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Gartenkolumne «Nachgehackt»Schlägerei um eine alte Wurzel

Würden Ihre Kinder Haferwurzel essen? Die Kinder unserer Gartenkolumnistin tun es – doch auch das sorgt
für Probleme.

Haferwurzeln in der Holzkiste.
Haferwurzeln in der Holzkiste.
Foto: PD

Es gibt Fleisch, das sonst praktisch nie auf den Tisch kommt. Und ich habe extra noch ein Dessert gekauft. All das in weiser Voraussicht, das zu erwartende Leid am Mittagstisch etwas zu schmälern. Aber dann spielen sich Szenen ab, die einen brillanten, wenn auch unglaubwürdigen Werbespot für den gesunden Lebensstil abgeben würden.

Beide Kinder stürzen sich aufs Fleisch, dann erspähen sie den Rest: Ofengemüse mit Kartoffeln, Rüebli und Haferwurzel.

Sie deuten auf das weisse Unbekannte: «Was ist das?»

Ich: «Haferwurzel, die habe ich heute im Garten geerntet.»

Sohn (5): «Ich will nur Haferwurzel essen» (greift in die Gratinform und schnappt sich mit der Hand alle Gemüsestücke, die er für Haferwurzel hält. Dann steckt er viel zu viele gleichzeitig in den Mund).

Tochter (8): «Er nimmt alles, ich will auch» (pickt sich mit der Gabel den Rest der Haferwurzel aus der Gratinform).

Der Mann erbarmt sich und sortiert seinerseits die Haferwurzel-Stücke auf seinem Teller aus und gibt sie dem Sohn.

Die Tochter beginnt zu weinen, zeigt auf ihren Bruder und schluchzt: «Er hat mehr!»

Der Mann verteilt die Stücke um.

Der Sohn schreit auf.

Einen Moment Ruhe, beide essen gierig.

Ich klopfe mir innerlich auf die Schultern für diesen Coup. Die Haferwurzeln haben sich selbst ausgesät. Nun wachsen sie unauffällig zwischen dem Lauch, die Blätter sind von weitem nicht zu unterscheiden. Nur von nah sieht man, dass das Laub der Haferwurzel buschiger ist.

Es läuft nicht immer alles wie geplant

Auf diesem Feld habe ich im Frühling einige der letztjährigen Haferwurzeln blühen lassen, um Samen abzunehmen. Den Rest des gekauften Samens, den ich noch übrig hatte, säte ich gleichzeitig auf einem anderen Beet aus. Dort kam kein einziges Pflänzchen. Es läuft nicht immer alles wie geplant.

Das alte Gemüse schmeckt ähnlich wie Schwarzwurzel. Es ist auch ähnlich mühsam zu schälen, der weisse, milchige Saft verfärbt die Hände dunkelbraun. Ebenso die Kleider.

Deshalb habe ich es letztes Jahr in der Küche gemieden und im Garten stehen lassen. Doch nun habe ich herausgefunden, dass man es als Ofengemüse gar nicht schälen muss. Nur frisch ernten, gut waschen, schneiden, in den Ofen, fertig.

Das macht das alte Gemüse gleich viel attraktiver.

Die Tochter beugt sich so unauffällig wie möglich hinter dem Rücken des Sohns durch, spiesst mit ihrer Gabel das letzte Haferwurzel-Stückchen von seinem Teller auf und steckt es genüsslich in den Mund.

Als er es merkt, schlägt er mit den Fäusten auf sie ein.

Beide schreien.

Ich: «Das nächste Mal koche ich nur Haferwurzel.»

Beide jubeln.

Der Mann: «Obwohl sie es just an jenem Tag vermutlich nicht mögen werden.»

Spielverderber.