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Geldberater: Marktschrei(b)erRichemont schaut nach China

AMS und Osram brauchen Zeit +++ Swiss Life lockt weiter mit Dividende +++ Burckhardt Compression überzeugt +++ Vontobel im Wandel

Herstellung einer Cartier-Uhr:  Der Luxusgüterkonzern Richemont setzt mit aller Kraft auf den chinesischen E-Commerce-Markt.
Herstellung einer Cartier-Uhr: Der Luxusgüterkonzern Richemont setzt mit aller Kraft auf den chinesischen E-Commerce-Markt.
Foto: Sandro Campardo/Keystone

Richemont: Kaufen

Ich muss gestehen, in den letzten zwei Jahren hatte ich Richemont nicht mehr auf meiner Liste. Zu sehr war das Luxusunternehmen damit beschäftigt, die Exzesse aus der Boomphase von 2013 und 2014 zu bereinigen. Nun holt der Genfer Konzern zum Befreiungsschlag aus. Nachdem sich die Übernahme der Onlineplattform Yoox Net-a-porter vor zwei Jahren noch nicht bezahlt gemacht hat, setzt Richemont nun mit aller Kraft auf den chinesischen E-Commerce-Markt. Die Beteiligung, die der Uhren- und Schmuckhersteller zusammen mit Alibaba bei der Luxusplattform Farfetch eingeht, ist strategisch ein wertvoller Zug. Diese Kombination wird es Richemont ermöglichen, im wichtigsten Markt China Zugang zu weiteren Millionen von potenziellen Kunden zu erlangen. Wie wichtig China und Asien im Allgemeinen für Richemont geworden sind, zeigen die am Freitag publizierten Halbjahreszahlen. Inzwischen stammt fast jeder zweite Umsatzfranken von dort. Die Aussicht, dass Richemont im Onlinehandel mit Luxus ganz vorn dabei ist, stimmt mich vor allem mittelfristig für die Aktien positiv. Kaufen

AMS: Halten

Es ist vollbracht: Sei Anfang vergangener Woche gehört Osram nun zu AMS. Die Aktionäre des deutschen Lichtspezialisten haben einem Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag mit AMS zugestimmt. Kein Wunder, hielt der österreichische Chiphersteller, dessen Aktien an der Schweizer Börse kotiert sind, doch ohnehin bereits die Mehrheit der Aktien. Sind alle Formalien erledigt, hat AMS nun voraussichtlich ab Ende Jahr Zugriff auf die Finanzen von Osram und kann faktisch die Macht ausüben, beispielsweise den Verkauf von ungeliebten Teilen des Unternehmens einleiten. Damit fällt der Startschuss für die Integration der beiden ungleichen Gesellschaften: auf der einen Seite der dank Grosskunde Apple gewinnstarke und selbstbewusste Chiphersteller mit Start-up-Mentalität, auf der anderen die verlustträchtigen, aber ebenso selbstbewussten Leuchtenexperten mit ihrer mehr als 100-jährigen Tradition. Bis zusammenwächst, was da zusammengehören will, werden aus meiner Sicht noch Jahre ins Land gehen. AMS-Aktionäre werden weiter Langmut beweisen müssen, bis beide Unternehmen unter einem Dach erste Erfolge vorweisen können. Halten

Swiss Life: Kaufen

Swiss Life kommt in allen wichtigen Kenngrössen voran. Das Prämieninkasso des Vorsorge- und ­Lebensversicherers fällt dieses Jahr zwar 15 Prozent zurück auf 15,4 Milliarden Franken, doch um Sondereffekte des letzten Jahrs bereinigt ist das Niveau der Einnahmen in den ersten neun Monaten stabil geblieben. Und die Dienstleistungseinnahmen sind auf 1,4 Milliarden gestiegen. Swiss Life vermittelte mehr Versicherungs- und Anlageprodukte von Dritten, verwaltet für institutionelle wie auch private Investoren zusätzliche Gelder und kassiert für das Verwalten von Liegenschaften von deren Eigentümern ergänzende Honorare. Gewinnzahlen werden erst mit dem Jahresergebnis publiziert. Ich gehe davon aus, dass auch im ­Pandemiejahr eine Eigenkapitalrendite von mindestens 8 Prozent erreichbar ist, und ich erwarte, dass im nächsten Frühling für 2020 wiederum eine Dividende bezahlt wird, möglicherweise gar mehr als die für 2019 geleisteten 20 Franken je Aktie. Kaufen

Burckhardt Compression: Kaufen

Heute in Industriewerte zu investieren, braucht Mut. An Reizvollem fehlt es aber nicht. Burckhardt Compression ist ein Beispiel. Der Spezialist für Kolbenkompressoren – Anlagen zum Verdichten von Gas für ein breites Spektrum industrieller Anwendungen – ist das, was man auf Neudeutsch als Hidden Champion bezeichnet: klein, aber fein und Weltmarktführer auf seinem Gebiet. Auch er spürt die Corona-Krise; im Halbjahresbericht per Ende September finden sich klare Spuren davon. Alles in allem finde ich das Zahlenwerk aber ansehnlich. Das Verhältnis aus Auftragseingang und Umsatz liegt immer noch knapp über 1. Weil Aufträge später zu Umsatz werden, ist das ein gutes Zeichen. Vor allem aber hat das Management den Jahresausblick bestätigt: über 650 Millionen Franken Umsatz und eine Gewinnmarge auf Vorjahresniveau. Auch das Mittelfristziel für 2022 hat weiter Bestand. Dabei ist das Margenziel auf Basis des operativen Gewinns als Bandbreite formuliert, 10 bis 15 Prozent. Selbst am unteren Rand ergibt das ein schönes Gewinnsteigerungspotenzial. Daran gemessen halte ich die Aktien für günstig bewertet. Kaufen

Vontobel: Halten

Für die Aktien von Vontobel ging es letzte Woche deutlich nach oben. Die Privatbank hat am Mittwoch ein Zahlen-Update für die ersten neun Monate gegeben und den Markt positiv überrascht. Entgegen der Erwartungen fliessen der privaten Vermögensverwaltung seit dem dritten Quartal netto wieder hohe Neugelder zu. Eine ganz neue und erfreuliche Entwicklung. Seit der Übernahme von Notenstein La Roche 2018 lag das Wachstum im Argen. Zuletzt vermeldete Vontobel zum Halbjahr Nettoneugeld von lediglich 1 Prozent, was deutlich unter dem Ziel von 4 bis 6 Prozent liegt. Dass die Bank nun wieder in allen Sparten kräftig zulegt, zahlt sich aus. Der Vorsteuergewinn nach neun Monaten liegt bereits über dem Wert der Vorjahresperiode. Und da die rekordhohen Kundenvermögen im vierten Quartal die Gebühreneinnahmen befeuern, bin ich auch optimistisch, was das Gesamtjahr angeht. Weil Vontobel hochrentabel ist, sind die Aktien mit einem Kurs-Buchwert-Verhältnis von 2,1 aber nicht günstig. Deshalb – und weil wegen der Nervosität an den Börsen die Aussichten für kapitalmarktabhängige Finanzwerte unsicher sind – halte ich mich etwas zurück. Halten

Diese Kolumne wird von den Redaktorinnen und Redaktoren der «Finanz und Wirtschaft» verfasst. Sie haben sich verpflichtet, nicht in den entsprechenden Titeln aktiv zu sein. Wer die Tipps dieser Kolumne umsetzt, tut das auf eigenes Risiko. Die SonntagsZeitung übernimmt keine Verantwortung.