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Elisabeth Bronfen über die PandemieSchlägt Gaia zurück?

Die Covid-19-Pandemie macht keinen Sinn. Daher bemühen wir Bilder und Geschichten, um sie greifbar und begreifbar zu machen.

Die 3D-Installation «Gaia» des britischen Künstlers Luke Jerram. Das Werk wird zu sehen sein am Greenwich + Docklands International Festival in London (28. August bis 12. September 2020).
Die 3D-Installation «Gaia» des britischen Künstlers Luke Jerram. Das Werk wird zu sehen sein am Greenwich + Docklands International Festival in London (28. August bis 12. September 2020).

Wenige Wochen nachdem das neue Coronavirus sich auch in Europa auszubreiten begonnen hatte, fiel auf, wie klar der Himmel auf einmal war. Kaum Kondensstreifen zu sehen, die Sterne schienen kraftvoller zu strahlen. Da die meisten Flugzeuge am Boden blieben und auch insgesamt weniger Strom produziert wurde, liess sich in den ersten beiden Wochen des globalen Lockdowns tatsächlich ein Rückgang der Luftverschmutzung feststellen. Über Los Angeles lichtete sich der Smog, von Nordindien aus konnte man das schneebedeckte Himalaja-Gebirge sehen. Seismologen berichteten, dass sich die obere Schicht der Erdkruste beruhigen konnte.

Bereits am 17. April 2020 schrieb die Journalistin Amanda Hess in einem Kommentar in der «New York Times», dass die Natur nach dem Ausbruch der Pandemie aufzuleben schien, als wäre sie wieder zu ihrem vollen Recht gekommen. Auch der Journalistin ist aufgefallen, wie erstaunlich schnell die Umwelt positiv auf die Einschränkung menschlicher Aktivitäten reagierte. Weil vielerorts die Touristen ausblieben, konnten sich im Ozean die Fischbestände erholen. In den sozialen Medien kursierten gar «Nature Is Healing, We Are the Virus»- Memes mit farbenprächtigen Naturaufnahmen von Delfinen, die im Meer herumplanschen.

Bei all dieser Euphorie war eine gewisse Selbstkasteiung spürbar. Die Feststellung, die Pandemie habe eine heilende Wirkung auf alle nicht menschlichen Lebewesen, macht aus Menschen bösartige Parasiten, die ihre eigene Lebensgrundlage angreifen, verletzen und sogar zerstören. In der antiken Mythopoetik wird die Erde hingegen als mütterliche Gestalt begriffen, die selbst über Heilkräfte verfügt. Sie kann sich von den Angriffen der Menschen eigenständig erholen und erneuern. Dazu ist allerdings die Abwesenheit der menschlichen Spezies notwendig.

Besonders eindrücklich waren die Berichte aus Venedig. Diese Stadt mit den maroden Palazzi, Piazze und Brücken diente schon in der Vergangenheit dem Kino als perfekte Kulisse für die Darstellung von Seuchengefahren. Weil die Vaporetti und Gondeln in den Kanälen vertäut lagen und keine Kreuzfahrtschiffe anlegen durften, konnten sich die trübenden Sedimente im Wasser setzen. Die Kanäle waren plötzlich türkisblau, und unter der funkelnden Wasseroberfläche waren Fischschwärme, Quallen und Krustentiere zu sehen. Schon bald aber zweifelten einige kritische Stimmen an, dass diese Berichte über die sich erneuernde Natur der ökologischen Realität entsprechen. Die begeisterte Nachricht über Schwäne, die in die Kanäle zurückgekehrt seien, entsprach nicht den Tatsachen. Die Fotografie, auf der die Nachricht basierte, war in der Nähe von Burano aufgenommen worden, wo immer schon Schwäne erspäht werden konnten.

Worin aber liegt der Reiz dieser Bilder? Sicherlich lag es zum Teil daran, dass sie als tröstende Darstellung fungierten im Gegensatz zu den erschütternden Bildern über die Auswirkungen der Corona-Pandemie: überfüllte und ungenügend ausgestattete Krankenhäuser, erschöpftes medizinisches Personal, verzweifelte Trauer von Angehörigen der Erkrankten, Leichensäcke auf den Strassen von Bergamo und New York. Die idyllischen Naturbilder dienten vielleicht auch einem Eigenlob: Man konnte sich einbilden, dass der Rückzug in die eigenen vier Wände positive Auswirkungen auf die Natur habe.

