und Lehre im Zusammenhang mit aktuellen Auseinandersetzungen und Fragestellungen um Niklaus von Flüe, sein Leben, sein Wirken und seine Botschaften».

Viele der Veranstaltungen tragen hochtrabende Titel wie «Nimm mich mir! – Eine szenische Recherche». Es gebe jedoch nicht nur akademische Beiträge, versichert Mehr-Ranft-Geschäftsführer Beat Hug, und nennt etwa den Comic zu Bruder Klaus.

Verschiedene Geldgeber

Bodenständiger soll es dagegen am 19. August zu und her gehen. Dann findet in Flüeli-Ranft eine nationale Gedenkfeier statt, wie das Komitee «Die Schweiz mit Bruder Klaus» im Januar bekannt gegeben hat. Die Feier sei keine Gegenveranstaltung zum Mehr-Ranft-Programm, sondern eher eine Reaktion auf die Absage des Bundesrates für eine nationale Feier, erklärt Monika Rüegger, Kantonsrätin und Präsidentin der Obwaldner SVP, die dem Organisationskomitee vorsteht.

Am 19. August wollen die Organisatoren den Menschen Niklaus von Flüe ebenso würdigen wie den Heiligen und Ratgeber, der die Geschichte der Eidgenossenschaft prägte. Als Redner treten Alt-Bundesrat Christoph Blocher und der Nidwaldner Historiker und SVP-Nationalrat Peter Keller auf. Ans Rednerpult tritt auch der Churer Bischof Vitus Huonder, zu dessen Diözese Flüeli-­Ranft gehört.

Umrahmt wird die Feier in der Mehrzweckhalle von Flüeli-Ranft mit einem für den Anlass produzierten Film mit Theaterszenen zum Leben und Wirken von Bruder Klaus sowie durch musikalische Einlagen. Zudem sei geplant, erklärt Organisatorin Monika Rüegger weiter, Getränke und Speisen anzubieten, wie es sie vor 600 Jahren in Flüeli-­Ranft gegeben habe. Zum Budget und dazu, wie viele Sponsoren bereits verpflichtet werden konnten, will sich die OK-Präsidentin zum jetzigen Zeitpunkt nicht äussern. Nur so viel: «Christoph Blocher übernimmt die Kosten nicht, es sind vielmehr verschiedene Unternehmen, die uns zum Teil namhafte Beträge in Aussicht gestellt haben.»

«Unappetitliche Veranstaltung»

Doch die konkreten Pläne des Komitees sind zur Nebensache geworden, seit die Rednerliste mit Christoph Blocher und Vitus Huonder bekannt ist. Denn damit ist für Kritiker klar, dass rechtskonservative Kreise Niklaus von Flüe für ihre Zwecke einspannen wollen. «Es bekommt plötzlich einen politischen Anstrich», wetterte etwa der Zuger alt FDP-Ständerat Andreas Iten in den Leserbriefspalten der Luzerner Zeitung. Blocher habe schon einmal über Bruder Klaus referiert und diesen zu einem Propagandaträger seiner Ideen gemacht. Zwar sei ihm unbenommen, sich an den Feierlichkeiten zu beteiligen. «Mir aber verdirbt er das Jubiläumsjahr.»

Der Obwaldner Autor Carlo von Ah geht noch weiter und beschimpft die Gedenkfeier ebenfalls in einem Leserbrief als «unappetitliche Veranstaltung, die einer Verspottung und Verhöhnung von Bruder Klaus und des Obwaldner Volkes gleichkommt». Es sei zu prüfen, ob der Beschluss der Obwaldner Regierung von 1482 noch gelte, das Gebiet um den Ranft abzusperren, um den Einsiedler vor «Wunderfitzigen, Besserwissern und hergelaufenen Schurken» zu schützen. Der Friedensstifter von Flüe benötige keine Lobesworte von «Unfriedensstiftern» der weltlichen und kirchlichen Schweiz. Und ein CVP-naher Verein aus dem Entlebuch wollte die Interpretation des Heiligen nicht Blocher überlassen, wie sich Präsident Christian Ineichen vom katholischen Onlineportal kath.ch zitieren liess, weshalb man den «Politischen Aschermittwoch im Entlebuch» vom 1. März rasch ebenfalls dem Thema «Bruder Klaus» widmete und CVP-Präsident Gerhard Pfister als Redner verpflichtete.

«Identifikationsfigur für viele»

Vergessen ist offenbar, dass Niklaus von Flüe die Versöhnung predigte. Während die Veranstalter des Anlasses in Flüeli-Ranft unter sofortigen Be­schuss kamen, schien sich niemand darüber aufzuhalten, dass zum Start des Gedenkjahres der linke Historiker Jo Lang über Niklaus von Flüe referierte. Der wissenschaftliche Beirat des Vereins Mehr Ranft dürfte in etwa so linksliberal sein, wie das Komitee für den Gedenktag am 19. August konservativ ist. Hingegen liegt der Verdacht nahe, die ökumenische Feier zum Start des Gedenkjahres sei vor allem deshalb in Zug ausgerichtet worden, um einen Auftritt des konservativen Geistlichen Vitus Huonder umschiffen zu können. Denn Zug gehört im Unterschied zu Obwalden nicht zu Huonders Bistum.

Solche Überlegungen hält Gerhard Pfister für unwahrscheinlich. Die Feier vom 19. August mit Blocher und Huonder stört ihn nicht. Es sei logisch, dass es unterschiedliche Anlässe gebe, wenn der Bundesrat auf eine nationale Feier verzichte. Auch beim Verein Mehr Ranft gibt man sich gelassen. Die Reden Blochers und Huonders seien eine von vielen Veranstaltungen, die einen eigenen Zugang zu Bruder Klaus ermöglichten, liess sich Geschäftsleiter Beat Hug in der NZZ zitieren.

Dass verschiedene Kreise Bruder Klaus nach ihrem Gusto feiern, ist für Pfister nur logisch: «Gerade weil er ein so reiches Leben erst als Bauer, Soldat, Politiker, Richter und später als Mystiker, Seelsorger und Eremit führte, ist er eine Identifikationsfigur für viele.» So sieht es auch die Obwaldnerin Monika Rüegger: «Unser Anlass für die ganze Familie ist eine gute Ergänzung zu den anderen Feierlichkeiten – mehr nicht.»

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