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Erkenntnisse zum Formel-1-StartSchummeln bei Corona-Test, und fliegen mit Räikkönen

Keine Maske, Stirn kühlen mit einer Flasche – es läuft bei der Premiere nicht alles nach Plan. Für viele auch nicht im Rennen, das reichlich Drama bietet.

Plötzlich ein Rad ab: Alfa-Romeo-Pilot Kimi Räikkönen kann nicht davon profitieren, dass neun Fahrer ausscheiden – weil er selber dazugehört.
Plötzlich ein Rad ab: Alfa-Romeo-Pilot Kimi Räikkönen kann nicht davon profitieren, dass neun Fahrer ausscheiden – weil er selber dazugehört.
Foto: Keystone

Spielberg ist seit je ein Ort des Spektakels in der Formel 1. Doch so einen Sonntag wie diesen hat selbst die Steiermark lange nicht erlebt. Es gibt Rad-an-Rad-Kämpfe im Minutentakt, Berührungen, Strafen, Reifenplatzer, Dreher, Schlitterer, dreimal kommt der Safety-Car auf die Strecke, und am Ende stehen mit Bottas im Mercedes, Leclerc im Ferrari und Norris im McLaren Fahrer dreier verschiedener Teams auf dem Podest. Die Erkenntnisse dieses unterhaltsamen Saisonauftakts auf dem Red-Bull-Ring.

Ein McLaren kann schneller fahren als ein Mercedes

Lando Norris ist der jüngste Fahrer im Feldund rast gegen Ende dieses Grand Prix im Stile eines ausgefuchsten Routiniers über die Piste.

Fünfter ist der 20-jährige Brite, als noch wenige Runden zu fahren sind. Er weiss: Wenn er mächtig aufs Gaspedal drückt, könnte es sogar etwas werden mit dem ersten Podestplatz in seiner Formel-1-Karriere. Er attackiert Sergio Pérez im Racing Point, quetscht sich an ihm vorbei auf Rang 4 und kennt keine Zurückhaltung mehr: Norris fährt in seinem McLaren in der allerletzten Runde die schnellste Zeit überhaupt. Obwohl auch die Mercedes vorne mit Bottas als Führendem und Hamilton als Zweitem alles aus ihren Autos herausholen. Denn: Hamilton wurde nach einem Rencontre mit Red-Bull-Pilot Albon mit einer 5-Sekunden-Strafe belegt und versucht, irgendwie einen Podestplatz ins Ziel zu retten.

Es gelingt nicht: 4,802 Sekunden Rückstand auf Hamilton reichen Norris zu Rang 3 hinter Bottas und Leclerc.

Hamilton wird hart angefasst

Keine Strafe. Hiess es am Samstagabend. Doch Strafe, hiess es am Sonntagmorgen.

Während des Qualifyings gerät Bottas neben die Strecke, für Teamkollege Hamilton dahinter leuchtet kurz ein gelbes Licht auf, dann stehen die Ampeln wieder auf Grün. Weil der Brite in diesem einen Augenblick nicht prompt vom Gas geht, wird er nachträglich und auf Insistieren von Gastgeber Red Bull bestraft und um drei Plätze auf Startrang 5 zurückversetzt.

Zum Duell zwischen Red Bull und Mercedes kommt es dann auch auf der Streckeund in der Box der Österreicher sieht es für einen Moment aus, wie wenn Red Bull Salzburg in der 93. Minute des Champions-League-Finals gerade das entscheidende Tor geschossen hätte. Die Mechaniker jubeln, umarmen sich, schreien ihre Freude darüber hinaus, dass Albon in Runde 61 scheinbar vorbeizieht an Hamilton. Und verwerfen dann ihre Hände, manche sind nahe dran, ihre Gesichtsmaske hinzuschmeissen. Der Grund: Albons rechter Hinterreifen berührt Hamiltons linken Vorderreifen. Der Thailänder dreht sich und muss kurz später das Rennen aufgeben. Der Grand Prix wird zum Desaster für das Heimteam.