Im gleichen Zug, in dem man die Aufmerksamkeit auf die erfreulichen Nebenwirkungen des Lockdowns lenkte, rückte der Seltenheitswert in der Zeit in den Fokus, den Freud allem Vergänglichen zuschreibt. Wir konnten uns einreden: Wie jede andere Krise wird auch diese vorübergehen. Aber wenn dieser Ausnahmezustand nur provisorisch ist, stellen sich folgende Fragen: Was wird passieren, wenn der globale Lockdown wieder aufgehoben wird? Welche Auswirkungen hat es auf die Natur, wenn die Reiselust von Touristen, aber auch jene von Geschäftsleuten, wieder einsetzt? Wenn die Industrie wieder angekurbelt wird? Man darf vermuten, dass, wenn jene Massnahmen, die unsere Bewegungsfreiheit eingeschränkt haben, nicht mehr vorhanden sind, auch die positiven Auswirkungen nicht anhalten werden. Es könnte sich zeigen, dass es auch für die Bedrohung, die der Klimawandel für die Erde darstellt, nur eine Auszeit war. Die Selbstregulierung, die temporär gewesen sein wird, kann demzufolge nur als Mahnung verstanden werden. Wir könnten unseren Umgang mit der Natur aufmerksamer gestalten.

Bemerkenswert an der Denkfigur, die Natur habe sich während des Lockdowns regenerieren können, ist, dass diese Behauptung vor allem an Fotografien festgemacht wurde, welche Wildtiere abbilden, die in urbane Gegenden vorgedrungen sind. An Orte, an denen sie vorher nie gesichtet wurden. Im Netz viral verbreitet haben sich Szenen, die Rotluchse und schwarze Bären im Yosemite Nationalpark zeigen, welche die Fahrbahn beschlagnahmten. Wildschweine tauchten in den leeren Strassen von Barcelona und Haifa auf, Pumas in Santiago de Chile und Kojoten auf der Michigan Avenue in Chicago. Eine Aufnahme fing sogar Ziegen ein, die im walisischen Badeort Llandudno unerschrocken an den Vorgartenhecken knabberten. Alle diese Bilder sollten bezeugen, wie sich der Ausnahmezustand zugunsten der Tiere entwickelte und diese ungestört fremdes Terrain erobern konnten. Oder sind die Tiere vielleicht doch nur deshalb in die Städte gekommen, weil sie in ihrem eigenen Lebensraum nicht genug Nahrung finden konnten?

Beeindruckend an diesen Fotografien ist, dass keine Menschen zu sehen sind. Nicht also ein harmonisches Miteinander von Tieren und Menschen – wie wir es aus der pastoralen Landschaftsmalerei kennen – wird dokumentiert, sondern vielmehr eine postapokalyptische Vision der Welt, aus der die menschliche Spezies wegretuschiert worden ist. So gilt es auch zu fragen: Warum bezaubern uns zum Teil sogar offenkundig digital manipulierte Bilder von einer Erde, in der wir nicht mehr gegenwärtig sind? Es sind Bilder, in denen wir unsere eigene Abwesenheit miterleben und sogar geniessen dürfen.

In menschenleeren Szenen steckt eine implizite geopolitische Aussage, setzt doch die tröstende Idee einer Erneuerung der Natur, nachdem wir sie verlassen haben, unsere vorgängig destruktive Anwesenheit voraus. Es handelt sich dabei nicht um eine noch unberührte Natur, sondern um eine, die sich dank des Virusausbruchs von den ihr schädlichen Menschen wieder befreien konnte. Dabei fungiert diese Hoffnung als Kehrseite ebenjener Befürchtung, die sie zugleich aufruft: Nachdem der globale Lockdown wieder aufgehoben sein wird, werden wir zur rücksichtslosen Ausbeutung der Umwelt zurückkehren.

An der Vorstellung einer Natur ohne Menschen lässt sich aber auch die spekulative Fantasie einer Umwälzung des gegenwärtigen Verhältnisses zur Erde ablesen. Es könnte auch zu einer neuen Machtverteilung zwischen uns und all den anderen Lebewesen kommen. Zwar wäre es naiv zu glauben, der Missbrauch, der bereits jahrhundertelang stattgefunden hat, könnte nach einer kurzen Periode, in der wir Menschen uns in die eigenen vier Wände zurückziehen, grundsätzlich rückgängig gemacht werden. Doch an der Vorstellung, es könnte eine nachhaltige Welt geben, in der wir ubiquitär abwesend sind, ist mehr als nur eine Mahnung an unseren fahrlässigen Umgang mit der Erde. Diese Vision erinnert daran, dass ein kompletter Verfall der von Menschen gemachten Gesellschaft möglich wäre.

