Schuss in den Hals war Notwehr: Freispruch

Das Bezirksgericht Dielsdorf hat einen 40-Jährigen vom Vorwurf der versuchten Tötung freigesprochen. Seine Frau erlitt vor Freude einen Schwächeanfall.

Von Thomas Hasler Dielsdorf – Weil der Fall offenbar nach Meinung des Gerichts auf des Messers Schneide stand, war der Prozess gegen den 40-jährigen Albaner zweigeteilt worden: Zuerst sollte nur über die Schuld entschieden werden. Erst bei einem Schuldspruch wäre die Verhandlung mit den Plädoyers zur Strafhöhe fortgesetzt worden. Natürlich interessierte sich am Donnerstag nicht nur die Familie des Beschuldigten für das Urteil. Auch Familienangehörige des Opfers, eines 33-jährigen Landsmanns, waren gekommen. Da beide Familien inzwischen verfeindet sind, sorgten sieben Polizisten im Gerichtssaal für Ruhe und Ordnung. Der Freispruch, den das Gericht dann verkündete, löste bei der Familie des Opfers Kopfschütteln aus, während dem Beschuldigten und seiner Familie die Tränen in den Augen standen. Die Ehefrau des 40-Jährigen erlitt einen Schwächeanfall. Kein Wunder: Nach 591 Tagen Haft ordnete das Gericht die unverzügliche Freilassung ihres Mannes an. Selbst der Staatsanwalt hatte dagegen keine Einwände. Vermeintliche Affäre Zwischen dem 40-jährigen Hauswart und dem 33-jährigen Chauffeur war es im April 2010 in Regensdorf zum Streit gekommen. Dabei hatten beide Familien praktisch nebeneinander gewohnt und waren gut miteinander ausgekommen. Anlass für den Streit war eine vermeintliche Affäre, die der Hauswart mit der Schwägerin des Chauffeurs gehabt haben soll. Obwohl es dafür nicht den geringsten Beweis gab, zog die Familie des Chauffeurs ein eigentliches Terrorregime auf. Sie verlangte den sofortigen Wegzug der anderen Familie, drohte sogar damit, Familienmitglieder zu töten. Der 40-Jährige und seine Ehefrau wurden geschlagen. Mehrfach wurde die Polizei alarmiert – an der Bedrohungslage änderte sich nichts. Da beschaffte sich der 40-Jährige zum Selbstschutz eine Pistole. Tatsächlich erhielt er eine Woche darauf an seinem Arbeitsplatz Besuch vom Chauffeur. Dabei soll dieser mit einer Eisenstange auf den Hauswart losgegangen sein, in der Absicht, ihn zu verletzen oder zu töten. So jedenfalls erzählte es das spätere Opfer gegenüber Zeugen. Bevor der 33-Jährige aber zuschlagen konnte, zog der 40-Jährige die Pistole aus seiner Tasche und schoss dem Kontrahenten in den Hals. Diese Verletzung blieb ohne grössere körperliche Folgen. Berufung angekündigt Mit dem Freispruch folgte das Gericht vollumfänglich den fast dreistündigen Ausführungen des Verteidigers David Gibor. Es bezeichnete die Angaben des Opfers als «teilweise widersprüchlich, teilweise nicht nachvollziehbar». Gegen die Eisenstange habe dem Hauswart kein milderes Abwehrmittel zur Verfügung gestanden. Mit dem Einsatz der Pistole habe er bloss «Waffengleichheit hergestellt». Der Schuss sei auch angemessen gewesen. Selbst wenn er die Grenzen der Notwehr überschritten hätte, hätte er nicht bestraft werden dürfen, weil er «in entschuldbarer Aufregung» gehandelt habe. Die Staatsanwaltschaft kündigte an, gegen das Urteil Berufung anzumelden.

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