Konzessionen, die die Schweiz stabilisierten

Der Generalstreik 1918 wurde zwar nach drei Tagen abgebrochen, hatte aber nachhaltig positive Wirkung.

Formell gescheitert, politisch erfolgreich. Streikende Arbeiter versammeln sich während des Schweizer Generalstreiks im November 1918 in Bellinzona

Formell gescheitert, politisch erfolgreich. Streikende Arbeiter versammeln sich während des Schweizer Generalstreiks im November 1918 in Bellinzona

Helmut Hubacher

Im November 2018 notieren wir 100 Jahre Generalstreik von 1918. 250 000 protestierten auf der Strasse. Heute wären es hochgerechnet über eine Million Streikende. Der Generalstreik war eine gewaltige Demonstration. Die grösste, die je stattgefunden hat. Sie blieb einmalig. Anders bei unseren Nachbarn Italien, Frankreich. Dort sind Generalstreiks die Regel.

Mein Grossvater, 1877 geboren, machte mit. Der Generalstreik blieb für ihn das Ereignis seines Lebens. Seine Generation hatte nur schlechte Zeiten gehabt. Vor dem Ersten Weltkrieg (1914 bis 1918) schufteten Arbeiter als rechtlose Arbeitskräfte. Dann leisteten Soldaten vier Jahre Aktivdienst ohne Lohnausgleich. Frau und Kinder versuchten trotz hoher Inflation, sich einigermassen ernähren zu können. In vielen Familien herrschte Not, ja sogar Hunger.

Die Behörden waren auf den vierjährigen Krieg schlecht vorbereitet. Weite Bevölkerungskreise blieben bei der Lebensmittelversorgung drastisch benachteiligt. Dann heizte der Bundesrat die miese Stimmung noch auf. Mit dem Projekt, einen obligatorischen Zivildienst für Frauen und Männer einzuführen – gedacht als Landdienst bei den Bauern, die, weil sie für ihre teuren Produkte gutes Geld kassierten, unbeliebt waren. Der Plan endete dann in der Schublade.

Sozialer Aufstand oder Umsturz?

In den Städten mottete die soziale Not am heftigsten. Suppenküchen für Zehntausende sicherten gerade noch das Überleben. Mehr nicht. Die Oberschicht hingegen hatte sich schamlos bereichert. Im Volk herrschte eine explosive Stimmung.

Europaweit wütete Ende 1918 eine nie gekannte Grippeepidemie, der mehr Tote zum Opfer fielen als im Krieg. Bei uns litten schlecht oder unterernährte Menschen am meisten. Die unten trugen stets die schwerste Last. In Zürich eskalierte die Not und damit stieg die Streikbereitschaft überdurchschnittlich. Sogar das Bankpersonal streikte. Zwei Massnahmen brachten das Fass zum Überlaufen.

Der Regierungsrat des Kantons hatte beim Bundesrat interveniert, ohne die Stadtregierung zu konsultieren oder wenigstens zu informieren. Verhandelt wurde über den Einsatz von Truppen in Zürich. General Ulrich Wille schürte den Unmut noch zusätzlich. Er unterstellte, geplant sei nicht ein sozialer Aufstand, sondern der politische Umsturz, die Revolution oder gar ein Bürgerkrieg. Wille sah die Existenz der Schweiz bedroht. Weshalb er dem Bundesrat den Einsatz der Armee beantragt hatte.

Im Jahr zuvor, 1917, hatte Lenin in St. Petersburg mit seinen Bolschewisten (Kommunisten) die Revolution ausgerufen. Das Zarenreich war weggefegt worden. Lenin proklamierte die Herrschaft der Arbeiterklasse: Ideologisch als «Diktatur des Proletariats» plakatiert. Geworden ist daraus die kommunistische Diktatur von Partei und Staat und ist mutiert zur Schreckensherrschaft. Im Namen des real existierenden Sozialismus.

Die Russische Revolution löste anfänglich linke Hoffnungen aus. Auf Frieden und Wohlergehen im kriegsmüden und zerstörten Europa. Die SP Schweiz hatte am 10. November 1918 zum ersten Jahrestag der Russischen Revolution eine reichlich optimistische Sympathieerklärung veröffentlicht. Für General Wille waren Schweizer Linke ideologisch revolutionäre Bolschewisten. Er stationierte in Zürich Truppenverbände der Kavallerie und Infanterie. Mit schussbereiten Waffen. Diese Provokation löste erst recht Proteststreiks aus.