Bereits Mary Shelley hat sich in ihrem Roman «The Last Man» einer postapokalyptischen Zukunftsvision bedient, um eine tödliche Seuche nicht nur als Rache Gottes, sondern auch als Vergeltungsschlag der Natur zu verbildlichen. Auf der letzten Seite des Manuskripts, das ihre antike Sibylle als Prophezeiung verfasst hatte, stellt der letzte Pestüberlebende, Lionel Verney, sich vor, wie er mit seinem Hund in einem Kahn von Hafen zu Hafen segeln wird. Die Natur um ihn herum wurde von der Seuche nicht tangiert. Vielmehr kann er auf seiner Reise eine Vielzahl wundersamer Naturerscheinungen beobachten. Demütig lässt er sich auf seine neue unterwürfige Rolle ein. Er war sich, bereits bevor die Pest nach England gekommen war, seiner eigenen Nichtigkeit bewusst: «Die Natur, unsere Freundin und gleichzeitig Mutter, hatte gegen uns ihre drohende Hand erhoben. Sie macht deutlich, dass die Zeit gekommen ist und sie nun ihre Kräfte gegen uns richten muss, um uns aufzurütteln – obwohl sie es eigens zuliess, dass wir sie unseren Gesetzen unterordnen und ihre Mächte bezwingen. Die Natur hat die Fähigkeiten, unseren Erdball mit Bergen zu besetzen. Sie umgibt eine Atmosphäre, welche die Voraussetzung für unsere Existenz darstellt. Die Natur ermöglicht, dass der Mensch alles, was er sich ausdenkt, aus eigenem Antrieb erreichen kann. Ebenso gut könnte sie aber diesen Erdball in ihre Hände nehmen und auf den Boden schmettern, damit wäre alles Leben ausgelöscht und die gesamten menschlichen Anstrengungen zunichtegemacht.»

Mit dieser schonungslosen Kritik am aufklärerischen Geist, dem im Kern Verantwortungslosigkeit und Egoismus innewohnen, bringt Mary Shelley eine Denkfigur ins Spiel, die auch heute noch Gültigkeit haben könnte: Gaia, die zur Subalternen eines globalisierten Eroberungswillens gemacht wurde, schlägt zurück. Die Metapher, dass der Mensch selbst das Virus sei, eignet sich für Selbstvorwürfe in diesem Fall weniger. Vielmehr lohnt sich die Erkenntnis: Mit unserem vermessenen Glauben an die Vorherrschaft auf Erden haben wir eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, die nun in der Gestalt eines tödlichen Virus für die Menschheit selbst verheerende Konsequenzen hat.

Seit dem Ausbruch des neuen Coronavirus haben auch Umweltschutzexperten den Ausbruch der Pandemie durch die Störung des fragilen Ökosystems erklärt. Der nature writer David Quammen hat bereits am 28. Januar 2020 unter dem Titel «We Made the Coronavirus Epidemic» in der «New York Times» darauf hingewiesen, die Notlage in Wuhan sei kein neues Ereignis. Ganz im Sinne der Drehbücher einiger Pandemiefilme sei sie vielmehr Teil einer Reihe zusammenhängender Zufälle, die weit in die Vergangenheit zurückreichen. Auch in der Zukunft wird diese kausale Kette weiterwirken – immer wenn Viren von Wildtieren über einen Zwischenwirt zum Menschen überspringen: «Wir dringen in Wälder und andere wilde Landschaften ein, die so viele Tier- und Pflanzenarten beherbergen. Diese Wesen sind wiederum von vielen unbekannten Viren infiziert. Der Mensch fällt Bäume, tötet die Tiere oder sperrt sie ein und schickt sie auf Märkte und in Tierhandlungen. Wir stören Ökosysteme, und wir schütteln Viren von ihren natürlichen Wirten. Wenn das geschieht, brauchen sie einen neuen Wirt. Oft sind das dann wir, die Menschen.» Auch Quammen hält an jener Warnung fest, die aus den Pandemiefilmen seit den 50er-Jahren bekannt ist: Für das Virus, das ein Flugzeugpassagier mit sich trägt, ist die Distanz zwischen Wuhan oder dem Regenwald im Amazonas und den Grossstädten Rom, Paris, Buenos Aires, Washington oder Zürich nicht weit.

Die Ironie ist unübersehbar: Wir haben eigens eine Situation geschaffen, die uns selbst gefährdet. Im Zuge unseres Expansionsdrangs greifen wir in Ökosysteme ein und destabilisieren diese, sodass Krankheiten wie Covid-19 überhaupt ausbrechen können. Im Gegenzug macht sich die Natur das Recht auf Bewegungsfreiheit zunutze, jene Mobilität und Globalisierung, die vorgängig zu ihrer Ausbeutung geführt hat.

Die Bilder einer durch die Corona-Pandemie regenerierten Natur mögen die Funktion einer Droge haben, die das schlechte Gewissen, das schon länger kursiert, mildern oder ganz abwehren kann. Wie die Schriftstellerin Judith Schalansky am 9. Mai 2020 im «Spiegel» kritisch bemerkt, «fällt es den Menschen offenkundig sehr viel leichter, sich reuevoll eine heile Welt ohne die eigene Gattung zu erträumen: als eine von zwischenartlicher Koexistenz und Kooperation, voller Naturkulturlandschaften, in der eine erweiterte, planetarische Solidargemeinschaft allen Lebewesen Raum zur Entfaltung zugesteht». Es wäre sicher nachhaltiger, sich von einem solch dualistischen Denken zu verabschieden. Warum müssen wir den Menschen als Gegensatz zur Natur verstehen? Dies führt allerdings dazu, dass wir sie entweder als Naturschutzgebiete zum touristischen Anschauungsobjekt erhöhen oder aber sie als uns unterlegen entwerten und hemmungslos ausbeuten.

Anstelle dieses Dualismus könnte das Denken eines Miteinander treten, das im Gegensatz zur pastoralen Idylle wie auch zur apokalyptischen Vision von der Perspektive der Erde aus gedacht festhält, wie sehr wir alle Teil eines Gesamtorganismus sind. Danach zu fragen, wie eine weniger gestörte Berührung zwischen Mensch und Natur aussehen könnte, ein weniger zerstörerischer Kontakt, bringt mich zu einer anderen spekulativen Fantasie: Die Lehre aus unserer gegenwärtigen Erfahrung von Verwundbarkeit und Kontrollverlust könnte darin bestehen, dass wir uns die komplexen Verflechtungen des Systems Natur bewusst machen.

Lange vor der aktuellen Corona-Pandemie machte sich die feministische Wissenschaftshistorikerin Donna Haraway dafür stark, dass das bürgerliche Konzept der Kleinfamilie aufgegeben werden soll und stattdessen stärker die Verwandtschaftsbeziehungen gepflegt werden könnten, die selbst die kleinsten Kriechtiere mit einschliessen würden. Ihr Plädoyer greift zurück auf die vom Naturwissenschaftler James Lovelock vorgebrachte Gaia-Hypothese, die besagt, dass die Weltkugel als ein zusammenhängendes, zutiefst dynamisches und hochsensibles System zu verstehen sei. Erinnern wir uns: Die antike Kosmologie setzt diese vollbusige Urmutter Gaia an den Anfang des irdischen Daseins. Sie ist dem allem vorangehenden Chaos entsprungen und bringt ohne das Mitwirken irgendeiner paternalen Kraft den ihr gleichrangigen Himmel hervor, damit dieser sie von allen Seiten her umgeben kann. Haraways Bezugnahme auf diese mythopoetische Figur erlaubt es ihr, von der Erde als einem sich selbst bildenden, autopoetischen Organismus zu sprechen, der Grenzen beibehält und unter bestimmten Bedingungen stabil ist und unter anderen nicht. Ihre zeitgenössische Auffassung von Gaia lässt sich nicht auf die Summe ihrer Teile reduzieren, sondern ist nur begrenzt kohärent, weil sie immer wieder auf Störungen reagiert, die als dynamische Prozesse dem System Natur inhärent sind. Diese Gaia kümmert sich nicht um die Intentionen, das Begehren und die Bedürfnisse von Menschen oder anderen biologischen Wesen. Wie Haraway festhält, stellt diese Gaia vielmehr unser Dasein infrage. Haben wir doch jene grausame Mutation selbst provoziert, die für alle auf der Welt mit existierenden Wesen sowohl die Lebensqualität der Gegenwart als auch jene der Zukunft bedroht.

