Die Verherrlichung des Natürlichen

Gentechnik, Mobilfunk, Hightechmedizin – die Durchdringung unseres Alltags mit Technologie hat eine problematische Zurück-zur-Natur-Bewegung ausgelöst.

Demonstranten protestierten im Mai gegen den Ausbau des 5G-Netzes in Bern.

Demonstranten protestierten im Mai gegen den Ausbau des 5G-Netzes in Bern.

(Bild: Keystone)

Alex Reichmuth

Während Jahren war es relativ ruhig um das Thema Mobilfunkstrahlung. Doch mit der Einführung des Standards 5G haben sich die Warner zurück­gemeldet. Der «Elektrosmog» könne zu Kopfweh und Krebs führen, verkünden sie. Der Kampf um die strahlenden Antennen ist neu entbrannt.

Inzwischen hat der Widerstand gegen eine massvolle Anpassung der geltenden Strahlungsgrenzwerte die Politik erreicht. Der Ständerat schmetterte letztes Jahr eine Lockerung der überaus scharfen Schweizer Vorschriften ab. Und der Bundesrat will angesichts des «latenten Unbehagens» in der Bevölkerung regelmässig über neue Forschungsresultate zu den Folgen der Strahlenbelastung rapportieren.

Bis heute gibt es aber keine wissenschaftlichen Belege, dass Mobilfunkstrahlung schädlich ist. Dennoch steht die Strahlung von Handys und Antennen unter Dauerbeobachtung. Die Mahner führen immer neue denkbare Gefahren an, und da ein genereller Unschädlichkeitsbeweis der Strahlung wissenschaftlich nie zu erbringen ist, kann das Spiel von Warnung und Entwarnung endlos weitergehen.

Wäre die gleiche Mobilfunkstrahlung natürlichen Ursprungs: Kein Hahn würde danach krähen

Man kann sich fragen, warum gerade bei der Mobilfunkstrahlung gesundheitliche Gefahren erwartet werden. Denn es handelt sich hierbei um nicht-ionisierende Strahlung, die keine gefährlichen Genmutationen hervorrufen kann. Die Antwort liegt auf der Hand: Die Strahlung macht Angst, weil sie künstlich erzeugt ist. Eine Technologie, die mit ihren unsichtbaren Wellen jeden Winkel erreicht, steht unter Generalverdacht. Wäre die gleiche Mobilfunkstrahlung natürlichen Ursprungs: Kein Hahn würde danach krähen.

Denn in der Bevölkerung ist ausgemacht: Was die Natur bereithält, ist sanft und harmlos. Alles Künstliche hingegen gilt als potenziell gefährlich. Dieses Denkmuster zieht sich wie ein roter Faden durch ökologische Risikodiskussionen. Etwa bei der grünen Gentechnik: Eingriffe des Menschen ins Erbgut von Pflanzen – das muss doch sicher negative Folgen haben, ist die Erwartung. Auch hier konnten die heraufbeschworenen Gefahren für Gesundheit und Umwelt zwar nie belegt werden. Dennoch schaffen es die Gegner, dem Anbau gentechnisch veränderter Organismen immer neue Steine in den Weg zu legen. Dabei ist die Natur selber die grösste Gen­technikerin und bringt ständig neue Genvariationen hervor, völlig unkontrolliert.

Sowieso zeigt sich die Verherrlichung des Natürlichen und die Verteufelung des Künstlichen bei der Nahrungsmittelproduktion ganz besonders. Künstliche Aromen und Konservierungsstoffe am Essen? Schädlich! E-Stoffe in der Nahrung? Ein Gesundheitsrisiko! Bio-Produkte? Ganz klar besser!

Auch natürliche Stoffe können schaden

Es gibt bislang aber keine Beweise, wonach biologisch hergestellte Esswaren einen gesundheitlichen Vorteil bieten. Doch die Vorstellung, dass ein Nahrungsmittel so rein wie die Natur ist, hat dem Biolandbau zu einem Boom verholfen. Der Zeitgeist richtet sich gegen den Einsatz synthetischer Pestizide. Punkto Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in der Nahrung herrscht Nulltoleranz, selbst wenn diese Rückstände im Bereich von Nanogrammen liegen.

Kaum jemand ist sich aber bewusst, dass in Lebensmitteln ganz natürlich unzählige Stoffe vorkommen, die potenziell schädlich sind. Gemäss dem amerikanischen Biochemiker Bruce N. Ames sind 99,99 Prozent aller giftigen und krebserregenden Substanzen in der Nahrung von der Natur gemacht. Kopfsalat etwa enthält mindestens 49 schädliche Substanzen. In Karotten hat es das Nervengift Carotatoxin. Im Kaffee hat es rund tausend chemische Stoffe, von denen viele im Tierversuch Krebs erzeugen. Himbeeren enthalten ganz natürlich eine Reihe von gesundheitlich problematischer Substanzen. «Würden Himbeeren, statt in der Natur zu wachsen, künstlich hergestellt, müssten sie laut dem Lebensmittelrecht verboten werden», schrieben die deutschen Publizisten Dirk Maxeiner und Michael Miersch.

In der Medizin zeigt sich der Hang zum Natürlichen ebenfalls deutlich. Viele Menschen lehnen die Schul­medizin ab, weil sie ihnen zu naturfern erscheint. In Mode sind dagegen Behandlungsmethoden, die als natürlich und ganzheitlich daherkommen, wie Homöopathie oder Chinesische Medizin. Naturheiler geniessen oft mehr Vertrauen als Ärzte mit abgeschlossenem Medizinstudium. Insbesondere die Impfgegner glauben an die Selbstheilkräfte der Natur: Sie fassen Impfen als Störung natürlicher Abläufe auf, die gefährlich für die Entwicklung ihrer Kinder ist.

Diese Zurück-zur-Natur-Bewegung entwickelt sich zu einer Bedrohung des wissenschaftlichen Fortschritts

Die Verklärung des Natürlichen ist ohne Zweifel eine Reaktion darauf, dass unser Alltag je länger, je mehr von Technologien geprägt ist, deren ­Wirkungsweise der Einzelne kaum verstehen kann – Stichwort digitale Revolution. Zu kompliziert und zu bedrohlich erscheinen die immer neuen Innovationen in Sachen ­Biotechnologie und Digitaltechnik. So sucht man Halt beim vermeintlich Ursprünglichen, Einfachen.

Diese Zurück-zur-Natur-Bewegung entwickelt sich zu einer Bedrohung des wissenschaftlichen Fortschritts: Wegen der Abneigung gegen alles Gentechnische haben sich innovative Unternehmen aus Europa verabschiedet und ihre Forschungsstätten in die USA verschoben. Und die verbreitete Impfskepsis bewirkt, dass Kinderkrankheiten wie die Masern wieder auf dem Vormarsch sind.

Dagegen hat der Abwehrkampf gegen den Ausbau des Mobilfunknetzes noch kaum technologische Bremsspuren erzeugt. Die Warnungen vor der ­angeblich gefährlichen Strahlung hinterlassen zwar bei vielen Leuten ein mulmiges Gefühl, können die meisten aber dennoch nicht von ihrem Smartphone abbringen. Ist der Nutzen so offensichtlich wie bei der Mobiltechnologie, verhält sich der Mensch eben doch als Pragmatiker.

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