Politische Sternstunden

Seit Monaten tagte die Streikführung in Olten. Daraus wurde das «Oltener Streikkomitee», präsidiert von SP-Nationalrat Robert Grimm, Bern. Mit SP-Nationalrat Friedrich Schneider, Basel, und Ernst Nobs, Redaktor des Zürcher Volksrecht. Die drei dominierten das Oltener Komitee. Fritz Platten hatte als viertes nicht die gleiche Bedeutung. Nachdem im turbulenten Zürich die Proteststreiks sich zunehmend verstärkten, stand das Oltener Komitee unter Druck, endlich den Generalstreik auszurufen, was am 12. November 1918 geschah. 250 000 machten mit. Das Oltener Komitee hatte neun Forderungen aufgestellt:

1. Sofortige Neuwahl des Nationalrats auf der Grundlage des Proporzes.

2. Aktives und passives Frauenwahlrecht.

3. Einführung der allgemeinen Arbeitspflicht.

4. Einführung der 48-Stunden-Woche in allen öffentlichen und privaten Unternehmen.

5. Reorganisation der Armee im Sinne eines Volksheers.

6. Verbesserung der Lebensmittelversorgung im Einvernehmen mit den landwirtschaftlichen Produzenten.

7. Alters- und Invalidenversicherung.

8. Staatsmonopole für Import und Export.

9. Tilgung der Staatsschulden durch die Besitzenden.

Keine Rede von Umsturz, Revolution oder Bürgerkrieg. Das Oltener Komitee brach nach drei Tagen den Streik ab. Er sei gegen die 110 000 Mann der Armee nicht zu gewinnen, konstatierte Streikführer Robert Grimm. Aber er hätte zu Blutvergiessen und einem Bürgerkrieg ausarten können, unterstrich er. Formell war der Generalstreik gescheitert. Politisch nicht.

Der Bundesrat hatte die Lektion des Volksaufstandes kapiert. 1919 ordnete er die vorher vertrölte Einführung des Proporzes für den Nationalrat an. Die SP erhöhte ihre Mandate von 11 auf 41. Die neu gegründete BGB, Bauer-, Gewerbe- und Bürgerpartei, heute SVP, feierte aus dem Stand 30 Sitze. 1919 bewilligte der Bundesrat die 48-Stunden-Woche für private, 1920 für öffentliche Unternehmen. AHV und Frauenstimmrecht benötigten mehrere Anläufe. Die Milizarmee entspricht dem geforderten Volksheer.

Das Divisionsgericht verurteilte Robert Grimm, Friedrich Schneider zu je sechs Monaten, Ernst Nobs zu vier Wochen Gefängnis. Alle drei wegen Meuterei – laut Duden Auflehnung. Mit Friedrich Schneider politisierte ich noch vier Jahre im Grossen Rat. Nach Sitzungsschluss traf man sich in der «Schuhmachern» bei Jasspartien. Nicht am Tisch von Schneider. Er faszinierte uns Jüngere als brillanter Erzähler. Ich fühlte mich wie am Lagerfeuer mit dem grossen Häuptling. Es sind politische Sternstunden meines Lebens gewesen.

Der Generalstreik hinterliess tiefe Gräben. Das Klima zwischen Linken und Bürgerlichen blieb jahrelang vergiftet. Zum Teil war es geradezu hasserfüllt.

1933 übernahm Hitler in Berlin die Macht. Nachdem er den Reichstag entmachtet und sich als «Führer» der Nation zum Diktator aufgeschwungen hatte, rüstete er die Wehrmacht auf. Es «schmeckte» bis nach Bern nach Krieg. Die Gefahr aus Deutschland entschärfte die feindseligen Gegensätze. Diese Bedrohung forderte den Zusammenschluss.

Die grösste Gewerkschaft SMUV, Schweizerischer Metall- und Uhrenarbeiterverband, handelte 1937 mit der Metallindustrie den ersten Gesamtarbeitsvertrag aus – «Friedenabkommen» genannt.

Überleben dank Zugeständnissen

Hitler hatte den Zweiten Weltkrieg ausgelöst (1939–1945). 1943 erfolgte im Bundeshaus der nationale Schulterschluss. Der ehemalige Streikführer Ernst Nobs war zum ersten SP-Bundesrat gewählt worden. Die Bedrohung von aussen brachte die Versöhnung nach innen.

Wir feiern dieses Jahr auch 170 Jahre Bundesstaat von 1848. Seither regiert im Bundeshaus eine bürgerliche Mehrheit. Das ununterbrochen. Ich weiss kein zweites Beispiel. Vielleicht hat es noch das Fürstentum von Monaco geschafft? Sicher bin ich nicht.

Was ist das Geheimnis dieser bürgerlichen Dauerherrschaft? Ich verrate meine Erklärung. Nach dem Generalstreik machte der bürgerliche Bundesrat Konzessionen. Er überlebte den Volksaufstand nur mit sozialpolitischen Kompromissen. Seither haben die Bürgerlichen die «Linkskurve», oft in allerletzter Minute, stets erwischt. Es hat den «Kessel» seit dem Generalstreik 1918 nie mehr verjagt.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt