Vom Tal ins Täli

Sonntagsausflug mit einer kleinen Seilbahn ins Niederurnertäli, wo das Reich der Gnome wartet.

Oben gibts ein fantastisches Panorama: Die Seilbahn von Niederurnen zur Bergstation Morgenholz überwindet 522 Höhenmeter. Foto: Thomas Egli

Oben gibts ein fantastisches Panorama: Die Seilbahn von Niederurnen zur Bergstation Morgenholz überwindet 522 Höhenmeter. Foto: Thomas Egli

«Jö, wie härzig!» Während die wanderlustige Dame an der Kasse das Billett löst, schwebt eine kleine weisse Kabine in der Talstation ein. «E so’n’es schnusigs Seilbähnli», schwärmt sie, habe sie noch gar nie gesehen.

Alois Eberhard, der als Maschinist auch an der Kasse steht, und seine Frau Leni, die den Garten rund ums Seilbahnhüsli pflegt, tauschen vielsagende Blicke aus. Diese Seilbahn sei weder herzig noch schnusig, brummt Alois. «Aber sie ist sehr wichtig», ergänzt Leni mit unverhohlenem Stolz. «Und einfach nur schön!»

In neun Minuten verbinden die beiden Gondeln das Glarner Dorf Niederurnen mit der Bergstation Morgenholz. Vor allem aber ist diese Seilbahn wahrscheinlich die einzige im ganzen Land, die 522 Höhenmeter überwindet, um schliesslich in einem Tal anzukommen – im Täli, um genau zu sein.

Das Niederurnertäli verbirgt sich hinter der Kuppe des Morgenholz: Steil steigen dicht bewaldete Hänge auf der einen Seite an, schroff fallen Felswände auf der anderen ab, oben grast das Vieh auf saftigen Alpweiden, und unten durchfliesst der Niederurner Dorfbach als munteres Wildwasser eine kleine liebliche Ebene.

Wer den Täli-Geist erkennt, wird auf einen Schatz stossen

Den Zürchern gilt das Täli als Geheimtipp: Wer zeitig abfährt, ergattert, nicht viel mehr als eine halbe Autobahnstunde von der Stadtgrenze entfernt, einen der wenigen Parkplätze; auch mit dem Zug dauert die Reise weniger als eine Stunde. So nah an der Stadt finden sich sonst nirgends Verhältnisse, die Hochgebirgs-Charakter aufweisen. Bei der Bergstation verweisen farbige Tafeln auf drei Routen.

Die gemächlichen Wandervögel wenden sich nach rechts und gelangen über eine schmale geteerte Strasse zum Aussichtspunkt Sool. Hier öffnet sich das Panorama von der Albiskette über den Alpstein bis zu den Churfirsten – und tief unten, zwischen Walensee und Zürichsee, strömt die Linth die Autobahn entlang durch ihre Ebene.

Ambitionierte Gipfelstürmer hingegen packen noch einmal sechshundert Höhenmeter drauf und dürfen ihre Leistung auf dem Hirzli im Gipfelbuch dokumentieren.

Die meisten aber entscheiden sich für den sagenhaften Skulpturenweg. Sagenhaft, weil aufmerksame Beobachter hier einem Wesen begegnen, das als verzerrte Fratze mit weit aufgerissenem Maul und dunklen Augen aus der Felswand glotzt. Wer den Täli-Geist erkennt, sagt ein oft bestätigtes Gerücht, wird auf einen Schatz stossen.

Die Kinder haben die Seilbahn möglich gemacht

Vor langer Zeit, so geht die Legende, als Zwerge und Gnome den Lebensraum mit den Menschen und Tieren teilten, hat der Täli-Geist die Talbewohner mit seiner Gier immer wieder in Angst und Schrecken versetzt. Es gelang ihnen zwar, ihn zunächst zu Stein erstarren zu lassen. Aber dann konnte er den Bann brechen und rächte sich, indem er Menschen, Tiere und auch die Kobolde seinerseits in hölzerne Figuren verwandelte.

Auch ihnen kann man begegnen, sie stehen am Wegrand – alle Tiere, die hier wohnen, vom Steinbock und Murmeltier über das Reh bis zum Dachs, vom Uhu über den Wolf bis zum Bären. Und natürlich fehlen auch die Menschen und die Zwerge nicht.

Mit der Kettensäge gefräst: Der Steinbock von Thomas Jud. Foto: Thomas Egli

Mit der Kettensäge hat der Künstler Thomas Jud vierzig Skulpturen aus dem Holz gefräst, in den Wald gestellt und den Skulpturenweg so zur Attraktion für Schulreisen gemacht: Jedes Kind, das alle Figuren entdeckt, darf an der Talstation ein Tier aussuchen. Man tut im Übrigen gut daran, den Rat des Kettensägen-Künstlers zu beherzigen: «Geht den Skulpturen-Rundweg im Gegenuhrzeigersinn! Dann habt ihr das steilste Stück beim Abstieg – andersrum kann es ganz schön anstrengend werden.»

Kinder waren es auch, die vor mehr als einem halben Jahrhundert diese Seilbahn überhaupt erst möglich gemacht haben. Damals wie heute leben mehrere Familien, zumeist Bauern, übers ganze Täli verstreut. Der Schulweg führt hoch durch die Luft.

Auf der Rückfahrt gerät, kurz bevor die Kabine in der Talstation einschwebt, ein hübscher kleiner Garten ins Blickfeld. Leni Eberhard pflanzt rote Geranien ins Beet und schaut hoch zur Seilbahn. Es war ihr Vater, Alois Müller, der vor mehr als einem halben Jahrhundert die Idee durchsetzte, eine Seilbahn hinauf zum Täli zu bauen.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt