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Im Skischul-Chef steckt ein Rebell

Bruno Marinoni führt in St. Moritz die Roten Legenden, die grösste, älteste und berühmteste Skischule der Schweiz. Er traf auf Widerstände wie seine illustren Vorgänger.

Die Schneesportlehr­kräfte, sonnengebräunte Frauen und Männer in knallroten ­Skijacken, nennen sich wenig bescheiden «Red Legends». Video: Markus Schlumpf (Travelcontent)

«Es hat so gut angefangen.» Bruno Marinoni sitzt auf der Terrasse der Bergwirtschaft, bestellt sich eine heisse Ovomaltine und blinzelt in die spätwinterliche Mittagssonne. Die Rede ist von der Wintersaison, die allmählich zu Ende geht. Aber auch von dem ­Virus, das überfallmässig in den Alltag eingebrochen ist und schlagartig alles infrage stellt. «Bei uns», sagt er, «gibt es keinen Grund zur Panik. Die Skischule wird vorerst nicht geschlossen.»

Salastrains, ein Hochplateau auf 2000 Meter über Meer und mitten im berühmten Skigebiet Corviglia oberhalb von St. Moritz gelegen, ist Dreh- und Angelpunkt der legendären Skischule, die 350 Ski- und Lehrer und Lehrerinnen aus 15 Ländern beschäftigt. Auf dem verschneiten Vorplatz herrscht emsiges Kommen und Gehen. Kreischende Kids sausen mit ausgestreckten Armen über den Anfängerhügel.

«Vermutlich fahre ich besser Ski als mancher Skilehrer»: Betriebswirt Bruno Marioni vor dem Skischulcenter Salastrains. Foto: Nicola Pitaro
«Vermutlich fahre ich besser Ski als mancher Skilehrer»: Betriebswirt Bruno Marioni vor dem Skischulcenter Salastrains. Foto: Nicola Pitaro

Die Schneesportlehr­kräfte, sonnengebräunte Frauen und Männer in knallroten ­Skijacken, nennen sich wenig bescheiden «Red Legends». Sie begrüssen ihre kleinen und grossen Schüler. Tief unten glänzt der schwarzgefrorene See, und weit hinten strahlt das weiss verschneite Panorama mit dem Viertausender Piz Bernina.

«Hier oben hat überhaupt alles angefangen.» Marinoni nimmt den Faden wieder auf, nippt an der Ovomaltine und hat elegant das Thema gewechselt – von jetzt zu einst. «Damals», bei der Gründung der Skischule vor rund 90 Jahren, sei es auch ziemlich wild zu- und hergegangen, erzählt er. Der Grund für die Turbulenzen war allerdings kein Krankheitserreger. Eine umstrittene Technik erregte die Gemüter.

Die «Guardia Grischa» ­rebellierte – und gewann

Als Giovanni Testa 1929 in einer kleinen Hütte auf Salastrains die erste Schweizer Skischule ins Leben rief, schwor jeder, der sich zwei Holzlatten unter die Bergschuhe schnallte, auf seinen eigenen Stil. Testa machte es sich zur Aufgabe, dieses Tohuwabohu mit einer einheitlichen, dem natürlichen Bewegungsablauf des Körpers angepassten Technik aufzulösen.

Er hatte allerdings die Rechnung ohne den «Schweizerischen Interverband für Skilauf» gemacht, der drei Jahre später dem St. Moritzer Pionier «wegen Nichteinhaltung der schweizerischen Einheitstechnik» die Skilehrer-Lizenz entzog. Doch Testa liess sich nicht einschüchtern und scharte mit gleichgesinnten Skilehrern die «Guardia Grischa» um sich.

Aus der Guardia Grischa wurden die Red Legends: Snow-Show mit spektakulärer Skiabrobatik. Foto: Romano Salis
Aus der Guardia Grischa wurden die Red Legends: Snow-Show mit spektakulärer Skiabrobatik. Foto: Romano Salis

Zwölf Jahre lang trainierten die Bündner Skischulrebellen Testas Technik, bis Edy Reinalter, der Jüngste unter ihnen, 1948 an den Olympischen Winterspielen in St. Moritz Slalom-Gold gewann. Mit diesem Triumph wurde aus der Guardia Grischa die Truppe der Red Legends. «Und die», beschliesst Bruno Marinoni seinen Exkurs in die Geschichte des Skisports, «die arbeiten noch heute mit Giovanni Testas Technik.»

