Wie Ballack zu den Himba kam

Die verschiedenen Volksgruppen in Namibia befinden sich im Wandel. Eine Überlebensgarantie haben sie trotzdem nicht.

Eine Gruppe junger Himba-Frauen führt einen traditionellen Tanz in einem kleinen Dorf in der Kunene-Region in Namibia auf. Foto: Vincent Boisvert (Getty Images)

Eine Gruppe junger Himba-Frauen führt einen traditionellen Tanz in einem kleinen Dorf in der Kunene-Region in Namibia auf. Foto: Vincent Boisvert (Getty Images)

Anke Fossgreen@Tamedia

Was für eine Begrüssung. Am Wegrand grinst kalkweiss ein Totenschädel die Besucher an – mit langen Hörnern. Es sind die Überbleibsel einer Oryxantilope, die hier im heissen Wüstensand verendete. Vor drei Jahren herrschte eine gnadenlose Dürre, die zahlreiche Tiere dahinraffte: «Antilopen, Springböcke, Zebras», erklärt Ballack, unser Führer und Fahrer. Der Allrad-Jeep hat sich fast eineinhalb Stunden vom Miniflugplatz im Nirgendwo über Schotterpisten und Staubstrassen durch die trockene Gegend gekämpft.

«Warum leben hier Menschen?», möchte man sich gerade fragen. Da erklimmt der Wagen eine Kuppe und legt einen dramatischen Ausblick frei: gelbe Sanddünen und rotbraune Bergmassive. Sie sind durchschnitten von einem sattgrünen, Leben spendenden Band: dem Kunene, dem Grenzfluss zwischen Namibias Norden und Angolas Süden.

Knapp 20 Prozent der mehr als 1,5 Millionen Touristen, die jährlich nach Namibia kommen, besuchen diese Region. Sie werden nicht enttäuscht. Die Natur ist weitgehend unberührt, ebenso abgeschieden leben die hier heimischen Menschen. Ballack zeigt auf ein Dorf, gut sichtbar von der Staubstrasse. Wobei «Dorf» stark übertrieben ist. Auf dem Wüstenboden sind ein paar einfache Hütten zu sehen, in Halbkugelform wie Igluzelte. Es sind die Behausungen der Himba, eines halbnomadisch lebenden Stamms, der traditionellsten der elf grössten ethnischen Gruppen Namibias.

Unvergleichlich mehr Komfort bietet die Lodge Serra Cafema von Wilderness Safaris direkt am Ufer des Kunene. Sie steht ganz im Zeichen der Himba. Kunstvolle Schwarzweissfotografien zeigen überlebensgross Frauen und Männer aus der Region. Die Bilder nehmen eine ganze Wand ein und harmonieren mit den Erdtönen der Einrichtung und den dunklen Holzböden der luxuriösen Appartements.

Frontzähne gezogen, um anders zu sprechen

Selma Simaneka sprüht vor Energie und Witz, als sie die Gäste begrüsst. Sie ist eine der fünf Assistenzmanager des Camps und gehört dem Owambo-Stamm an, der grössten Bevölkerungsgruppe Namibias. Offenbar dominieren dort starke Frauen. Selma hat sich von einer Köchin zur Kellnerin hochgearbeitet und möchte bald Generalmanagerin eines Camps werden, wie sie am Abend auf der Terrasse erzählt. Sie leistet der Alleinreisenden beim köstlichen Essen Gesellschaft und hat dabei stets ein Auge auf die Mitarbeiter. Schnell entspannt sie sich. Das Team umsorgt die Gäste aufmerksam und herzlich.

Am nächsten Morgen besucht Ballack mit drei Touristen das Himba-Dorf. Ballack trägt seinen Spitznamen dank des deutschen Mittelstürmers Michael Ballack. Nicht weil er so gut Fussball gespielt habe, sagt er bescheiden, sondern wegen seiner Position in der Schulmannschaft. Ballack heisst eigentlich Kaitoorora, ist selber ein Himba und traditionell aufgewachsen, bis die Eltern seinem Betteln nachgaben und er die Schule besuchen durfte.

Auf dem Wüstenboden sind Hütten zu sehen, in Halbkugelform erinnern sie an Igluzelte.

«Mora mora», hatte er zuvor den Besuchern beigebracht, und die Himba-Frauen erwidern nun fröhlich den Gruss. Sie sprechen Bantu, so wie auch die Herero, der Volksstamm, zu dem die Himba einmal gehörten. Die Herero sind im 16. Jahrhundert nach Namibia eingewandert. Eine kleine Gruppe von ihnen, die Himba, grenzten sich jedoch nach einem Streit ab. Die Erwachsenen zogen sich sogar die vier Frontzähne, damit sie nicht mehr so sprachen wie die verhassten Stammesbrüder, erklärt Ballack, dem eine kleine Ecke an einem Schneidezahn fehlt.