Hamilton wird mit den fünf Sekunden bestraft, die ihn letztlich nebens Podest rutschen lassen. Es ist an einem Tag die zweite äussert harte Entscheidung zuungunsten des sechsfachen Weltmeisters, der mit Rang 4 mässig in die Mission startet, den Rekord von Michael Schumacher mit sieben Titeln einzustellen.

Ferrari hat einen Ausnahmefahrer – aber nur einen

Vollbringt in einem schwachen Ferrari Wunder: Charles Leclerc, Zweiter in Spielberg.
Vollbringt in einem schwachen Ferrari Wunder: Charles Leclerc, Zweiter in Spielberg.
Foto: Keystone

Wer auf einen Ferrari-Piloten auf dem Podest von Spielberg wettete, muss Geld zum Verjubeln habenderart mies, wie sich das Team im Qualifying präsentiert hat. Die Startplätze 7 und 11 gab es für Leclerc und Vettel. 0,7 Sekunden war ihr Auto langsamer als noch im Vorjahr: ein Grauen für die stolzen Italiener.

Doch dann zeigt sich einmal mehr, dass sie einen Wunderfahrer in ihren Reihen haben. Allerdings nur einen. Leclerc hält sich aus vielen Scharmützeln heraus, und kommt es doch zu Zweikämpfen, geht er aus diesen als souveräner Sieger hervor.

Kurz vor Hälfte des Rennens kommt es zu einem Duell mit Zunder: Carlos Sainz im McLaren gegen Leclerc. Bald sind sie Gegner im gleichen Team, der Spanier wird Vierfach-Weltmeister Vettel 2021 bei Ferrari ablösen. Damit Zuschauer und Rivalen nicht vergessen, dass er vorerst aber noch da ist, nutzt der Deutsche die ihm gebotene Bühne und mischt sich ein in das Gerangel. Er tut das ziemlich ungestüm, indem er sich in einer Kurve innen vorbeizwängen will an den zankenden Jungfahrern. Verbremser, Dreher: Vettel wird Zehnter, während sich Leclerc als Zweiter feiern lässt.

Die Autos sind weniger fit als die Fahrer

Lichter aus, Vollgas. Reaktionsschnell sind an diesem Sonntag sämtliche Piloten vorne im Feld, die meisten schwächeln auch nicht während der 71 Runden. Sofern sie denn überhaupt so lange fahren können.

Erst erwischt es Verstappen, Sieger in Österreich 2019 und 2018, gestartet als Zweiter und auf dieser Position auch, als sein Red Bull anfängt zu ruckeln. Als würde er ständig nicken, wackelt sein Kopf nach vorne und nach hinten, während er Knopf um Knopf an seinem Lenkrad drückt, um das Problem irgendwie in den Griff zu kriegen. Kriegt er nicht. Schon in Runde 11 steigt er aus seinem Wagen. Gegen Ende des Rennens gibt auch noch Albon auf im anderen Red Bull. Sieben Runden nach Verstappen ist aber erst einmal Ricciardo in seinem Renault dran. Langsam rollt er in die Box und verlässt das Cockpit. Dann schleicht Stroll im Force India nur noch über die Strecke und beendet den Grand Prix, noch bevor ein Drittel vorbei ist. Später rutscht Magnussen im Haas mit einem Bremsschaden ins Rennausin Runde 51 erwischt es Teamkollege Grosjean mit dem gleichen Problem, während gleichzeitig Russell seinen Williams auf der Wiese in der Steiermark parkiert. Nach einem Einsatz des Safety-Car fliegt auch noch das rechte Vorderrad von Räikkönens Alfa Romeo weg. Und eine Runde vor Schluss fällt Kwjat im Haas aus, weil der linke Hinterreifen platzt.

Im vergangenen Jahr kam in Österreich noch jedes Auto ins Ziel. Diesmal sind es 11 von 20.

Alfa Romeo hat eine Schraube locker

Räikönnens Reifen lernt Fliegen: Das Vorderrad war nicht richtig montiert.
Video: SRF

Neun Ausfällen hat es Antonio Giovinazzi im unterlegenen Alfa Romeo zu verdanken, dass er als Neunter des Grand Prix von Österreich zum fünften Mal Punkte holt in seiner noch jungen Formel-1-Karriere.

