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Zum Tod von Remo Largo Remo und ich

Der Liedermacher Linard Bardill war lange Jahre mit dem verstorbenen Kinderarzt und Buchautor Remo Largo befreundet. Ein sehr persönlicher Nachruf.

Hatte eine unersättliche Wissbegierde: Remo Largo, Kinderarzt und Sachbuchautor.
Hatte eine unersättliche Wissbegierde: Remo Largo, Kinderarzt und Sachbuchautor.
Foto: Christian Grund (13 Photo)

Remo Largo ist nicht mehr. Dabei war er fast so etwas wie eine Institution, und Institutionen, die sterben doch nicht einfach so: mit der Katze auf dem Schoss und mit der Frage nach dem Sinn im Kopf, dieses Haupt, das so viel über das Leben nachgedacht hatte, dieses Leben, das einen Sinn machen sollte.

Seine Wissbegierde war unersättlich. Und dies schon ganz früh. Er erzählte, dass er als Jugendlicher kistenweise Bücher gelesen hatte, die Russen, Dostojewski, Tolstoi, mit 14 den ganzen Brockhaus von A – Z rums durch! Und obwohl er begriff, dass die Pyramide des Wissens in der Erde drin liegt, und je mehr man sie freilegt nur umso grösser wird, liess er sich nicht abhalten, immer weiter zu forschen.

Dieser Forscherdrang kam ihm dann auch in der 2. Zürcher Longitudinalstudie zupass, die er an der Universitäts-Kinderklinik Zürich ab den Siebzigerjahren leitete. Fast tausend Menschen zwischen null und dreissig kamen in seinem Institut vorbei, und Largo und seine Mitarbeiter zeichneten jedes Detail auf und verfolgten, wie Kinder sich entwickeln.

Remo war nicht nur interessiert an einem Kind. Er war offen für das Menschsein, das sich in diesem Kinde offenbarte.

Linard Bardill über Remo Largo

Wenn Remo sich mit einem Menschen einliess, dann wusste er nach kurzer Zeit, dass der 85 jährige Herr in der Dorfkneipe in seinen frühen Jahren in Buenos Aires gewesen war, und er fragte weiter, bis er die wichtigen Details der dritten argentinischen Währungsreform und ihre Auswirkung auf die Gauchos in der Pampa erfahren hatte. Das Gegenüber aber erleichterte sich seiner eigenen Geschichten, indem es sie diesem vollkommen offenen Menschen übergab, der im Zuhören ihn zum Teilgeber seines Lebens gemacht hatte.

Noch deutlicher war dies bei seiner Begegnung mit Kindern. Remo war nicht nur interessiert an einem Kind. Er war offen für das Menschsein, das sich in diesem Kinde offenbarte. Und gerade darum fühlten sich die Kinder ernst genommen, legten schnell ihre Zurückhaltung ab und begannen von sich zu erzählen.

Meine Tochter fragte er bei der ersten Begegnung: «Bist du ein Engel?», und sie antwortete ihm: «Man muss nicht ein Engel sein, um fliegen zu können.» Er zog sofort einen kleinen Block aus der Tasche und schrieb sich den Satz auf, um ihn Jahre später in einem völlig anderen Zusammenhang aus der Erinnerung zu zitieren.

Seine Bücher waren wie eine Notfallapotheke für Eltern

Remo Largo kannte in den 80er- und 90er-Jahren bald jede Mutter und jeder zweite Vater. Seine Bücher «Babyjahre», «Kinderjahre» und «Jugendjahre» standen wie eine Notfallapotheke für Entwicklungs - und Erziehungsfragen auf dem Bücherregal und sorgten für Klarheit und Entstressung.

«Zieht nicht am Gras, es wächst von allein.» Das ist wohl eine der Kernbotschaften des Entwicklungsforschers Remo Largo. Jedes Kind bringt alles mit, was es zu einem gelingenden Leben braucht. «Versucht nicht die Kleinen gross und die Grossen klein, die Schnellen langsam und die Langsamen schnell zu machen.»In ihren Grundbedürfnissen sind die Kinder alle gleich, und gleichzeitig sind sie alle extrem eigen, individuell und ganz verschieden. Jedes Kind will Anerkennung, Leistung zeigen, Geborgenheit, Unversehrtheit.

Doch dieses Netz der Bedürfnisse sieht bei jedem Kind einzigartig aus. Das war die unumstössliche Erkenntnis seiner Untersuchungen. Alle Kinder stapeln zuerst die Klötze wie einen Turm, und dann erst setzen sie sie aneinander wie einen Zug.

Wann sie es machen, wie schnell und wie lange sie dafür brauchen, das ist aber individuell. Darum lohnt es sich nicht, Kindern etwas abzuverlangen, bevor sie so weit sind, es von sich aus zu tun. Darum war er der Überzeugung, dass Schule nicht so Schule sein darf, wie sie landauf und landab Schule ist. Und darum wurde er immer politischer.

