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Ausstellung in KunsthalleSchönste Materialverschwendung

Raphael Hefti zeigt bei «Salutary Failures» unter anderem auch den Übergang vom Schweren ins Leichte. Und er lotet die Tragkraft des Gebäudes aus.

«Message Not Sent» – ein aktuelles Werk aus diesem Jahr.
«Message Not Sent» – ein aktuelles Werk aus diesem Jahr.
Foto: Gunnar Meier

Raphael Hefti trägt eine neongelbe Fleecejacke. Die grauen und orangefarbenen Signalstreifen kreuzen sich auf dem Rücken. Nicht dass man um die Kleidung von Kunstschaffenden viel Aufhebens machen müsste. Doch Heftis Kunst entsteht oft da, wo Menschen sich vor Hitze oder aggressiven Stoffen in Acht nehmen müssen. Wo sie dank Schutzvorrichtungen und Arbeitskleidung an eine Grenze gehen können, an der Dämpfe noch nicht die Temperatur haben, um giftig zu sein, Lasten gerade mal so gestemmt werden können oder flüssiges Metall dem Körper noch nicht schadet. Und ein bisschen, das scheint diese Jacke sagen zu wollen, gehört Raphael Hefti in diese Welt.

Später wird er darauf hinweisen, dass das Gebäude der Slade School of Art, wo er von 2009 bis 2011 studierte, früher das Chemie-Institut der Londoner Universität war. Neon, Argon, Krypton, Helium und Xenon wurden hier von William Ramsay entdeckt, der 1904 mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Hefti hatte vor seinem Studium bereits eine Ausbildung zum Elektroniker und Fotografen gemacht. Sein Interesse für Materialien und Herstellungstechniken brachte ihn zur Kunst.

Heilsamer Fehler

Zwei Jahre liegen die ersten Gespräche zwischen dem Zürcher Künstler und Kunsthallenleiterin Elena Filipovic zurück. In einer solchen Zeitspanne kann man durchaus eine Ausstellung durchdenken. Heftis Dramaturgie seiner Einzelschau «Salutary Failures» (dt. heilsamer Fehler) geht in den fünf Räumen des Erdgeschosses vom Schweren zum Leichten. Und in diesem Übergang gibt es vieles, was wie eine Naturalien-Wunderkammer wirkt, die Kräfte oder Reaktionen sichtbar macht, die andernfalls im Verborgenen gewirkt hätten.

Es ist eine so ganz andere Verkörperung des Erhabenen, man ahnt, hier ist jemand, der einen durchaus zum Staunen bringen will, Respekt für die Arbeit von Handwerkern einflösst, aber auch unterhalten will. Man sollte diese Ausstellung nicht verpassen, denn sie funktioniert. Der Körper wird unmittelbar adressiert.

Im ersten Raum steht die Installation «The Sun Is the Tongue, the Shadow Is the Language». Die 27 Tonnen Sand sind derart sattschwarz, weil sie bereits unzählige Gussverfahren hinter sich haben. Ist die Ausstellung vorbei, werden sie wieder in die Rotterdamer Giesserei zurückgebracht. Unter hohem Druck wird der Sand zu Formen gepresst, die einen Schutz vor spritzendem Metall bilden oder durch die Rinnen laufen. In ihrer Masse sind sie nicht nur eine statische Herausforderung für die Kunsthalle, zumindest potenziell könnten sie für uns zur Gefahr werden.

Hefti ist der Störfaktor in einem hoch rationalisierten Produktionsablauf. Und seine Kunst ist auf schönste Weise Materialverschwendung. Das silberne Aluminium ist in wellenförmigen Kaskaden über dem Sand erstarrt oder bildet Lachen von glatter Oberfläche auf dem Boden. Manchmal lässt der Schritt eines Ausstellungsbesuchers einen erkalteten Aluminiumzapfen zittern, auf dem gegenüberliegenden Sandblock hat jemand ein Kreuz gezeichnet, Armierungsgitter schauen heraus.

Der Weg zum Schwerelosen verläuft mit «Polycrystalline Horticulture» über Kristallisierungen von Bismut und der Bildserie «RHE», die ihre Farbe durch Säure- und Pigmentbäder bekommen haben. In «Message Not Sent» wird das Material dann zum Äther. In einer der 15 Glasröhren von 4 Meter Länge, die im letzten Saal von der Decke hängen, vibriert ein unermüdliches Rot. In einer anderen wechselt ein warmer Gelbton in Türkis, irgendwo verläuft das Gas in einer Zickzacklinie. Dass es farbig ist, hängt mit den Beimischungen von Argon, Krypton und Xenon in Neon zusammen, aber auch mit der Stimulierung durch Elektrizität. Und dennoch, da ist es wieder, das Staunen vor so viel zweckfreier Schönheit. Natürlich setzt man so kein Gas ein, aber es wäre doch ziemlich schade, hätte Raphael Hefti es nicht getan. Es ist der heilsame Fehler im System.

Raphael Hefti, Salutary Failures. Kunsthalle Basel, Steinenberg 7. Di, Mi, Fr 1118 Uhr, Do 1120.30 Uhr, Sa, So 1117 Uhr. Bis 3. Januar 2021.

«The Sun Is the Tongue, the Shadow Is the Language» von Raphael Hefti.
«The Sun Is the Tongue, the Shadow Is the Language» von Raphael Hefti.
Foto: Gunnar Meier