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Folgen der PandemieSchweden fühlen sich wie Aussätzige behandelt

Die schwedischen Bürger sind wegen der hohen Todes- und Infektionszahlen zu Hause in vielen Ländern als Touristen unerwünscht. Das tut der ganzen Nation weh.

Wegen den laschen Massnahmen haben die Schweden im Ausland mit Einschränkungen zu kämpfen: Restaurantgäste in Stockholm.
Wegen den laschen Massnahmen haben die Schweden im Ausland mit Einschränkungen zu kämpfen: Restaurantgäste in Stockholm.
keystone-sda.ch

Sommerheisser Juni, in ganz Skandinavien ist seit dem Wochenende Ferienzeit. Auch Anders Tegnell macht jetzt Ferien. Bevor er sich in die Ferien verabschiedete, gab Schwedens Staatsepidemiologe der Zeitung «Dagens Nyheter» noch ein grosses Interview. Darin gestand er das Versagen der schwedischen Behörden ein, in der Corona-Krise die Alten in den Altersheimen zu schützen, verteidigte aber gleichzeitig noch einmal die vergleichsweise lockeren Massnahmen Schwedens und bedauerte, dass keines der nordischen Nachbarländer den schwedischen Weg mitgegangen war. Das wäre «spannend» gewesen, sagte Tegnell.

In der gleichen Ausgabe der Stockholmer Zeitung schilderten zwei Reporter ein besonderes Abenteuer: Sie hatten sich aufgemacht zu einem Roadtrip durch Europa. Als schwedische Touristen. Sie berichten von ihrer Nervosität bei den Grenzübertritten, beschreiben, wie sie in Deutschland versuchten, ihre Herkunft zu verheimlichen, und wie der aufgeregte Hotelbesitzer in den Niederlanden sie noch einmal aus dem Bett holte: «Ich sehe, Sie kommen aus Schweden. Wissen Sie, dass Sie zwei Wochen in Quarantäne müssen?» Das Fazit der Reporter: Als schwedischer Reisender fühle man sich in Europa bisweilen «wie ein Aussätziger behandelt».

Ein Paria-Staat

Die meisten Europäer haben ihre Grenzen mittlerweile wieder geöffnet für Reisende aus den anderen EU-Ländern. Auch Schweden können beispielsweise ohne Restriktionen reisen nach Italien, Spanien, Kroatien und Frankreich. Andere Länder wie Griechenland aber wollen einreisende Schweden erst einmal in Quarantäne stecken. Und wieder andere wollen wegen der hohen Infektions- und Todeszahlen in Schweden die Grenzen für die Bürger des Landes ganz dicht halten. Die «New York Times» schrieb deshalb von Schwedens «neuem Status als Skandinaviens Paria-Staat». Schmerzlich für eine Nation, die sich daran gewöhnt hatte, in der Welt als Vorbildnation zu gelten.

Selbstkritisch: Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell.
Selbstkritisch: Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell.
Foto: Andres Wiklund (Reuters)

Noch schmerzlicher, wenn die eigenen Nachbarn bei der Ausgrenzung mitmachen. «Dass sie auch in den anderen nordischen Ländern als fast ansteckende Paria-Kaste gelten, tut den Schweden besonders weh», meinte die linksliberale norwegische Zeitung «Dagsavisen» vergangene Woche. Tatsächlich waren die Schweden die Einzigen, die während der Pandemie ihre Grenzen nie geschlossen hatten – und nun müssen sie erfahren, dass Norwegen, Finnland und Dänemark allesamt ihre Grenzen füreinander wieder öffnen und dass allein die Schweden dort noch immer unerwünscht sind. Schwedens Corona-Strategie setzte zwar auch von Anfang an auf physische Distanzierung, vertraute dabei aber mehr auf Eigenverantwortung als auf Verbote und Restriktionen. Die Sterbezahlen pro eine Million Einwohner sind heute in Schweden (523) im Ergebnis zehnmal so hoch wie in Norwegen (46) oder Finnland (54) und fünfmal so hoch wie in Dänemark (104).

«Schweden tut mir leid»

In einem Podcast vergangene Woche schilderte Staatsepidemiologe Anders Tegnell sein Erstaunen, als er zu Beginn der Pandemie bemerkte, dass der Rest Europas es nicht Schweden gleichtat, sondern stattdessen Grenzen schloss und grosse Teile der Gesellschaft wegsperrte. «Es war, als ob die Welt verrückt geworden wäre», sagte er. Seiner Ansicht nach ist allein Schweden den Weg gegangen, auf den sich Epidemiologen überall in Europa zuvor für den Fall einer solchen Krise geeinigt hatten. Mediziner in den Nachbarländern sehen das anders: «Schweden tut mir leid», sagte die norwegische Infektionsspezialistin Bjorg Marit Andersen ebenfalls in der vergangenen Woche der Zeitung «Dagbladet». Das Land hätte Tegnell und seiner Behörde nicht «blind vertrauen» sollen, meint sie.

Schwedens Aussenministerin Ann Linde sprach in einem Interview mit «Dagens Nyheter» Mitte Juni von ihrer «grossen Frustration» angesichts der abweisenden Nachbarn. Die nordischen Länder waren als Region seit den 1950er-Jahren europäische Vorreiter in Sachen Reisefreiheit. Nun aber, sagte Ann Linde, mache sie sich Sorgen wegen der «Wunden», die entstanden seien. Aber auch in Schwedens Öffentlichkeit tut sich etwas. Obwohl die Mehrheit noch immer hinter Regierung und Gesundheitsbehörde steht, verzeichnen Umfragen nun erstmals rapide sinkende Zustimmungszahlen für deren Corona-Management.

195 Kommentare
    Yolanda Hecht

    Ich weiss nicht, ob Anders Tegnell die Schweiz zu Europa zählt, aber der Schweizer Pandemieplan ist publiziert und sieht solche Massnahmen, welche getroffen worden sind, durchaus vor.

    Es kann ja schon mal eine Einigung unteren Epidemiologen gegeben haben, aber erstens entscheiden in solchen Situationen die Regierungen, zweitens basieren die Szenarien (auch der Schweizer Pandemieplan) auf Influenza-Viren-Mutationen, bei denen Grundlagen für Medikamente und Impfungen vorhanden sind und drittens ist bei seinem Szenario. das weiss er sehr genau, der besondere Schutz der Alten nicht vorgesehen. Genauso wie bei der jährlichen Grippe. Man empfiehlt die Grippeimpfung, obwohl bekannt ist, dass sie bei alten Menschen schlecht wirkt. Andere Massnahmen gibt es nicht. Oder hat schon jemand mal gehört, dass in dieser Zeit Hygienevorschriften einzuhalten wären, man sich von Alten fernhalten solle oder diese sogar in die Isolation geschickt wurden?