Die Frauen sitzen vor ausgebreiteten Decken mit einfachen, selbst gemachten Souvenirs: kleinen Stoffpuppen, Armbändern, Ketten, Holzgiraffen. Während die Frauen und Kinder fast sesshaft im Dorf leben, streifen die Männer jagend durch die Region und schlafen in temporären Unterkünften aus Holzstäben und Decken – oder arbeiten im Camp als Gärtner.

Zöpfe mit einer roten Paste aus Ockerfarbe und Fett

Neben den rötlich bemalten Körpern sind die Frisuren das Auffälligste an den Bewohnerinnen. Daran ist abzulesen, in welcher Lebensphase sie sich befinden. Bei den jungen Mädchen wachsen zwei Zöpfe vom Hinterkopf in die Stirn. Wenn die Zöpfe so weit ins Gesicht hängen, dass sie hinter die Ohren zurückgesteckt werden können, sind die Mädchen im Alter der ersten Mens­truation.

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Sobald eine Frau Kinder bekommen kann, trägt sie die auffällige Haarpracht, die so typisch für die Himba ist: Zöpfe, die mit einer roten Paste aus Ockerfarbe und Fett eingestrichen sind und unten in üppig hervorquellenden schwarzen Haarbüscheln enden. Sie liegen wie ein Pelzkragen um den nackten Oberkörper. Früher stammten die Haarbüschel von den Brüdern. Heute seien jedoch Haarextensions weit verbreitet, welche die Himba-Frauen in chinesischen Läden in der Kreisstadt Opuwo kauften, schreibt Margaret Jacobsohn in einem Buch, das im Camp ausliegt. Die seit Jahrzehnten in Namibia arbeitende Umweltschützerin findet es faszinierend, «dass sich Traditionen immer verändern».

Ballack glaubt hingegen, dass die Kultur der Himba in 40 bis 50 Jahren ausgestorben sein wird. «Wer wird dann noch im Dorf wohnen wollen?», fragt er. Es klingt nicht wehmütig.

In Kontakt mit der Damara-Kultur

400 Kilometer Luftlinie weiter südlich haben die Damara den Schritt in die Moderne längst getan. Die Volksgruppe lebt in der Erongo-Region, wo schon Jahrtausende zuvor Menschen durchgezogen sind. Davon zeugen die uralten Felsenbilder von Twyfelfontein, die Nashörner, Giraffen, Strausse oder ein magisches Mensch-Löwe-Wesen zeigen. Jäger und Sammler haben die Petroglyphen vor mindestens 2000 Jahren kunstvoll in den Fels geritzt.

Hier klettern Touristengruppen unter der gnadenlosen Sonne mit ihren Führern über Pfade und Felsen. Eine kurze Autofahrt über eine Schotterpiste entfernt präsentieren die Damara in einem Freilichtmuseum ihre Kultur. Die Einheimische, welche die Touristen in Empfang nimmt, entpuppt sich als knallharte Geschäftsfrau, entblösst ihren Busen, leiert die Erklärungen zu Heilpflanzen und Handwerk herunter und gibt Befehle: «Mach ein Foto!» Dann tanzt sie bei der Aufführung mit und bugsiert die Besucher in den Shop. Dort gibt es tatsächlich kunstvoll gefertigte Ketten und Armbänder aus Pflanzensamen und Strausseneierschalen zu kaufen.

Für europäische Ohren klingen die vier verschiedenen Schnalz- oder Klicklaute der Sprache Khoekhoegowab vollkommen ungewöhnlich.

Angenehmer kommen Gäste der Damara-Kultur im Damaraland-Camp näher, vor allem als am Abend die Kellnerin Patricia die Speisekarte von Englisch in die Sprache Khoekhoegowab übersetzt. Für europäische Ohren klingen die vier verschiedenen Schnalz- oder Klicklaute, welche die Konsonanten und Vokale ergänzen, nicht nur vollkommen ungewöhnlich. Es gibt grosses Gelächter, als sie versuchen, sie nachzuahmen.

Da war es einfacher, sich im Norden von den Himba-Frauen mit «Oku hepa» und «Karee nawa» zu verabschieden: «Danke und alles Gute.» Die Frauen winkten begeistert zurück. Sie hatten ein bisschen Geld eingenommen für Mais – und vielleicht neue Haarbüschel.

Die Reise wurde unterstützt von Wilderness Safaris und Private Safaris.

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