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Mehr unqualifizierte Zuwanderer

Arbeitgeber und Gewerkschaften loben das Freizügigkeitsabkommen mit der EU.

Bedarf an Arbeitskräften mit niedriger Qualifikation nimmt zu. Mittlerweile haben 17 Prozent der aus EU- und Efta-Ländern Zugewanderten keinen nachobligatorischen Bildungsabschluss.
Bedarf an Arbeitskräften mit niedriger Qualifikation nimmt zu. Mittlerweile haben 17 Prozent der aus EU- und Efta-Ländern Zugewanderten keinen nachobligatorischen Bildungsabschluss.
Keystone

Die Andacht zur Personenfreizügigkeit, sie fand gestern zum 14. Mal statt. Gegeben wurde das Hohelied auf die unbestrittenen Vorzüge des Personenfreizügigkeitsabkommens zwischen der Schweiz und der EU im Medienzentrum des Bundeshauses. Die Arbeitgeber-Repräsentanten und Arbeitnehmer-Vertreter sassen einträchtig beisammen. Seit man sich vor Jahren gefunden hat im Deal um flankierende Massnahmen und unbeschränkte Rekrutierung ist das Routine.

Das Abkommen zur Personenfreizügigkeit sorgt dafür, dass Wirtschaftsbetriebe sich frei an einem EU-weiten Millionendepot von Arbeitnehmenden bedienen, von hoch- bis unqualifiziert. Ein wenig infrage gestellt wurde die Vereinbarung gestern nur durch FDP-Bundesrat Ignazio Cassis, der in der heutigen Bundesratssitzung im Kampf um ein neues Rahmenabkommen im Bundesrat sondiert, wo man beim Arbeitnehmerschutz nachgeben könnte.

Ein einziges Loblied

Die Gewerkschaften loben die Wirtschaft, Arbeitgeber unterstreichen den Arbeitnehmerschutz, so war das auch gestern. «Das Seco hat heute den 14. Observatoriumsbericht zu den Auswirkungen der Personenfreizügigkeit veröffentlicht. Daraus werden eine gute Integration der ausländischen Arbeitskräfte und positive Effekte auf die Wirtschaftsentwicklung deutlich» sagte Travailsuisse.

Und Arbeitgeberverbandspräsident Roland A. Müller gab an, der 14. Bericht des Observatoriums zum Freizügigkeitsabkommen bestätige erneut, «die Zuwanderung aus den EU28-/Efta-Ländern führt nicht zur Verdrängung inländischer Arbeitskräfte. Vielmehr ergänzt sie, zusammen mit den erwerbstätigen Spezialisten aus Drittstaaten, optimal das im Inland limitierte Angebot an Arbeitskräften und ermöglicht strukturelle Anpassungen infolge der Digitalisierung.»

«Wir stellen fest, dass die Arbeitsmarktintegration von EU-Bürgern sehr gut gelingt», hatte Staatssekretärin Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch zuvor festgehalten. «Wir stellen auch fest, dass sie nicht zuungunsten der Ansässigen gelingt», sagte die Seco-Direktorin.

Inländische Arbeitskräfte werden nicht bedroht

Die vertiefte Lektüre des Berichts aus dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) zeigt daneben durchaus Bemerkenswertes. Der Anteil gut Qualifizierter aus dem tertiären Bildungsbereich (Sekundarschule und höher) liegt aktuell bei 54 Prozent. Das Seco sagt dazu, die Zuwanderung habe die letzten Jahren eine wichtige Rolle zur Deckung der Nachfrage nach Arbeitskräften gespielt, vor allem jener nach gut ausgebildeten Arbeitskräften. Roland A. Müller vom Arbeitgeberverband betonte deshalb, der Bericht entkräfte zweifelsfrei die immer wieder geäusserte Befürchtung, dass hoch qualifizierte Zuwanderer aus dem EU-Raum zu Dumpinglöhnen in Positionen arbeiteten, für die sie überqualifiziert seien, und dadurch den inländischen Arbeitskräften die entsprechenden Stellen streitig machten.

Längstens bekannt ist, dass mit dem Freizügigkeitsabkommen nicht nur Fachkräfte und Hochqualifizierte in die Schweiz kommen. So weist der neue Seco-Bericht einen Anstieg der Zuwanderung von niedrig qualifizierten Arbeitskräften aus. Der Anteil Personen ohne nachobligatorischen Bildungsabschluss beträgt mittlerweile 17 Prozent. Rekrutiert werden also im zunehmend grossen Stil Unqualifizierte; sie kommen vor allem aus Südeuropa.

Zuwanderung hat abgenommen

Einwanderer im Rahmen der Freizügigkeit, die aus Nord- und Westeuropa kamen, weisen mit 66 Prozent einen besonders hohen Tertiäranteil (gute Bildung) auf, gefolgt von Osteuropäern mit 59 Prozent. Bei den Südeuropäern beträgt der Tertiäranteil 35 Prozent. 37 Prozent der Südeuropäer, die kamen, verfügen über keine nachobligatorische Schulbildung. Bei den Portugiesen ist dieser Anteil mit 59 Prozent besonders auffallend hoch.

Roland A. Müller vom Arbeitgeberverband führt die Zunahme beim Zuzug Unqualifizierter auf mehrere Gründe zurück. So sei die Rekrutierung aus Drittstaaten seit Inkrafttreten der Personenfreizügigkeit auf hoch qualifizierte Arbeitskräfte beschränkt. «Die Rekrutierung von niedrig qualifizierten Arbeitskräften ist somit nur noch im Rahmen der Personenfreizügigkeit möglich.» Ausserdem nehme der Bedarf an Arbeitskräften mit niedriger Qualifikation in der Schweiz zu, «weil sich Schweizerinnen und Schweizer zunehmend höher qualifizieren». So habe der Anteil der Schweizer Erwerbspersonen ohne nachobligatorische Schulbildung in den letzten Jahren stark abgenommen.

Insgesamt hat die Zuwanderung abgenommen. 2017 wanderten aus EU- und Efta-Ländern unter dem Strich 31 250 Personen ein, elf Prozent weniger als 2016, 50 Prozent weniger als im Rekordjahr 2013.

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