Ein seltsames Bürschlein

Seit drei Wochen ist Anian Liebrand Präsident der Jungen SVP Schweiz. Für den Zustand der Nachwuchspartei ist die Wahl des 24-jährigen Verschwörungstheoretikers kein gutes Zeichen. Ein Kommentar

Verwirrter Jungpolitiker: Anian Liebrand (SVP) auf einer Kundgebung der Juso gegen die Bilderberg-Konferenz in St. Moritz (11. Juni 2011).

Verwirrter Jungpolitiker: Anian Liebrand (SVP) auf einer Kundgebung der Juso gegen die Bilderberg-Konferenz in St. Moritz (11. Juni 2011).

(Bild: Keystone)

Kürzlich redete ich mit einem Kollegen über Anian Liebrand, der seit drei Wochen Präsident der Jungen SVP Schweiz ist. «Ist das ein Juso?», fragte mich mein Kollege. Zunächst musste ich lachen, doch so ganz abwegig war die Verwechslung nicht: Liebrand, ein 24-jähriger Sachbearbeiter in einem Versicherungskonzern, bewegt sich nämlich durchaus in einem Umfeld, in dem sich rechter und linker Extremismus «Guten Tag» sagen. Dabei sind es zwei Klammern, die beide Milieus verbinden: Misstrauen gegenüber Amerika und allem Jüdischen.

Auf seinem Onlineportal info8.ch (Motto: «Was andere verschweigen») weist Liebrand beispielsweise auf eine Veranstaltung hin, die im Dezember im Basler Volkshaus über die Bühne ging. Teilnehmer waren Jürgen Elsässer, ein deutscher Journalist, der sich als «leninistischer Anti-Imperialist» versteht, sowie der notorische Basler Universitätsdozent Daniele Ganser.

9/11 ein «Inside Job»?

Mit Ganser verbindet Liebrand eine Leidenschaft: die Anschläge vom 11. September 2001. An der offiziellen Version, wonach der Angriff auf das New Yorker World Trade Center und das Washingtoner Verteidigungsministerium ein Werk der Terrororganisation Al Qaida war, hegen beide Zweifel. Was sie damit insinuieren wollen, ist klar: Der Terrorakt sei möglicherweise ein «Inside Job» gewesen, will heissen ein Werk der Amerikaner. Weswegen «der unbestechliche Jungpolitiker aus Beromünster» (Liebrand über Liebrand) 2011 mit Gleichgesinnten durch Luzern zog und mit Kreide «Investigate 9/11» («Untersucht die Ereignisse vom 11. September») auf die Strassen schmierte. Ein Lokalpolitiker der EVP, der auf Liebrands Beteiligung an der Aktion hinwies, wurde von Unbekannten als «Saujude» beschimpft.

Unter Verschwörungstheoretikern scheint Liebrand bestens vernetzt zu sein. «Offenbar sind Sie mit führenden Personen dieser Szene sogar eng befreundet», schreibt Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds, in einem offenen Brief an den Politiker. So arbeite Liebrand etwa mit dem Blogger Manfred Petritsch zusammen, der an die Existenz einer zionistischen Weltverschwörung glaube.

«Das ist ein Witz»

Vom Gratisblatt «20 Minuten» mit diesen Vorwürfen konfrontiert, antwortet Liebrand, er sei kein Antisemit und von Petritsch distanzieren müsse er sich auch nicht, er sei ja nicht dessen Freund. Auf die Frage, ob er an eine jüdische Weltverschwörung glaube, sagt er nur: «Das ist ein Witz.»

Ausweichende Antworten, und auch sonst lässt der Nachwuchsmann den Betrachter ratlos zurück: Ist Anian Liebrand ein gefährlicher Extremist oder ein harmloser Spinner, dem es mit seinen 24 Jahren an geistig-moralischer Reife fehlt? Ist die Personaldecke der Jungen SVP derart dünn, dass ein Wirrkopf, dessen Weltanschauung sich vermutlich aus obskuren Internetquellen speist, zu einer national beachteten Figur werden kann? Und was ist eigentlich aus der bürgerlich-seriösen Solidschweiz geworden?

Basler Zeitung

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