Das Stromnetz schwankt wie noch nie

Wegen Sonnen- und Windenergie: Netzbetreiberin Swissgrid musste 2018 mehr als einmal pro Tag eingreifen.

Jeden Tag einen Eingriff: Ein Monteur beim Einziehen von Starkstromleitungen im Goms, Wallis.

Jeden Tag einen Eingriff: Ein Monteur beim Einziehen von Starkstromleitungen im Goms, Wallis.

(Bild: Keystone)

Dominik Feusi@@feusl

Im Jahr 2011 musste Swissgrid, die Betreiberin des Schweizer Stromnetzes, nur zweimal ins Stromnetz eingreifen, um grössere Probleme im Netz zu verhindern. Im vergangenen Jahr erreichten diese Eingriffe mit 382 Eingriffen eine neue Rekordzahl. Swissgrid musste im Durchschnitt mehr als einmal pro Tag Massnahmen anordnen, damit die Spannung im Schweizer Stromnetz nicht in Gefahr geriet.

In so einem Fall verfügt die in Aarau ansässige Betreiberin des Stromnetzes, dass eines oder manchmal auch mehr als ein Dutzend Kraftwerke kurzfristig gedrosselt oder angefahren werden. Im Stromnetz muss die Produktion nämlich innert Sekunden an den Verbrauch angepasst werden, um die Spannung immer gleichmässig hoch zu halten. Schwankungen können zum Zusammenbruch des Stromnetzes und damit zu einem Stromausfall führen. Zugenommen haben in den letzten Jahren nicht nur die nationalen Probleme, sondern auch die Massnahmen im Zusammenhang mit den im internationalen Netz verfügten Notmassnahmen.

Das hat einen Grund: Mit immer mehr Strom aus Sonne und Wind, deren Produktion vom kurzfristig ändernden Wetter abhängt, wird die gleichmässige Versorgung schwieriger. Die Produktion dieser erneuerbaren Stromlieferanten ist bei Wind und Sonnenschein sehr viel höher als der Verbrauch, in der Nacht und bei Windstille hingegen zu gering. Ausser Pumpspeicherkraftwerke, zum Beispiel in der Schweiz, fehlen die nötigen Stromspeicher. Hinzu kommt: Die Produktionsstätten von Wind und Sonne sind oft nicht dort, wo der Strom gebraucht wird, nämlich in den Industriegebieten. Und es gibt zu wenig Leitungen, um den Strom zu transportieren.

Kunden tragen Kosten für Netzeingriffe

Der neue Rekord ist insofern bemerkenswert, dass es im letzten Jahr auch stabile Zeiten gab, in denen Swissgrid nicht gefordert war. Dies geht aus der Liste der verfügten Massnahmen hervor, welche die Netzbetreiberin laufend veröffentlicht. So waren zum Beispiel in den Tagen vor Weihnachten oder in der gleichbleibenden Hitzephase Ende Juli gar keine Eingriffe in die Stromproduktion nötig. Umso intensiver griff Swissgrid zum Beispiel Anfang Juli ins Netz ein. Allein am 2. Juli musste sie achtmal Kraftwerke drosseln oder anfahren lassen, damit der Netzbetrieb nicht gefährdet war. Kraftwerke, die ihre Produktion drosseln müssen, werden dafür entschädigt. Wie hoch diese Entschädigungen 2018 waren und ob damit die Kosten bei Swissgrid gedeckt werden konnten, wird die Netzbetreiberin erst Anfang April mit der Jahresrechnung bekannt geben. Letztlich landen diese Kosten auf der Stromrechnung der Kunden.

In Linthal entsteht das grösste Pumpspeicherkraftwerk der Schweiz: Die Axpo investiert über 2 Milliarden Franken. Foto: Keystone

Swissgrid schreibt auf die Frage, weshalb die Eingriffe jedes Jahr zugenommen hätten, dass der Um- und Ausbau der Netze dem Ausbau der Produktion aus Sonnen- und Windenergie hinterherhinke. Die «Veränderung der Energiesysteme in ganz Europa» führe zu Engpässen, die dann mit solchen Massnahmen behoben werden müssten. Ebenfalls notwendig sei, dass die Schweiz mit einem Stromabkommen an der europäischen Koordination des Stromnetzes teilnehmen dürfe. Davon sei sie zurzeit ausgeschlossen.

Europäisches Netz anfällig

Doch auch im übrigen Europa ist die Lage nicht stabil. Vor zwei Wochen kam es zu einer brenzligen Situation. Die Frequenz im Stromnetz sank abends kurz nach 21 Uhr von 50 auf 49,8 Hertz. Das gilt als kritischer Wert für die Stabilität des Stromnetzes. Das letzte Mal gab es so eine Schwankung 2006. Damals wurden in Frankreich rund zehn Millionen Haushalte vom Strom genommen, um das Netz zu stabilisieren. Dieses Mal war der Vorfall deutlich weniger schlimm. Wie Swissgrid schreibt, war eine Fehlmessung auf den Grenzleitungen zwischen Deutschland und Österreich ein Grund für die Probleme, doch dies allein erkläre den Vorfall noch nicht vollständig. Es werde weiter untersucht.

Swissgrid selbst musste keine Massnahmen anordnen. Die Frequenzabweichung sei aber auch im schweizerischen Netz spürbar gewesen. Die Versorgungssicherheit sei jedoch zu keinem Zeitpunkt gefährdet gewesen.

Die Situation dürfte sich in drei Jahren noch verschärfen, wenn die Atomkraftwerke im Süden Deutschlands abgestellt werden. In Szenarien, welche die Baden-Württemberger Regierung 2016 anfertigen liess, wird selbst bei optimistischen Verhältnissen mit Problemen spätestens ab 2025 gerechnet. Swissgrid teilt dazu mit, man arbeite daran, auf mögliche Szenarien vorbereitet zu sein.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt