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Gastkommentar zur PandemiepolitikRisikogruppen schützen, Lockdown vermeiden

Die Zahlen zeigen klar: Corona ist nur für wenige gefährlich. Daran müssen sich die Massnahmen orientieren.

Die Risikogruppen besser schützen: Ein versperrter Zugang zum Park des Alterszentrums Rosental in Winterthur.
Die Risikogruppen besser schützen: Ein versperrter Zugang zum Park des Alterszentrums Rosental in Winterthur.
Foto: Patrick B. Krämer (Keystone)

Der Bundesrat hat am Mittwoch die Verlängerung der einschneidenden Corona-Massnahmen bis Ende Februar vorgeschlagen. Verschärfungen bis hin zu einem Lockdown sind nach wie vor möglich. Als Ingenieur und Unternehmer setze ich auf die Kraft der Daten. Und ich bin überzeugt, dass es einen anderen Weg aus der Pandemie gibt als einen sozial, psychisch und wirtschaftlich verheerenden Lockdown.

Mein Team und ich haben in den letzten Wochen die Sterbedaten des Bundesamts für Statistik seit 2015 systematisch ausgewertet. Wir haben herausgefunden, dass Corona nur bei den über 80-Jährigen und bei Menschen mit Vorerkrankungen hochgefährlich ist. Die Pandemie als tödliche Bedrohung betrifft also nur etwa 6 Prozent der Bevölkerung. Bereits heute haben laut BAG rund eine halbe Million Menschen Corona überlebt, in Wirklichkeit dürfte die Zahl (wegen der Dunkelziffer) drei- bis viermal höher sein.

Detailliert: In der Gruppe der unter 65-Jährigen (81,3 Prozent der Bevölkerung) macht sich Corona statistisch nicht bemerkbar. Hier gibt es keine Übersterblichkeit. In der Gruppe der 65- bis 80-Jährigen (13,4 Prozent der Bevölkerung) ist Corona bemerkbar, aber die Übersterblichkeit beträgt weniger als 4 Prozent.

In der Gruppe der über 80-Jährigen (5,3 Prozent der Bevölkerung) hat Corona allerdings einen sehr starken Einfluss: Von ihnen starben in den letzten Wochen fast doppelt so viele Menschen pro Woche wie im mehrjährigen Durchschnitt.

Aber über alle Altersgruppen hinweg ist die Übersterblichkeit im Corona-Jahr 2020 mit 0,85 Prozent nur marginal höher als im Grippe-Jahr 2015 mit 0,84 Prozent Sterblichkeit (ein «normales» Jahr wie 2019 hat eine Sterblichkeit von 0,79 Prozent).

Die Daten sagen also klar: Für alle Menschen, die nicht zur Risikogruppe gehören – also für 94 von 100 Schweizerinnen und Schweizern –, ist Corona nicht gefährlicher als eine normale Grippe. Sie führt nur in wenigen Einzelfällen zu schweren Komplikationen oder sogar zum Tod.

Viele der über 80-Jährigen verzichten freiwillig auf Lebens­erhaltungs­mass­nahmen bis zum Letzten.

Gegen dieses Argument wird ins Feld geführt, dass die jährlichen Grippe-Epidemien bisher nie zu dieser Überlastung des Gesundheitswesens geführt haben, die wir heute sehen. Was ist also die Ursache für die angespannte Lage in den Spitälern?

Wir tun auch während der Pandemie alles dafür, um Leben zu retten. Das ist selbstverständlich grundsätzlich richtig so. Aber diese Haltung wurde für das Gesundheitssystem angesichts der Tatsache, dass in der ersten Welle 78 Prozent der Spitalaufenthalte der Gruppe der über 80-Jährigen angehörten, zu einer Herkulesaufgabe. Viele der über 80-Jährigen haben in den letzten Monaten ein Patientenverfügung erstellt und verzichten freiwillig auf Lebenserhaltungsmassnahmen bis zum Letzten.

Normalerweise verbringen Patienten weniger als eine Woche auf einer Intensivstation. Corona-Patienten dagegen müssen bis zu vier Wochen intensiv gepflegt werden. Diese aussergewöhnlich lange Aufenthaltsdauer im Intensivpflegebett und der damit verbundene überdurchschnittliche materielle und personelle Aufwand ist ein Hauptgrund für die anhaltende extreme Belastung unseres Pflegepersonals und des gesamten Gesundheitssystems.

Am Anfang einer besseren Corona-Strategie steht eine «mentale Entkopplung» der Risikogruppen vom Rest der Bevölkerung.

Die meisten Menschen, die an oder mit Corona sterben, sind über 80 Jahre alt und haben im Durchschnitt noch drei Jahre zu leben. Falls es uns gelingen würde, alle Corona-Toten zu retten, so würde das etwa dem jährlichen Verlust an Menschenlebensjahren durch den Automobilverkehr entsprechen, wenn wir die lebenslang Pflegebedürftigen mitberücksichtigen. Weshalb machen wir bei Corona einen Lockdown, aber beim Autoverkehr nicht?

Deshalb brauchen wir eine neue Corona-Strategie. An deren Anfang steht eine «mentale Entkopplung» der Risikogruppen vom Rest der Bevölkerung. Die Risikogruppen müssen wir konsequenter, stärker und besser vor dem Virus schützen als bisher. Den Rest der Bevölkerung – also die überwiegende Mehrheit von 94 Prozent – müssen wir dafür vor dem Lockdown schützen.

Wir wissen, dass die rund 90’000 Bewohnerinnen und Bewohner von Pflege- und Altersheimen am meisten gefährdet sind. Hier müssen wir alles tun, was möglich ist: mehr Schutzmaterial für Pflegende, Besucherinnen und Besucher, mehr und regelmässige Tests. Zudem sollen alle Risikogruppen sich im Corona-sicheren Taxi zum ÖV-Tarif befördern lassen können. Beim Einkaufen müssen sie durch Personen unterstützt werden, die durch Corona nicht gefährdet sind.

Die Massnahmen müssen sich also auf die wenigen konzentrieren, die besonders verwundbar sind. Der grosse Rest der Bevölkerung kann so weiterleben wie vor der Pandemie.

294 Kommentare
    B. Steinhart

    Meiner Meinung nach könnte das Geld für den Lockdown sinnvoller eingesetzt werden. Statt alles zu schliessen wäre es doch leicht möglich, dass der Bevölkerung Schnelltests zur Selbstanwendung zur Verfügung gestellt werden. Gehe ich nach draussen - teste ich mich kurz, jeden Morgen, gehe ich zu den Grosseltern, ebenso. Viele Menschen haben so bereits zu den Festtagen aus Verantwortungsgefühl bereits gehandelt. Ein Schnelltest kostet in Österreich 8 Franken. Auch wenn diese Tests nicht hundertprozentig genau sind, würden viele Menschen, die keine Symptome haben, sich rechtzeitig in Isolation begeben können.