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Stark!Schlagbäume an der Grenze und im Kopf

Die Corona-Pandemie bewirkt, dass Menschen den Wert offener Grenzen wieder schätzen lernen

Gerade mal drei Jahre alt ist das Zitat. Man reibt sich ungläubig die Augen: «Vielen Deutschen in der Grenzregion geht der Schweizer Einkaufstourismus auf die Nerven», schrieb der «Südkurier». «Es gibt weniger Parkplätze, die Schlangen an den Kassen werden länger, und manchmal sind die Einkaufsregale in den Supermärkten oder Drogerien gegen Abend sogar leergekauft. Vor allem an Samstagen meiden viele Menschen aus Konstanz oder am Hochrhein ihre Innenstädte, um dem Menschenauflauf in der Fussgängerzone bewusst aus dem Weg zu gehen.» (22. Juni 2017)

Unter den Belastungen durch das Coronavirus tönt es anders. Wirtschaft und Gewerbe beklagen Grenzblockaden und halbherzige Lockerungen. «Für rund 1,5 Milliarden Euro pro Jahr kaufen Schweizer in den Landkreisen Lörrach, Waldshut und Konstanz ein», sagt die Handelskammer Hochrhein-Bodensee, ein bis zwei Drittel aller Kunden kommen aus der Schweiz. Allein Konstanz rechnet damit, dass die Schweizer pro Monat im Schnitt 29 Millionen Euro in Restaurants und Läden ausgeben.

Die Interessen sind naturgemäss unterschiedlich. Während in der Grenzregion Südbadens Umsatzeinbussen im Lebensmitteleinzelhandel zwischen 30 und 60 Prozent beklagt werden, profitieren auf Schweizer Seite vor allem die Grossverteiler. «Für den Zeitraum Mitte März 2020 bis Mitte Juni 2020 konnten die Schweizer Läden mit einer zusätzlichen Kaufkraft in der Höhe von potenziellen 1,95 Milliarden Franken über alle Branchen hinweg rechnen», sagt Professor Thomas Rudolph von der Universität St. Gallen (HSG). («NZZ am Sonntag», 17.5.2020)

Aber auch auf deutscher Seite herrscht eitel Freude: Es gibt Deutsche, die froh sind, dass sie Läden, Restaurants und Parkplätze ohne Schweizer frequentieren dürfen und nicht endlos warten müssen, bis die begehrten grünen Ausfuhrscheine der lästigen «Schnäppchenjäger» an der Kasse ausgefüllt sind.

Die Schliessung der Grenzen stiess auf beiden Seiten der Grenze auf zunehmenden Widerstand. Zahlreiche Bürgermeister und Landräte der Grenzlandkreise beklagten, die geschlossenen Grenzen würden die «Lebenswirklichkeit der Menschen, die grenzüberschreitende Beziehungen und Familien haben», zerschneiden. «Zum Zweiten ergäben sich aus den geschlossenen Grenzen grosse wirtschaftliche Nachteile auf allen Seiten.» Die Basler Regierung sah ungelöste Probleme im kleinen Grenzverkehr und eine schwere Belastung für das soziale Gefüge mit der Folge von unzumutbaren Härtefällen.

Die eindeutige Botschaft: Das Leben der Menschen in der trinationalen Agglomeration Basel ist in jeder Beziehung eng verwoben.

In einem lesenswerten Artikel über die «Eiserne Hand», dem helvetischen Zipfel zwischen Inzlingen auf der einen und Lörrach-Stetten auf der anderen Seite, beschreibt Mischa Hauswirth, wie «die Menschen plötzlich neu entdecken, was für ein Segen die Personenfreizügigkeit ist». Selbst im Krieg, in dem die Grenzen gut bewacht und gar mit Stacheldraht und Strom geschützt wurden, liess sich in dieser freien Zone «das grenzoffene Europa fühlen.» (BaZ, 16.5.2020)

Die Lobeshymne auf offene Grenzen und die positiven Auswirkungen der Personenfreizügigkeit im Dreiländereck kommt doch etwas überraschend. Noch vor wenigen Jahren wurde SP-Regierungsrat Hans-Peter Wessels in der gleichen Zeitung durch den Kakao gezogen, weil er das Weihnachtsessen seiner Geschäftsleitung ein paar Meter jenseits der Grenze auftischen liess. «Wessels und sein Kader schlemmten im Elsass», wütete ein kleinkarierter Journalist.

Wirteverbandpräsident Josef Schüpfer (unterdessen Hobby-Virologe) sprach von einem absoluten No-Go und einem Affront für alle Basler Wirte. Gewerbedirektor Gabriel Barell vermisste bei Wessels und seiner Partei die Solidarität mit dem lokalen Gewerbe. (BaZ, 23.12.2017)

Die Corona-Pandemie bewirkt, dass die Menschen, hüben und drüben, den Wert offener Grenzen wieder schätzen lernen. Das Virus spricht nicht Baseldytsch, Alemannisch, Badisch oder Elsässisch. Eine Schutzmaske ist eben doch nicht das Gleiche wie ein Brett vor dem Kopf.Bünzlihausen war gestern.

Roland Stark, ehemaliger Partei- und Fraktionschef SP Basel-Stadt.
Roland Stark, ehemaliger Partei- und Fraktionschef SP Basel-Stadt.
Foto: Nicole Pont

Das Leben der Menschen im Dreiland ist in jeder Beziehung eng verwoben.

17 Kommentare
    Luca von Moos

    Ja Herr Stark, natürlich ist die Personenfreizügigkeit für die Deutschen und Elsässer ein Segen. Warum wohl ...?! Also wer noch wie der Sozi Stark dafür plädiert, hat jeden Anstand gegenüber uns Schweizern verloren. Oder weiss der nicht, dass wir in einer tiefen Rezession stecken, mit vielen Kurzarbeitern und Arbeitslosen, und jetzt will der noch mehr billige Arbeitskräfte aus dem Ausland holen?! Nebenbei: in den ersten vier Monaten 2020, wanderten über 18'000 Leute in die Schweiz ein. Mehr als zur gleichen Zeit letzten Jahres!