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An der gegnerischen Toleranz aufgelaufen

Wie Winterthurer Aktivisten das Militär aufhalten wollten und daran in grossem Masse gescheitert sind.

MeinungSerkan Abrecht
Aktivisten behindern den Korso des Schweizer Militärs. Entgegen aller Erwartungen bleiben die Soldaten extrem ruhig.
Aktivisten behindern den Korso des Schweizer Militärs. Entgegen aller Erwartungen bleiben die Soldaten extrem ruhig.
Nathalie Guinand

Plötzlich geht alles sehr schnell an diesem sonnigen Mittwochnachmittag in Winterthur. Eine Panzerhaubitze rollt über die Frauenfelderstrasse, diese schöne Allee mit den vielen Bäumen gleich beim Technorama. Hinter ihr folgt die zweite, doch in der dritten Panzerhaubitze macht der Fahrer einen Satz auf die Bremse. Ich kann mir vorstellen, dass er vor Schreck gleich aufrecht mit beiden Füssen auf dem Bremspedal stand. Rund dreissig junge Menschen haben sich aus dem Publikum am Strassenrand gelöst und sind vor den Stahlkoloss gesprungen. Das erste Mal in meinem Leben weiss ich also, wie es ist, wenn ein mitorganisierter Anlass zur Zielscheibe für Aktivisten wird, die zu wissen glauben, wie die Welt zu funktionieren habe.

Wir sind zwar nicht Basel, wo eine solche Aktion so vorhersehbar ist, wie der Sonnenaufgang wäre.

Ich kann nicht sagen, dass wir mit dieser Störaktion nicht gerechnet haben. Wir waren auf alles vorbereitet. Wir sind zwar nicht Basel, wo eine solche Aktion so vorhersehbar ist, wie der Sonnenaufgang wäre. Winterthur aber? Wir waren uns nicht so sicher. Ich glaube, dass zum antimilitaristischen Aktivismus auch irgendwie eine Entfremdung von der Schweizer Armee dazugehört. Die Bewohner von Gemeinden und Städten reagieren umso sensibler, je weniger sie sich Militärpräsenz gewohnt sind. Aber das ist nur so eine Theorie.

Es war absehbar. Als das Defilee begann, stand ich mit einigen weiteren Offizieren auf der anderen Strassenseite. Wir beobachteten die Menge und sprachen mit den vielen Journalisten vor Ort. Ich stupfte einen der Journalisten an und wollte wissen, von welcher Zeitung er komme. «Wochenzeitung», antwortete dieser. Die ultralinke WOZ schickt einen Journalisten an ein Defilee? Merkwürdig. Aber ich liess mir nichts anmerken und begrüsste ihn freundlich, doch er hatte scheinbar nicht gross Interesse daran, mit Militärs zu sprechen. Plötzlich fielen mir einige junge Mädchen und Jungen in den vorderen Reihen auf. Alternativ gekleidet, irgenwie Öko und Hipster, die Mädchen hatten kurze Haare. Wir meldeten unsere Beobachtungen an die Stadtpolizei, die ebenfalls vor Ort war. Ausser dem Fahrer der einen Haubitze und den Zuschauern war niemand wirklich überrascht von der Störaktion. Vielmehr schienen die Aktivsten überrascht von der Reaktion des Militärs.

Eigentlich war nur das Brummen der Motoren zu hören, obwohl alle Anwesenden schreiende Demonstranten erwarteten.

Kaum hatten sie vor der Panzerhaubitze einen Kreis mit Transparenten gebildet, trat unserer Speaker ans Mikrofon, ein Hauptmann und Stadtzürcher Jurist, und sagte: «Diese Personen machen aktuell von ihrem Recht auf Meinungsäusserung Gebrauch.» Er bitte deshalb um Entschuldigung und hoffe, dass es bald wieder weitergehe. Dann war es merkwürdig still. Eigentlich war nur das Brummen der Motoren zu hören, obwohl alle Anwesenden schreiende Demonstranten erwarteten. Diese wiederum schienen zu glauben, dass das Militär jetzt bald einschreite. Was für ein GAU das gewesen wäre: Soldaten wringen strampelnde und hysterisch kreischende Demonstranten zu Boden, fesseln sie, und vielleicht wäre sogar Pfefferspray zum Einsatz gekommen. Diese Massnahmen hätten wir auch durchführen können. Schliesslich haben wir Polizeirecht. Doch wie es unser Speaker bereits laut durch die Lautsprecher verkündete: Diese Leute haben ein Recht auf freie Meinungsäusserung, und dieses haben wir zu gewähren, zu tolerieren. Im Ernstfall hat das Militär dieses Recht und auch viele andere mit Waffengewalt zu verteidigen.

Sie sind aufgelaufen an der Toleranz des Militärs.

Weil nichts geschah, schienen die Aktivsten irritiert. Einzig ein Sprecher mit der Stadtpolizei wies sie freundlich darauf hin, dass sie das Ganze in den nächsten Minuten zu beenden hätten. Sie stimmten zu einem schwächlichen Parolenchor an, der aber ziemlich schnell verstummte. Das anwesende Publikum wurde immer genervter und ungeduldiger, das Militär schaute ihnen bloss interessiert zu, und die Polizei tat auch nichts. Sie schienen ziemlich verloren auf ihrem Platz zwischen den zwei Panzerhaubitzen. So schnell wie sie gekommen waren, sind dann auch wieder gegangen. Sie sind aufgelaufen an der Toleranz des Militärs. Die WOZ hat übrigens keine Zeile über das Defilee gebracht.

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