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Ende der liberalen RegelnSchwedens Ende der Gelassenheit

Nun befürchtet man auch in Stockholm eine medizinische Katastrophe. Die Bevölkerung stellt sich auf härtere Pandemiemassnahmen ein.

Noch haben die Restaurants in Stockholm geöffnet. Die schwedische Regierung setzt auf die Eigenverantwortung der Bürger.
Noch haben die Restaurants in Stockholm geöffnet. Die schwedische Regierung setzt auf die Eigenverantwortung der Bürger.
Foto: Henrik Montgomery (Reuters) 

Schweden ging in der Krise bislang einen Sonderweg, das Land setzt mehr auf Appelle denn auf Restriktionen. Die steigenden Zahlen von Infizierten in dieser Woche allerdings setzen das Gesundheitssystem zunehmend unter Druck. Als eines der letzten Länder in Europa stellt sich damit auch Schweden auf härtere Pandemieregeln ein.

Der Staatsepidemiologe Anders Tegnell hatte schon am Donnerstag von einer «beunruhigenden» Lage gesprochen, nun werden die Beschränkungen auch für die Schweden grösser. 333 Menschen sind bis Freitag am Coronavirus gestorben, 469 Menschen werden auf Intensivstationen betreut.

Krisenmodus in Spitälern

Die Gesundheitsbehörden erklärten am Freitag, noch sei ein Drittel der Betten auf Intensivstationen frei. Im Sender SVT erklärte allerdings der Arzt Andreas Hvarfner vom Universitätsklinikum Karolinska, dass diese Betten vielleicht schon am Wochenende alle benötigt würden, dann sei auch Schweden an dem Punkt, an dem Ärzte zwischen Leben und Tod zu entscheiden hätten. Die Gesundheitsministerin Lena Hallengren wollte nicht ausschliessen, dass Schweden «auf eine medizinische Katastrophensituation zusteuern» könnte.

Behörden für die Region Stockholm riefen derweil den Krisenmodus für die Spitäler aus. Das bedeutet, dass Ärzte und Pflegepersonal von nun an bis zu 48 Stunden arbeiten müssen, dafür aber auch doppeltes Gehalt erhalten.

Es fühlt sich an, als würden wir geopfert.»

Stockholmer Arzt, dem weniger Schutzkleidung zur Verfügung steht.

Für Ärger unter Ärzten und Pflegern sorgte diese Woche die Ankündigung der Regionen, wonach die Anforderungen an Schutzkleidung aufgeweicht werden sollen: Langärmlige Kleidung und Gesichtsmaske sollen demnach in Zukunft nicht länger in allen Phasen der Behandlung von Corona-Erkrankten Pflicht sein. «Es fühlt sich an, als würden wir geopfert», zitiert die Zeitung «Dagens Nyheter» einen Stockholmer Arzt.

Schlechte Nachrichten aus den Altersheimen

In Schweden sind bislang Grundschulen ebenso wenig geschlossen wie Restaurants oder Fitnessstudios. Allerdings hatten die Behörden schon länger die Menschen gemahnt, wenn möglich soziale Kontakte zu vermeiden. Die grossen Skigebiete des Landes sind ab Montag geschlossen. Seit Donnerstag sind nun auch Besuche in Altersheimen verboten: In jedem dritten Altersheim in Stockholm waren diese Woche Infizierte gefunden worden. Das ist eine schlechte Nachricht für den Staatsepidemiologen Anders Tegnell, der den Schutz und die Isolierung der Älteren zum zentralen Baustein seiner entspannten Strategie erklärt hatte. Er nannte die Erkrankungen bedauerlich: «Das ist genau das, was wir versucht haben, auf jede erdenkliche Weise zu verhindern», sagte er. Erkrankte Ältere füllen die meisten Betten auf den Intensivstationen. Von einem Kurswechsel wollte Tegnell diese Woche aber noch nichts wissen: Er halte Schwedens Strategie noch immer für erfolgreich.

Auch während der Corona-Pandemie: «Happy Hour» in Stockholm.
Auch während der Corona-Pandemie: «Happy Hour» in Stockholm.
Foto: Reuters

Vor allem in den skandinavischen Nachbarländern Norwegen und Dänemark, die beide früh mit strengen Restriktionen auf die Seuche reagiert hatten, wird der schwedische Ansatz genau beobachtet. In Norwegen waren bis zum Freitag 54 Menschen am Coronavirus gestorben, in Dänemark 139. Schweden hat allerdings doppelt so viele Einwohner wie Dänemark oder Norwegen, und auch wenn Schwedens Fallzahlen seit ein paar Tagen schneller steigen als die der Nachbarländer, ist bislang unklar, ob die Kurve der Infektionen den Nachbarn vielleicht einfach um ein paar Tage voraus ist.