Weniger Glück hat Räikkönen, den die Schweizer in einer Safety-Car-Phase rasch an die Box holen, um frische Reifen zu montieren. Das tun sie allerdings nicht mit genügender Sorgfalt. Kurz später knallt es im Auto des Finnen bei 200 km/h. Das rechte Vorderrad rollt verwaist über die Strecke und sorgt für den dritten und letzten Einsatz des Sicherheitswagens. Der Finne kommt unverletzt davon.

Eine Wasserflasche hilft bei Corona-Kontrolle

Helmut Marko hat alles getan, um die Formel 1 nach Österreich zu holen. Der Sportchef von Red Bull warb bei Chef Chase Carey für einen Auftakt auf dem Ring des Getränkegiganten, weibelte in der heimischen Politik, arbeitete mit an einem detaillierten Sicherheitskonzept.

Dann hat das Rennwochenende noch nicht einmal richtig begonnen, da kursieren bereits Bilder, die keiner sehen sollte: Marko, im Plausch mit Red Bulls Teamchef Christian Horner und Noch-Ferrari-Pilot Sebastian Vettel. Ohne Maske, wie es Vorschrift wäre. Zudem sind die Teams angehalten, keinen Kontakt zu Mitgliedern anderer Rennställe zu haben. Red Bull und Ferrari wurden vom Welt-Automobilverband FIA ermahnt. Strafen aber sind für ein Corona-Fehlverhalten nicht vorgesehen.

Am Renntag trägt Marko dann eine Schutzmaske, darauf steht: «Stay save» – «bleib sicher».

Geradezu absurd sind die Aufnahmen, die der TV-Sender RTL am Samstag verbreitete. Norris, einen Tag später der grosse Mann von McLaren, ist da zu sehen, wie er vor dem Einlass in das Innere der Strecke per Messgerät an der Stirn auf die Körpertemperatur überprüft wird. Beim ersten Anlauf ist diese zu hoch, er müsste also wieder umdrehen. Doch was macht der Brite? Er nimmt eine kühle Wasserflasche, reibt sich damit die Stirn ein, wird noch einmal geprüft und besteht den Test. Es sind nicht die Bilder, die in diesen angespannten Zeiten für Beruhigung sorgen.

Beim Hinknien endet die Solidarität

Knien oder stehen gegen Rassismus? Bei dieser Geste sind sich die Fahrer uneinig.
Knien oder stehen gegen Rassismus? Bei dieser Geste sind sich die Fahrer uneinig.
Foto: Keystone

Lewis Hamilton hat aufregende Wochen hinter sich. Also: Wochen, in denen er sich vor allem aufregte. Über das Verhalten der Formel 1, die nicht genügend tue für Diversität. Über deren ehemaligen Chef Bernie Ecclestone, der sagte, oft seien schwarze Menschen rassistischer als weisse. Der sechsfache Weltmeister und einzige dunkelhäutige Formel-1-Pilot ging in London auf die Strasse mit der «Black Lives Matter»-Bewegung.

Er fährt nun keinen Silberpfeil mehr, Mercedes hat seine Autos schwarz lackiert. Die Formel 1 reagierte, verschickte Mitteilungen, in denen sie sich gegen Rassismus stellte, lancierte die Kampagne «we race as one» – «wir fahren als Einheit». Regenbogen zieren in Österreich die Rennwagen, ein riesiges Plakat prangt am Boxengebäude: «End racism».

Die Einigkeit endete dann aber, als es bei der Schweigeminute vor dem Start darum geht, sich hinzuknien, wie es Footballer Colin Kaepernick als Geste gegen Rassismus als Erster tat. Zwar tragen alle Piloten ein Shirt mit der Aufschrift «end racism» – ausser Hamilton, kniend in der Mitte der Reihe: auf seinem Leibchen steht «Black Lives Matter». Hinter dem 35-Jährigen aber steht gleich ein halbes Dutzend Fahrer: Kwjat, Sainz, Leclerc, Verstappen und die beiden Alfa-Romeo-Fahrer Räikkönen und Giovinazzi. Er würde lieber durch sein Benehmen gegen Rassismus vorgehen als durch eine Geste, die in manchen Ländern falsch aufgefasst werden könnte, sagte etwa Leclerc im Vorfeld.