Ein Lokführer hebt ab

Marcel Mathiuet hat sich zwei Bubenträume gleichzeitig erfüllt: Er ist Pilot bei Helvetic Airways und Lokomotivführer bei den SBB.

«Es gibt viele Parallelen», sagt Marcel Mathiuet über seine beiden Berufe. Foto: Nelly Rodriguez

«Es gibt viele Parallelen», sagt Marcel Mathiuet über seine beiden Berufe. Foto: Nelly Rodriguez

Die Re460 ist ein rotes Ungetüm: 84 Tonnen schwer, 6100 Kilowatt oder fast 8300 PS stark und theoretisch 230 km/h schnell. Die Re460 kann auf geraden Strecken bis zu 2500 Tonnen ziehen. Sie bewegt Intercity- und Interregiozüge der SBB mit Hunderten von Passagieren. Eine Embraer 190 der Helvetic Airways wirkt dagegen fast zierlich: Ihr maximales Startgewicht beträgt 50,3 Tonnen; sie kann, voll ausgelastet, 112 Passagiere transportieren. Dafür ist sie schneller als die Lok: Wenn die Re460 ihre Höchstgeschwindigkeit erreicht hat, hebt eine voll beladene Embraer 190 noch nicht einmal ab; das tut sie erst bei rund 260 km/h. Maximal fliegt sie 870 km/h. Und während die Bahn schön auf den Schienen bleibt, schwingt sich der Jet bis zu 12’000 Meter hoch auf und fliegt bis 4500 Kilometer weit.

Bei allen Unterschieden haben beide Maschinen eines gemein: Viele Kinder, vor allem jene männlichen Geschlechts, sind von ihnen fasziniert. Lokführer und Pilot erscheinen in Umfragen unter Buben ganz weit oben auf der Hitparade der Berufswünsche – Mädchen wollen eher Ärztin, Tierärztin oder Lehrerin werden. Marcel Mathiuet allerdings, vor 45 Jahren in Laus geboren, einem Weiler mit achtzehn Einwohnern in der bündnerischen Surselva, hatte zuerst eine andere Idee: «Wir sahen als Kinder Helikopter herumfliegen, die gefälltes Holz abtransportierten.» Helikopterpilot war sein erster Traumberuf.

Dazu ist es nie gekommen. Vorerst verlief Marcel Mathiuets berufliche Karriere in sehr geordneten Bahnen. Der junge Bündner rätoromanischer Muttersprache absolvierte die Handelsmittelschule Surselva in Ilanz und ein Praktikum bei einer Raiffeisenbank. Seine Rekrutenschule leistete er nicht etwa bei der Luftwaffe ab, sondern in Wangen an der Aare bei den Motorfahrern. «So geriet ich erstmals mit dem Transportwesen in Berührung», sagt er und lacht. Nach einer kurzen Zeit als Lastwagenfahrer im Zivilleben war er von 1994 bis 1998 Betriebsdisponent zuerst bei der Rhätischen, danach bei der damaligen Furka-Oberalp-Bahn (die heute Teil der Matterhorn-Gotthard-Bahn ist).

Leben in zwei Welten

Ab 1999 aber hob Marcel Mathiuet beruflich ab: Er liess sich gleichzeitig bei den SBB zum Lokführer ausbilden und in Mollis GL zum Privatpiloten. Und 2008 schloss er die Ausbildung zum Berufspiloten ab, berufsbegleitend zu seiner SBB-Anstellung. «Ich muss den SBB ein grosses Kränzchen winden», sagt er. Denn dass er jedes Wochenende für die Pilotenausbildung weg war, wurde vom Arbeitgeber diskussionslos akzeptiert.

Marcel Mathiuet: Mit einem Bein in der Luft, mit dem andern auf dem Boden. Foto: Nelly Rodriguez

Seither lebt Mathiuet in beiden Welten: Er wollte unbedingt Lokführer bleiben. Gleichzeitig lockten die Lüfte. Also heuerte er bei einer Privatjetfirma in Zürich an und war 2009 und 2010 fast anderthalb Jahre weg von der Schiene. Doch seither hat er wieder sein Teilzeitpensum als Lokführer, während er seit 2016 an seiner anderen Teilzeitstelle als Co-Pilot im Cockpit von Passagierjets der kleinen, feinen Helvetic Airways durch Europa fliegt. Dort steht übrigens ein Karrieresprung an: Für seine Beförderung zum Kommandanten hat er zuletzt einen zehntägigen Kurs in einem Flugsimulator belegt, der in Amman, der Hauptstadt Jordaniens, steht. Nun muss er noch vierzig Flüge mit einem Instruktor absolvieren; dann steht der neuen Funktion als Flugkapitän nichts mehr im Weg.

Viele Parallelen

Ausser dass sie beide Menschen durch die Welt transportieren, haben die Berufe auf den ersten Blick nicht sehr viel gemein. Doch das trügt. «Es gibt viele Parallelen», sagt Marcel Mathiuet bei einem Interview in der «Oase chez SBB», dem SBB-Restaurant im 3. Stock des Zürcher Hauptbahnhofs mit Blick aufs Landesmuseum, das auch der Öffentlichkeit zugänglich ist. «Beide Arbeiten erfordern höchste Präzision.» Zudem muss der Lokführer vor der Abfahrt ebenso wie der Jet-Pilot vor dem Abflug eine Checkliste abarbeiten. In beiden Berufen gehören unregelmässige Schichten zum Alltag. Dass man bei Bahn und Airline mit null Promille Alkohol zum Dienst antritt, ist selbstverständlich. Und etwas hat Mathiuet beim Fliegen gelernt, was er jetzt gelegentlich auch in der Bahn anwenden kann: «Ich habe keine Hemmungen mehr bei Durchsagen.»

Womit wir bei den Sprachen wären: In der Fliegerei ist Englisch weltweit die Umgangssprache zwischen Piloten und Fluglotsen. Bei den SBB darf nur ins Tessin fahren, wer Italienisch kann, und ins Welschland, wer des Französischen mächtig ist. Für Mathiuet kein Problem: Er ist, neben dem Rätoromanischen und dem Deutschen, auch in diesen drei Sprachen bewandert.

Welcher von den beiden Berufen ist also schwieriger? Da zuckt der fliegende Lokführer mit den Schultern: «Beide sind sehr anspruchsvoll.» Natürlich hat man beim Fliegen eine zusätzliche räumliche Dimension. Dafür ist im Luftverkehr heute vieles automatisiert. Bei der Bahn wiederum ist intime Streckenkenntnis gefordert: «Ich muss auch bei Nebel und praktisch ohne Sicht mit der jeweils zulässigen Höchstgeschwindigkeit fahren können.» Das heisst: Wenn Mathiuet den Intercity von Zürich nach Genf fährt, muss er jeden Streckenabschnitt, alle Bahnhöfe, alle Signale kennen. Und dabei kann es einsam werden: «Wenn alles reibungslos verläuft, habe ich unterwegs unter Umständen mit niemandem Kontakt.»

Und das Privatleben?

Bei zwei derart fordernden Berufen mit Schicht- und Wochenendarbeit und häufigen Abwesenheiten muss doch bestimmt das Privatleben leiden? Mathiuet hat auch hier Glück gehabt: «Meine Frau arbeitet ebenfalls bei den SBB. Sie hat volles Verständnis für die unregelmässigen Arbeitszeiten.» Es kann gar vorkommen, dass der eine nach Hause zurückkehrt, wenn die andere gerade zur Arbeit aufbricht. Gemeinsame freie Samstage oder Sonntage hat man einen bis zwei pro Monat, dafür kann man gelegentlich auch an einem Wochentag zusammen Ski fahren oder einkaufen. Und dann gibt es jene wenigen Augenblicke, da sie beruflich miteinander zu tun haben, die Lokdisponentin und der Lokführer.

Ah, eine Frage noch, und die wird Marcel Mathiuet aus Gründen der Diplomatie bestimmt nicht beantworten: Zug oder Flugzeug, was zieht er als Passagier vor? Die Antwort kommt überraschend schnell, und die PR-Abteilung von Helvetic sollte jetzt wegschauen: «Ehrlich: die Eisenbahn.» Und wieso? «Im Zug kann ich aufstehen und einen anderen Platz suchen, wenn mir der Sitznachbar nicht passt.»

Artur K. Vogel

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