Er war gegen Noten

Selten hat in der Schweiz ein Akademiker, der er zweifellos war, den Sprung vom gescheiten Wissenschaftler zum engagierten Zeitgenossen so radikal gewagt wie er. Er lehnte komplizierte Lehrpläne ab, weil er glaubte, dass Lernen nichts mit Plänen zu tun hat. Vielmehr sollten die Kinder das tun, was bei ihnen gerade am Erwachen war.

Er war gegen Noten und hielt Hausaufgaben für Mumpitz. Beziehung statt Belehrung war seine Devise. Darum unterstützte er mit seinem ganzen öffentlichen Gewicht Projekte, die am Rande gediehen: die Villa Monte in Galgenen, die Montessori-Schule von Ulrike Kegler in Potsdam, die freie Bildungswahl im Kanton Zürich.

Wenn man mit Remo an eine Ausstellung ging, war das gleichzeitig ein Ausflug in den Kosmos eines Menschen, der bis zum Schluss selbst ein Kind war. Er schien eine Fähigkeit zu besitzen, sich in Dinge, Menschen und Gebäude, ja in Bilder und Filme hineinversetzen zu können, die seinesgleichen suchte. Einmal im Vitra-Museum in Lörrach schauten wir uns Stühle von Charles und Ray Eames an. «Warum ist dieser Stuhl immer noch ein Bestseller?», fragte er mich mit grossen Augen. «Weil er stimmt! Der Stuhl passt ins Auge und ans Gesäss.»

Das Prinzip «the winner takes it all» fand er lebenstötend und bireweich.

Linard Bardill über Remo Largo

Die grosse Kunst war für ihn das passende Leben. Auch wenn er das Exklusive durchaus zu würdigen wusste. Für ihn musste es stimmen, und meistens war das Passende einfach und ohne Egoüberladung.«Würde die Politik dafür sorgen, dass unsere Grundbedürfnisse erfüllt würden, es gäbe weder Krieg noch Armut, weder Ausbeutung noch Raubtierkapitalismus.» Denn das Leben verschenke sich naturgemäss immer. Das Prinzip «the winner takes it all» sei lebenstötend und bireweich.

Remos Familie war von Norditalien ins Glarnerland gekommen, seine Grosseltern starben an der Spanischen Grippe, und der Vater wuchs mit 9 Geschwistern als Vollwaise auf. So lernten sie, was es bedeutet, in einem fremden Land in grosser Armut und doch selbstständig und ohne fremde Hilfe aufzuwachsen, zusammenzuhalten und den guten Mut nicht zu verlieren. Remos Mutter stammte ebenfalls aus dem Glarnerland. Die Erfahrung einer Familie mit vielen Tanten und Onkeln hatte in ihm die Gewissheit begründet, nie alleine zu sein, akzeptiert zu werden, auch wenn man aus der Reihe tanzte, geliebt zu werden, so wie man ist.

Alles Gelingen liegt im Menschen selbst drin

Remo Largo erlebte in seiner Kindheit, was er als Forscher an der Universität in unzähligen Beispielen bestätigt bekam: Der Mensch braucht das «Antlitz des Andern» (Jacques Lacan), um sich zu entwickeln, um erfolgreich, geborgen, anerkannt und unversehrt zu sein. Dies beschrieb er schliesslich in seinem Opus Magnum «Das passende Leben» für die Grossen, so wie er es als Forscher für Kinder und Jugendliche getan hatte.

Er übertrug die Forschungsergebnisse der Bedürfnisse, Vorstellungen und Kompetenzen der Kinder auf die Erwachsenenwelt und formulierte im Fit-Prinzip diese revolutionär einfache Erkenntnis: Alles Gelingen des Menschen liegt in ihm selber drin, und wir alle sind daran beteiligt. Beteiligt, dass ein jeder in der Gemeinschaft zu sich und damit zu seinem Besten kommt.

Als ich zum letzten Mal bei ihm war, sinnierten wir erneut über die Frage nach dem Sinn. «Liegt denn der Sinn des Lebens nicht darin, seine Bedürfnisse zu leben, seine Fähigkeiten und seine Vorstellungen zu realisieren?», fragte er mich schelmisch.

Ich versuchte ihm schmackhaft zu machen, dass wir die Frage, ob und wie unser Leben einen Sinn hat, umstülpen sollten in die Möglichkeit, dass wir selber Sinn unseres Lebens sind, indem wir unsere Sinne, unsere Aufmerksamkeit, unser urteilsfreies Wahrnehmen als Sinn begreifen. Etwas, das er ein Leben lang getan hatte.

Als ich abends nach Hause kam, hatte er mir ein Foto geschickt: Darauf lag er in seligem Frieden auf dem Sofa, auf dem Schoss nicht minder seligseine Katze. Darunter hatte er geschrieben: Das macht doch Sinn, oder?

Der Liedermacher Linard Bardill war lange Jahre mit Remo Largo befreundet.

Liedermacher Linard Bardill, langjähriger Freund des verstorbenen Remo Largo.
Liedermacher Linard Bardill, langjähriger Freund des verstorbenen Remo Largo.
Foto: Urs Homberger
4 Kommentare
    Daniel Manser

    Tränen in den Augen beim Lesen. Danke, Linard Bardill.