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«Ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft»

Der Rücktritt von Nationalrat Jonas Fricker sei ein typischer Fall von Skandalisierung, sagt Kommunikationsexperte Mark Eisenegger.

Nationalrat Jonas Fricker vergleicht Schweine- mit Judentransport. (Video: TA / parlament.ch)

Mit einem einzigen Satz war Jonas Frickers politische Karriere beendet. Der grüne Nationalrat hatte gesagt, dass ihn Schweinetransporte an die Massendeportationen von Juden erinnerten. Frickers Entschuldigung folgte auf dem Fuss – ebenso wie die Stellungnahme des Schweizer Israelitischen Gemeindebundes (SIG). Dieser verurteilte Frickers Aussagen. Er schrieb aber auch: «Wenn dieser Fehltritt nun trotz Frickers Entschuldigung skandalisiert wird, bringt das niemandem etwas.» Und: «Für uns ist die Angelegenheit erledigt.» Dennoch wurde der Druck zu gross: Am Samstag trat Fricker als Nationalrat zurück.

Herr Eisenegger, wie ordnen Sie als Kommunikationsexperte diesen Schritt ein?

Für mich ist der Rücktritt unbegreiflich und übertrieben. Es ist ein Einknicken vor den Medien, ausgelöst durch die Angst vor der Skandalisierung. Jonas Fricker hat sich für seine deplatzierten Aussagen sofort entschuldigt – und vor allem haben die Betroffenen die Entschuldigung angenommen. Fraglos hat Fricker einen grossen Fehler gemacht. Aber wenn jemand nach einem solchen Fehler hinsteht und ehrliches Bedauern äussert und das bei der betreffenden Partei auch angenommen wird, müssen wir das annehmen können. Klappt das nicht mehr, ist das für unsere Gesellschaft ein Armutszeugnis.

Nicht nur der «Blick» fuhr eine Kampagne gegen Fricker, auch Parteikollegen schossen scharf gegen ihn. Alt-Nationalrat Jo Lang hielt Fricker die Verbindung von «Juden und Schweinen» vor, «ein Klassiker des Antisemitismus». Wie erklären sich solche Angriffe?

Ausschlaggebend war wohl die Angst, dass die Skandalisierung auf die Partei überschwappt und an den Grünen selber hängen bleibt. Das ist in der Regel der Auslöser für solche Aussagen. Das gleiche Phänomen hatten wir bei der deutschen Kanzlerin Angela Merkel. Sie distanzierte sich vom Plagiat ihres Verteidigungsministers von Guttenberg. Wenige Stunden später musste er zurücktreten.

Welche Rolle spielte es, dass mit Ex-Nationalrat Geri Müller und der Zuger Politikerin Jolanda Spiess-Hegglin in den letzten Jahren zwei grüne Politiker in die Schlagzeilen geraten waren?

Das dürfte wohl mit hineingespielt haben, hat die Berichterstattung über die Nacktselfies im Fall Müller und die K.-o.-Tropfen im Fall Spiess-Hegglin doch wochenlang die Schlagzeilen dominiert. Und es zeigt auch auf, wie nervös Politiker heute reagieren, wenn ein Skandal ruchbar wird. Weil sie wissen, wie schnell das Ganze emotional hochgekocht wird. Insofern folgt der Skandal dem typischen Grundmuster der Skandalforschung.

Wie meinen Sie das?

Aus der Forschung wissen wir: Sobald sich die eigene Basis vom Skandalisierten distanziert, wird die Luft für den Angeschuldigten dünn. Wenn sich die Grünen geschlossen hinter Jonas Fricker gestellt hätten nach dessen Entschuldigung, wäre es wohl nicht zum Rücktritt gekommen. Doch wir leben in einer Gesellschaft, in der die Skandalisierung weit fortgeschritten ist. Das zeigt sich in drei Bereichen. Erstens in den Medien, die jeden Skandal hochkochen, was durch die Verbreitung von sozialen Medien noch zugenommen hat. Dadurch gehen solche Geschichten schnell viral; alle erfahren davon.

Und woran zeigt sich die fortgeschrittene Skandalisierung noch?

Sie zeigt sich, zweitens, auf der politischen Ebene: Auch die Politiker und Parteien attackieren heute viel häufiger den politischen Gegner statt dessen Argumente. Der dritte Aspekt ist die Selbst-Skandalisierung, die wir bei den Grünen, aber auch anderen Parteien, erleben: dass eine Partei mit ihrem Mitglied bricht und gegen diese Person selber Attacken reitet. Insgesamt ist diese Skandalisierungstendenz eine Grundmotorik, die für die Gesellschaft problematisch ist.

Warum?

Weil sich so immer weniger Leute finden, die bereit sind, exponierte Ämter zu übernehmen. Das Risiko, persönlichen Angriffen ausgesetzt zu werden, ist extrem gross. Das führt zu einer Negativauslese.

Waren die Angriffe von anderen Grünen auch deshalb so scharf, weil die Partei selber betont, wie wichtig ihr humanitäre Werte sind?

Das ist ebenfalls ein Grundmuster von Skandalisierungen: Jene, welche die höchsten moralischen Ansprüche an sich selber stellen, sind auch jene, die das grösste Skandalisierungsrisiko tragen.

Die Grünen wollen nun ein Grundsatzpapier erarbeiten, um einen solchen Fall in Zukunft zu verhindern. Was bringt das?

Ich befürchte vielmehr, dass das wie gesagt noch mehr zu einer negativen Auslese führt. Aber es könnte auch zu einer Art Selbstzensur führen, dass man jedes Wort auf die Waagschale legt. Ich finde es gut, wenn man den Fall diskutiert. Aber den Sinn und Zweck eines Reglements wage ich zu bezweifeln.

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