«Schweizer fühlen sich generell zu sicher»

Eine optimale medizinische Reisevorsorge ist essenziell. Medizinerin Danielle Gyurech erklärt, wie diese aussieht und was der Klimawandel damit zu tun hat.

Mücken übertragen verschiedene Krankheiten, darunter Malaria, Dengue und Chikungunya. Foto: Pixabay

Mücken übertragen verschiedene Krankheiten, darunter Malaria, Dengue und Chikungunya. Foto: Pixabay

Wie bereite ich mich auf eine Tropenreise vor, damit ich im Anschluss nicht in Ihrer Praxis lande?
Danielle Gyurech: Das hängt natürlich primär von der Destination ab, die Sie bereisen wollen. In einigen Ländern reicht es, wenn man gewisse Grundregeln einhält, bei vielen tropischen Destinationen sind präventive Massnahmen aber empfehlenswert oder gar Pflicht. Am wichtigsten ist, dass man sich überhaupt informiert und sich so früh wie möglich mit dem Thema befasst, weil man manche Impfstoffe und Medikamente vor der Reise einnehmen muss.

Wie sehen diese Grundregeln bei Tropenreisen aus?
Wer nicht einen Teil seiner Reise in der Nähe der Toilettenschüssel verbringen will, tut beim Essen und Trinken gut daran, sich an den Grundsatz «Cook it, boil it, peel it or forget it» zu halten. Und auch wenn es banal klingt, sollte man nicht vergessen, immer genügend saubere Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Äusserst wichtig ist zudem, dass man sich mit Moskitonetzen, entsprechenden Kleidern und mückenabstossenden Mitteln bestmöglich vor Mückenstichen schützt. Malaria, Dengue und Chikungunya werden von Mücken übertragen, und eine vorgängige Impfung ist nicht möglich. Malaria kommt in fast allen tropischen Ländern vor und fordert gemäss Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) jährlich 660'000 Todesopfer. Zusätzlich zum möglichst vollständigen Mückenschutz kommen bei Malaria rezeptpflichtige Medikamente zum Einsatz, die je nach Risiko präventiv oder im Notfall eingenommen werden können.

Wie informiert sind die Schweizer in Sachen Reisemedizin?
Um es schweizerisch neutral zu formulieren, sage ich mal, es könnte besser sein.

Besteht kein Interesse daran, sich die nötigen medizinischen Informationen zu beschaffen?
Meiner Meinung nach sind es mehrere Faktoren, die hier zusammenwirken. Generell reisen wir in vielen Fällen zu wenig gut vorbereitet – nicht nur in Bezug auf die medizinische Vorsorge. Unzählige Buchungskanäle und tiefe Preise ermöglichen es jedem, kurzfristig eine Reise zu buchen – die Vorbereitung und die medizinische Vorsorge werden also quasi zum Opfer der Spontanität. Bei Online-Buchungen spielt die medizinische Prävention in der Regel keine Rolle, oder höchstens im Kleingedruckten. Ich stelle auch immer wieder fest, dass sich Schweizer generell zu sicher fühlen und befürchten, dass ihnen die Reiselust abhandenkommt, wenn sie zu viel Wissen über allfällige Krankheiten erlangen. Nicht zuletzt ist es ein grundsätzliches Problem der Prävention. Wenn man etwas nicht kennt, macht man sich auch keine Sorgen. Die Chance, dass ich einen Fahrradhelm trage, ist beispielsweise auch grösser, wenn ich bereits einmal gestürzt bin.

«Etwas mehr Eigeninitiative würde sicher nicht schaden.»Reisemedizinerin Danielle Gyurech

Welche Zielgruppen sind besonders gefährdet?
Wir behandeln auffallend oft junge Erwachsene. Ich vermute, dass in dieser Lebenssituation die Sicherheit nicht zuoberst auf der Bedürfnisliste steht. Diese Bevölkerungsgruppe hat in der Regel Zeit, ist sehr spontan und hat dafür vielleicht etwas weniger Geld zur Verfügung. Dieses möchte man nicht als Erstes für medizinische Vorsorge ausgeben. Es ist einfacher, zu sagen: «Mir passiert schon nichts» – in rund 80–90 Prozent der Fälle übersteht man die Reise ja tatsächlich auch ohne grössere Komplikationen. Gemessen an der Reisetätigkeit der Schweizer sind aber auch 10–20 Prozent ein hoher Wert. Und Tropenkrankheiten während oder nach der Reise können ja nicht nur gefährlich, sondern auch schnell sehr teuer sein.

Wie könnte man das Problem der mangelnden Vorbereitung Ihrer Meinung nach anpacken?
Etwas mehr Eigeninitiative würde sicher nicht schaden. Jeder kann sich auf übersichtlichen Seiten wie Safetravel.ch vorinformieren und bei Bedarf Spezialisten zu Rate ziehen. Gleichzeitig würde ich mir wünschen, dass auch Reiseanbieter ihre Kunden vermehrt vorgängig für die Thematik sensibilisieren. Insbesondere bei Onlinebuchungen fehlen mir die wichtigen Hinweise. Mir ist bewusst, dass Impfen, Durchfall und Nebenwirkungen keine attraktiven Themen sind, um die Reiselust zu wecken, es geht hier aber nicht nur um uns selbst. Als Reisende müssen wir auch Verantwortung gegenüber unseren Gastgebern übernehmen – wenn wir Krankheiten in Länder mit schlechter medizinischer Versorgung exportieren, kann das verheerend sein.

Können Sie anhand des Impfverhaltens auch Reisetrends ablesen?
Wenn wie jüngst in Brasilien Gelbfieber ausbricht, merkt man das kurzfristig. Auch das Zika-Virus sorgte für viel mediale Aufmerksamkeit und zusätzliche Anfragen bei Reisemedizinern. Grundsätzlich sind Tropenkrankheiten aber ein globales Problem, welches nicht nur saisonal auftritt.

Sie behandeln nicht nur präventiv, sondern auch importierte Tropenkrankheiten. Mit welchen Krankheiten werden Sie derzeit am häufigsten konfrontiert?
Interessanterweise ist seit einiger Zeit ein klarer Trend erkennbar, dass mehr Tropenkrankheiten wie Dengue und Chikungunya in die Schweiz importiert werden. Betroffen sind insbesondere Reisende, die ihre Ferien in Südostasien und Brasilien verbracht haben.

Wieso diese Häufung?
Ich denke, dass wir hier die Auswirkungen des Klimawandels sehen. So galten beispielsweise bei Südthailand die Monate Dezember und Januar als optimale Reisemonate mit wenig Regen und Mücken. Tatsache ist aber, dass es in den letzten Jahren auch im Dezember regelmässig geregnet hat und die Reisenden unvorbereitet mit mehr Mücken konfrontiert wurden. Weil viele Destinationen in Südostasien bei Schweizern sehr beliebt sind, spürten wir das und verzeichneten vermehrt Dengue- und Chikungunya-Fälle.

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