So problematisch die Versuchung auch sein mag, angesichts einer realen Katastrophe solche Metaphern oder eben auch mythische Spekulationen als Denkbilder zu bemühen, tauchen sie immer wieder auf. Wir brauchen Geschichten, um ein Ereignis wie zum Beispiel solche Pandemien greifbar zu machen, damit wir sie begreifen können. Die Vorstellung, die Natur würde im Ausnahmezustand nicht nur wieder zu ihrem Recht kommen, sondern auch zurückschlagen, ist betörend, weil sie aus der Welt der Science-Fiction stammt. Als eine nach Vergeltung suchende Personifizierung der mütterlichen Entität ruft Gaia auf, die Konsequenzen dessen, was der Mensch selbst provoziert hat, zu tragen. Man darf sich eine Szene der Konfrontation vorstellen, in der sie uns verkündet: «Wenn ihr nicht auf mich hört, wenn ihr die Zeichen des Klimawandels nicht ernst nehmen, sondern verleugnen wollt, und wenn ihr weiterhin darauf besteht, mich auszubeuten, dann zerstöre ich euch zwar nicht. Aber ich attackiere euch stattdessen mit Viren, um eure Aufmerksamkeit auf das zu richten, was ihr euch – und allen anderen, die in meinem Organismus leben – antut. Durch meinen Gegenschlag soll den Tieren und Pflanzen kein Leid zugefügt werden. Nur ihr Menschen sollt Schaden nehmen; nur ihr, die ihr euch selbst zur Gefahr geworden seid, sollt am Kollateralschaden eurer eigenen Überheblichkeit zugrunde gehen.» Bemüht man die Denkfigur eines Vergeltungsschlags, ist dies natürlich auch eine Geste der Aneignung oder eine spekulative Besitzergreifung. Man schreibt der Erde menschliches Verhalten wie Intentionen und Affekte zu. Haben wir die Natur uns gleichgesetzt, so fällt es uns – wie einst den antiken Dichtern, die sich den Gaia-Mythos ausgedacht haben – leicht, ihre Wut zu verstehen, ihre Rache zu verzeihen, vielleicht sogar gutzuheissen. Was aber, wenn wir die Selbstregulation des Organismus Erde weniger anthropozentrisch zu denken versuchen? Zeigt sich in einer Pandemie nicht doch mit besonderer Vehemenz, dass die Natur, von der wir abhängig sind, sich gar nicht um uns kümmert?

Der Molekularbiologe Joshua Lederberg behauptet, Viren seien des Menschen einzige Rivalen um die Vorherrschaft auf diesem Planeten; eine Aussage, die auch Wolfgang Petersen als Motto seinem Pandemiefilm «Outbreak» voranstellt. Lederberg besteht darauf, dass die Natur den Menschen gegenüber gleichgültig ist. Ausbrüche einer viralen Erkrankung sind ihrem Wesen nach kontingent. Der unheilvolle Zusammenstoss von Menschen und Viren folgt keiner Notwendigkeit, er hätte auch anders verlaufen können. Wie Mikroben fehlt es auch Viren an Intentionen und überhaupt dem Vermögen, ihre Lage einzuschätzen und bewusst zu handeln. Sie sind einfach besonders lebensfähig und versuchen mit äusserster Vitalität und Hartnäckigkeit zu überleben, indem sie sich ausbreiten. Diesen biologischen Zombies ist der Mensch gänzlich gleichgültig. Wir geben lediglich einen nützlichen Wirt ab, mit verheerenden Auswirkungen für die Menschen. Angesichts dieses Desinteresses könnte unsere Erfahrung von Versehrtheit und vom Verlust der Vorherrschaft, wie sie sich in der aktuellen Coronakrise gezeigt hat, auch eine Lektion in Demut sein.

Die Covid-19-Pandemie ist im Grunde ein bedeutungsloses Ereignis. Es ist keine von vornherein Sinn enthaltende Geschichte, und eben deshalb müssen wir für diese wie für jede andere reale Katastrophe Sinnbilder finden. Wir müssen ihr Bedeutungen zuweisen, um sie greifbar und begreifbar zu machen. Nachhaltig wäre der Deutungsversuch, unsere Berührungen zusammen mit allen Wesen, die mit dem System Natur verwoben sind, neu zu denken; das con tangere, das in dem englischen Wort contagion liegt, nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Chance zu sehen.

Wie Siri Hustvedt am 24. April 2020 in der «Financial Times» schrieb: «Ich lege es uns allen nahe, diese Pandemie nicht zu vergessen, und sei es auch nur, weil unsere Ökosysteme verwundbar und schutzlos sind. Ferner lege ich uns ebenso ans Herz zu begreifen, dass das Virus, welches irgendwann im letzten Jahr vom Tier auf den Menschen überspringen konnte, deutlich aufgezeigt hat, wie unauflösbar verstrickt wir alle miteinander sind, wie abhängig voneinander; wie sehr wir auf dieser kleinen, fragilen Erde mit allen anderen Säugetieren und Vögeln und Insekten und Bakterien und Viren koexistieren müssen.»