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Hacking, Nötigung und Sexfilme

Der Privatdetektiv, der in die Affäre um einen Weinhändler und einen Geheimdienstagenten verwickelt ist, soll nicht nur Computer ausspioniert haben. Gegen ihn laufen mehrere Strafverfahren.

Ein Walliser Winzer und Weinhändler steht im Zentrum des Falls: Rebberge bei Sion. Foto: Hans-Peter Siffert (Weinweltfoto.ch)
Ein Walliser Winzer und Weinhändler steht im Zentrum des Falls: Rebberge bei Sion. Foto: Hans-Peter Siffert (Weinweltfoto.ch)

Die vier Schweizer Untersuchungshäftlinge, die momentan am meisten Schlagzeilen machen, wären passende Hauptfiguren in einem Krimi. Allerdings bestünde akute Klischeegefahr. Da haben wir einmal einen Geheimdienstagenten, stets korrekt gekleidet und frisiert, gute Umgangsformen, schnell im Denken, aber mit einer Vorgeschichte, die einiges zu reden gab. Dann ist da einer seiner ­Jugendfreunde, ein Weinhändler mit viel Erfolg und vielen Feinden. Weiter gibt es einen Privatdetektiv mit einer ­dicken Uhr am Handgelenk und einem protzigen Auto. Und schliesslich ist da noch ein smarter junger Mann, der schon als Teenager Computer hackte und der sein Berufsleben in den Dienst der guten Sache stellen wollte.

Dieses Quartett soll versucht haben, die Computer zweier Journalisten auszuspionieren, um an deren Quellen zu gelangen – wobei die Beschuldigten vieles bestreiten. Die beiden Reporter hatten publik gemacht, dass der Weinhändler Dominique Giroud seine Einnahmen nicht korrekt versteuert sowie Weine ge­panscht und falsch etikettiert haben soll. Die Waadtländer Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Betrugs, Waren- und Urkundenfälschung und auch wegen Steuerdelikten gegen Giroud.

Immer klarer wird nun, wer die mutmasslichen Komplizen des Winzers beim angeblichen Hackerangriff sind. Beim Genfer Privatdetektiv A. M. handelt es sich um einen schweizerisch-italienischen Doppelbürger. In seinem ­Facebook-Profil gibt M. an, an der Universität Genf studiert zu haben. Gemäss Genfer Staatsanwaltschaft ist er gleich «in mehrere Strafverfahren» verwickelt – eines davon dreht sich um den Verdacht der Nötigung. Gemäss seinen Anwälten bestreitet er aber alle Vorwürfe.

M. soll bereits im Februar eine Woche im Gefängnis verbracht haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, Mitarbeiter des Genfer Betreibungs- und Konkurs­amts dazu gebracht haben, Daten herauszugeben. Im Amt kennt sich M. aus, denn er war früher selbst Konkursbeamter. Bei einer Razzia stellten die Ermittler gemäss der «Tribune de Genève» bei ihm Filmchen mit Sexszenen zwischen Tieren und Menschen sicher, weswegen die Staatsanwaltschaft gleich ein Zusatzverfahren eröffnete. Die Anwälte des Detektivs bezeichnen die zwei sichergestellten Videosequenzen, Länge wenige Sekunden, als «Witz». Sie würden den Straftatbestand der ­harten Pornografie niemals erfüllen, sagen sie.

Auch als Politiker versuchte sich M. 2007 wurde er für die SVP ins Parlament der Genfer Gemeinde Onex gewählt. 2011 verliess er die SVP und trat dem Mouvement Citoyen Genevois (MCG) bei. Der damalige MCG-Präsident Eric Stauffer erinnert sich gemäss eigener Aussagen nur noch vage: An Sitzungen habe M. selten teilgenommen, weshalb man ihm nahelegte, zu demissionieren, was er denn auch tat. Dominique Vua­gnat, MCG-Politiker in Onex, sagt: «M. war oft auf Mission, darum meist abwesend. Er rief auch mal aus Singapur an, um sich von Sitzungen abzumelden.»

Der «Moschee-Spion»-Skandal

Zeit hatte der Detektiv dagegen für den Agenten des Nachrichtendiensts des Bundes (NDB), mit dem er sich oft ausgetauscht haben soll. M. soll dem Geheimdienstler gemäss unbestätigten Angaben als Informant gedient haben. NDB-Mitarbeiter A. D. wird als zurückhaltender und abwägender Typ beschrieben. Dies passt gar nicht zum Bild, dass man von ihm im Skandal um «Moschee-Spion» Claude Covassi bekam, in den er ver­wickelt war. Als damaliger Inspektor der Brigade für besondere Untersuchungen bei der Genfer Kantonspolizei hatte A. D. Covassi im Jahr 2003 angeworben. Covassi sollte das Islamzentrum in Genf ausspionieren. Die Sache lief aus dem Ruder. Covassi, ein schwieriger Charakter, offenbarte sich den Medien – mit massiven Vorwürfen an den Geheimdienst, mit Erfundenem und gefälschten Dokumenten. Es war ein Desaster für die Führungsoffiziere.

Niemand hatte gemerkt, dass Covassis «Persönlichkeit für eine nachrichtendienstliche Tätigkeit nicht sehr geeignet war», wie die Geschäftsprüfungsdelegation festhielt. Ihre Vorwürfe gingen insbesondere an A. D.: Anders als ein Polizeikollege «alter Schule» habe er die Meinung vertreten, «dass man sich bei der Führung der Quelle anpassungs­fähig zeigen und ihrem Ego schmeicheln müsse, auch auf die Gefahr hin, dass hie und da etwas aus dem Ruder läuft».

Trotzdem kam A. D. beim schweizerischen Geheimdienst unter. Zuletzt war er vor allem im Ausland tätig – bis wieder etwas aus dem Ruder gelaufen war. Am vergangenen Mittwoch wurde er aus Brüssel in die Schweiz zurückbeordert. In Genf wurde er verhaftet.

Mit Weinhändler Giroud soll ihn verbinden, dass beide die erzkatholische Pius-Bruderschaft unterstützen. Nicht so richtig zu seinen rechtskonservativen Mitverdächtigen will der Mann passen, den die Genfer Staatsanwaltschaft als «professionellen Hacker» bezeichnet. Er engagiert sich in liberalen Organisationen und half gemäss eigenen früheren Angaben, für Reporter ohne Grenzen eine Technologie zu entwickeln, um Zensur zu umgehen. Als einer – gemäss Porträts – der führenden «ethischen Hackern» des Kontinents verdiente er sich bereits sein Studium, indem er Informatiksysteme von Schweizer Banken auf Sicherheitslücken absuchte. Noch an der ETH Lausanne gründete er mit Kollegen das erste Start-up für IT-Sicherheit, das er später verkaufte. Weitere Unternehmensgründungen und -verkäufe folgten. Die letzte Firma ging an den staatlichen Schweizer Rüstungskonzern Ruag, wo der professionelle Hacker darauf rund ein Jahr lang eine Managementposition einnahm. Gemäss seinem Anwalt erledigte der Mittdreissiger mehrere Aufträge des NDB (TA von gestern).

Zweimal kamen die vier Verdächtigen Anfang Jahr zusammen. Die Versionen über die Treffen gehen weit auseinander. Übermorgen gibt es ein Wiedersehen und vielleicht mehr Klarheit bei Konfrontationseinvernahmen.

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