Schöne Geschichte – aber was ist denn nun das Besondere an dieser Technik? Da lächelt der Skischul-Chef entwaffnend: Aus dieser Technik ist im Laufe der Jahre ein Mythos geworden. Und so erfährt die Geschichte des entmachteten und alsbald rehabilitierten Giovanni Testa in der Person von Bruno Marinoni gewissermassen eine Neuauflage.

Im ersten halben Jahr ging er durch die Hölle

Vor fünf Jahren sollte die Führung der Skischule neu bestellt werden; über verschlungene Wege gelangte ein entsprechendes Angebot an Bruno Marinoni, der damals noch die Finanzen eines St. Moritzer Milliardärs verwaltete. «Ich hatte, als ich das Anforderungsprofil studierte, spontan den Gedanken, dass diese Aufgabe nicht auf mich zugeschnitten sei», erinnert er sich. «Aber dieser Gedanke kam aus dem Kopf. Und der Bauch sagte: Das ist deine Chance – pack sie!»

In solchen Fällen hört ­Marinoni stets auf den Bauch – «und ich bin damit noch immer gut gefahren!» Im ersten halben Jahr sei er allerdings durch die Hölle gegangen, habe, wie seinerzeit auch Giovanni Testa, allerlei Widerstände von Gegnern überwinden müssen, die argumentierten, ein Betriebswirtschafter, der nicht einmal als Skilehrer zugelassen sei, könne niemals die notwendigen Impulse für einen Neustart auf den Weg bringen. «Ich bin im Oberengadin aufgewachsen, lebe mit meiner ­Familie in Maloja», hielt er den Zweiflern entgegen. «Vermutlich fahre ich besser Ski als mancher Skilehrer.»

Die Skischule von St. Moritz (Bild) hat gerade ihren 90. Geburtstag gefeiert. Foto: Nicola Pitaro
Die Skischule von St. Moritz (Bild) hat gerade ihren 90. Geburtstag gefeiert. Foto: Nicola Pitaro

Für Marinoni war klar, dass die Skischule St. Moritz neu aufgegleist werden musste. «Wir stellten ein neues Führungsteam auf die Beine, entrümpelten verkrustete Strukturen, digitalisierten die Abläufe, brachten frischen Wind in den Betrieb – und konnten so vor allem die Jugend wieder für uns gewinnen.» Bewährte Angebote, wie etwa die seit 1981 angegliederte Skischule für blinde und sehbehinderte Menschen, wurden beibehalten und ausgebaut.

Im letzten Jahr, als Marinoni seinen Geburtstag mit der Schnapszahl 55 feierte, stand auch das 90. Jahr seiner Skischule auf der Jubiläumsagenda. Und weil man «die Feste feiern sollte, wie sie fallen», zitiert er lachend eine Binsenweisheit, «wollte ich keine weiteren zehn Jahre bis zu meiner Pensionierung und schon gar nicht bis zum 100. Geburtstag der Skischule warten».

Die beliebte Snow-Show war das erste Corona-«Opfer»

Und so feierten die Roten Legenden im Januar ihr 90-jähriges Bestehen mit Sonderangeboten wie «90 Minuten Privatunterricht für 90 Franken» und einem spektakulären Film. Auf Ende Februar war die grosse Snow-Show angesetzt, das alljährliche Spektakel der Roten Legenden mit viel Skiakrobatik und einem Volksfest für alle. Die Snow-Show fiel als erste Engadiner Veranstaltung dem neuartigen Virus zum Opfer. Und am Tag, als sie nicht stattfand, wurde das Urteil auch über den Engadiner Skimarathon gefällt, der vor einer Woche ausgefallen ist.

Die Corona-Epidemie droht die Welt aus den Angeln zu heben. Doch Bruno Marinoni hört auf seinen Bauch – und kann ihr so auch etwas Tröstliches abgewinnen: «Dieses Virus», sagt der Mann, dessen Skischule so manchen Rennfahrer hervorbrachte, «hat das Potenzial, uns aufs Wesentliche zu besinnen. Es entschleunigt.»

Dieser Beitrag ist Teil einer Serie, die von Engadin St. Moritz Tourismus finanziert wird. Die redaktionelle Verantwortung liegt bei der SonntagsZeitung.

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