Fragwürdiger Rassismusvorwurf

Schwarze werden laut einer Studie massiv diskriminiert – allerdings fehlen die Beweise.

Mehr Afrikaner: Die Aufnahmepraxis von Asylministerin Sommaruga lässt die schwarze Bevölkerung wachsen.

Mehr Afrikaner: Die Aufnahmepraxis von Asylministerin Sommaruga lässt die schwarze Bevölkerung wachsen.

(Bild: Keystone)

In der Schweiz leben so viele schwarze Menschen wie nie zuvor. Gemäss einer Schätzung der Anti-Rassismus-Organisation CRAN waren es im Jahr 2014 rund 100'000 Personen. Beim anhaltenden Migrationsstrom aus Afrika und der grosszügigen Aufnahmepraxis von Asylbewerbern des Bundes werden es jährlich mehr.

Wirklich willkommen sind diese Menschen in der Schweiz allerdings nicht. Diesen Eindruck erweckt zumindest eine Studie, die Forscher der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften und der Universität Basel im Auftrag der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR) erarbeitet haben.

Das ist so, als würdeman im Vatikan eine Umfrage zur Existenz Gottes machen.

«Menschen mit dunkler Hautfarbe sind mit struktureller Diskriminierung, Alltagsrassismus und Stigmatisierung in den verschiedensten Lebensbereichen konfrontiert», sagt EKR-Vizepräsidentin Gülcan Akkya. Weil von den Betroffenen sowie von Organisationen der schwarzen Bevölkerungsgruppe immer wieder auf Diskriminierungen aufmerksam gemacht werde, habe die EKR den Rassismus gegen Schwarze zum Thema gemacht und eine Untersuchung zum Phänomen, den Herausforderungen und dem möglichen Handlungsbedarf in Auftrag gegeben.

Die Resultate der 43'000 Franken teuren Studie dürfte die Auftraggeber bei der EKR nicht enttäuscht haben: Die Forscher kommen zum Schluss, dass Schwarze auf dem Arbeitsmarkt, beim Wohnen, im öffentlichen Verkehr, in den Medien, von Polizei und Justiz – also faktisch überall – diskriminiert werden. Schwarzen Menschen afrikanischer Herkunft würden Eigenschaften wie Dümmlichkeit, Trieb- und Lasterhaftigkeit, Faulheit oder Gewalttätigkeit und Kriminalität zugeschrieben. Sie würden zudem mit fehlender Hygiene, Krankheit und Ansteckungsgefahr in Verbindung gebracht und als Bedienstete angesprochen.

«Deine Monkeyfamilie wartet»

Die Übergriffe manifestierten sich meist verbal und «im Ausdruck der weissen Überlegenheit oder durch das Vermitteln des Gefühls der Nichtzugehörigkeit zur Schweizer Gesellschaft». Nicht selten werde den Worten «mit schwerwiegender physischer Gewalt» Nachdruck verliehen.

Zur Veranschaulichung zitieren die Autoren einen Fall, den die Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl behandelt hat: Der Verurteilte habe über einen Zeitraum von ungefähr eineinhalb Jahren die in einer Einstellhalle abgestellten Automobile von zwei Mietern regelmässig bespuckt und auf diesen Unrat deponiert mit Worten wie: «Du Paraplegiker, was machen Sie in der Schweiz, gehen Sie zurück nach Hause. Deine Monkeyfamilie wartet auf dich.» Die Opfer seien schwarz und wegen einer Behinderung auf Rollstühle angewiesen.

Dünne Faktenlage

Ursprung des Rassismus gegen Schwarze sind laut den Forschern Kolonialismus und Sklaverei. Sie betonen zwar, die Schweiz sei nie im Besitz von Kolonialterritorien gewesen. «Jedoch hat sie ökonomisch und politisch vom Kolonialismus in Afrika und dem (…) Sklavenhandel profitiert.» Diese Verflechtung und ihre Folgen sei bis heute nicht aufgearbeitet worden, schreiben die Autoren – und lassen keinen Zweifel daran, dass dies nachzuholen ist.

Dass die Faktenlage, auf der die Studie basiert, gelinde gesagt dünn ist, räumen die Autoren selber ein: «Die Datenlage zum Vorkommen von Rassismus gegenüber der schwarzen Bevölkerung ist ungenügend.» Laut den Forschern basiert die Studie auf der Analyse von 115 Rechtsfällen, die es seit der Einführung der Rassismusstrafnorm 1995 gab, auf 201 Beratungsfällen von Fachstellen sowie auf Berichten, älteren Studien und wissenschaftlichen Publikationen. Zudem baten die Forscher Integrationsfachstellen und Interessenorganisationen um eine Einschätzung zur Häufigkeit von Rassismus gegenüber der schwarzen Bevölkerung. Kurz: Das ist fast so, als würde man im Vatikan eine Umfrage zur Existenz Gottes machen.

Wasser auf die eigenen Mühlen

Bemerkenswert sind auch einige Grafiken in der Studie, die den Aussagen der Forscher widersprechen. Bei einer Darstellung setzen die Autoren die Fälle von Rassismus gegen Schwarze in Relation zu allen rassistischen Vorfällen. Dabei zeigt sich, dass die Zahlen rückläufig sind: 2008 war mit 18 Übergriffen gegen Schwarze bei fast 100 rassistischen Vorfällen insgesamt das Spitzenjahr. Seither haben die Vorfälle gegen Schwarze abgenommen – letztes Jahr waren es noch fünf.

Angesichts der tiefen Erwerbsquote von anerkannten und vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen wäre die von den Forschern ausgemachte Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung auf dem Arbeitsmarkt von besonderem Interesse. Doch auch hierfür liefert die Studie vor allem Einschätzungen und Befindlichkeiten. Aussagekräftige Kriterien wie Bildungsstand, Qualifikationen und Aufenthaltsdauer der Betroffenen in der Schweiz wurden von den Forschern nicht untersucht. Auf Anfrage wollte sich Co-Autor Tarek Naguib nicht dazu äussern.

Die dünne Faktenlage stört indes niemanden. Im Gegenteil: «Die Studie unterstreicht – im Kontext anderer Forschungsergebnissen der letzten Jahre – den aktuellen Handlungsbedarf in der Bekämpfung der rassistischen Diskriminierung gegenüber Menschen mit dunkler Hautfarbe», sagt Gülcan Akkaya von der Hochschule Luzern. Darauf basierend habe die EKR Empfehlungen an die Adresse von Staat und Gesellschaft formuliert. In vielen der 23 Punkte regen die Forscher zudem Folgestudien und -projekte an. Ein Schuft, wer Arges dabei denkt.

Basler Zeitung

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