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Integration ohne verlässliche Zahlen

Im Asylwesen fehlt es an Statistiken – weder Bund noch Kantone fühlen sich zuständig .

Wer was kann, wird nicht systematisch erfasst. Bundesrätin Simonetta Sommaruga (5. v. l.) mit jungen Migranten in Delémont.
Wer was kann, wird nicht systematisch erfasst. Bundesrätin Simonetta Sommaruga (5. v. l.) mit jungen Migranten in Delémont.
Keystone

In der Schweiz wird jeder Lebensbereich akribisch vermessen. Gesammelt werden die Daten vom Bundesamt für Statistik in Neuenburg, das seine Erkenntnisse in regelmässigen Abständen per Medienmitteilungen verbreitet. Ob Wohnkostenindex, landwirtschaftliche Produzentenpreise oder Hotelübernachtungen – faktisch alle Interessen werden bedient. Sogar dass Emma und Liam die beliebtesten Vornamen für Neugeborene in Zürich sind, vermelden die Statistiker des Bundes.

Allerdings täuscht der Eindruck. Lange nicht alles will man hierzulande ganz genau wissen. Eine Statistik zu den schulischen und beruflichen Qualifikationen der Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen? Fehlanzeige. Das wird in Neuenburg nicht systematisch erfasst.

Das Staatssekretariat für Migration hat ebenfalls keine Daten und verweist an die Kantone. Bei der Konferenz der kantonalen Sozialdirektoren zuckt man ebenfalls mit den Schultern und gibt den Ball weiter an die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren. Die wiederum verweist ans Staatssekretariat für Migration: Die Asylstatistik werde schliesslich dort gemacht. Mani Matters «Är isch vom Amt ufbotte gsy» lässt grüssen.

Für eine Steuerung fehlen Zahlen

Dass wenig oder keine belastbaren Zahlen zur Verfügung stehen, ist im Asylwesen und in der Sozialhilfe kein Einzelfall, sondern die Regel. Egal, ob es um die Bildungskosten für unbegleitete minderjährige Asylbewerber oder die im Asylbereich verursachten Gesundheitskosten geht, die Antwort ist immer dieselbe: «Darüber führen wir keine gesonderte Statistik.» Ausgerechnet zum politisch umstrittensten Thema in ganz Europa existieren kaum verlässliche Zahlen – und dies obwohl Bundesrat und Parlament so gerne darauf verweisen, dass diese Diskussion nicht emotional, sondern nüchtern und faktenbezogen geführt werden müsse.

Ab und zu stören sich auch Politiker am Mangel an Fakten. Als Pierre Alain Schnegg (SVP) 2016 sein neues Amt als Berner Regierungsrat antrat, stellte er konsterniert fest, dass für die Steuerung der Integration Zahlen fehlten. «In der Schweiz weiss man jederzeit ganz genau, wie viele Kälber es in jedem Ort gibt. Zu den Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen, die wir integrieren müssen, gibt es dagegen keine Statistik, auf die wir wirklich vertrauen können», verschaffte er seinem Ärger in einem Interview Luft.

Selbst wenn das Parlament vom Bundesrat Klärung verlangt, kommt dabei oft wenig Brauchbares heraus. So brachte es der Bundesrat letztes Jahr fertig, in einem per Vorstoss bestellten Bericht zur Kostenentwicklung in der Sozialhilfe den Asylbereich auszuklammern. Zwar reden bei den Sozialhilfekosten für Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene selbst Experten wie SKOS-Präsident Felix Wolffers von einer Zeitbombe. Aber eine Darstellung des Grossen und Ganzen, nämlich der Gesamtkosten, die der Schweiz aus der Flüchtlingspolitik erwachsen oder die Erfolge der bisherigen Integrationsbemühungen, existiert nicht. Dabei geht es nicht um Kleinigkeiten, sondern um Milliardenbeträge.

Beunruhigende Realität

An fehlenden Kapazitäten bei den Statistikern kann der Mangel an Zahlen kaum liegen. Diesen Frühling publizierte der Bund eine Statistik unter dem Titel «Schwarze in der Schweiz». Sie lotet die Befindlichkeit der Bevölkerung gegenüber schwarzen Menschen aus und soll aufzeigen, auf welche Hindernisse Schwarze in der Schweiz stossen könnten, etwa in der Arbeitswelt.

Dass es zu wenig Fakten aus dem Asylbereich gibt, könnte einen anderen Grund haben. Wenn die Realität ernüchternd sein könnte, ist die Versuchung gross, sie nicht allzu genau zu erforschen. Aus Stichproben gibt es zum Beispiel betreffend Integration in den Arbeitsmarkt wenig beruhigende Anhaltspunkte: 30 Prozent der Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen verfügen weder über einen Abschluss noch über Berufserfahrung, 50 Prozent haben keine Ausbildung, aber Berufserfahrung, und nur jeweils zehn Prozent verfügen über einen Berufs- oder einen Studienabschluss.

Sollte sich dieses Bild in einer seriösen Abklärung bestätigen, dann wäre die unbequeme Wahrheit die, dass 80 Prozent dieser Zuwanderer nur schwer oder gar nicht in die Schweizer Wirtschaftsstruktur zu integrieren sind, die sehr stark auf Hochqualifizierte ausgerichtet ist.

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