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An der Mosel wirds bunt

Im Moseltal wächst nicht nur guter Wein, es ist auch sicheres Revier für Flusskreuzfahrtschiffe und ihre aufgeweckten Passagiere.

BildlegendeFoto: Fotocredit Von der steilsten Reblage Deutschlands kann man fast senkrecht hinunter aufs Wasser blicken: Moselschleife bei Bremm. Foto: Getty Images
BildlegendeFoto: Fotocredit Von der steilsten Reblage Deutschlands kann man fast senkrecht hinunter aufs Wasser blicken: Moselschleife bei Bremm. Foto: Getty Images

Die Gespräche an den weiss gedeckten Tischen verstummen, Gesichtszüge erstarren: Für die Mitglieder des Obst- und Gartenbauvereins Stuttgart-Möhringen e.V. passt die Truppe, die gut gelaunt dem Ausgang des Bordrestaurants zustrebt, ganz und gar nicht auf dieses Schiff: ein lesbisches Paar, ein schwules Paar, komplettiert von einem angegrauten Blinden mit weissem Langstock und sehr junger Assistentin, die augenscheinlich nicht die Tochter ist. Das ungewöhnliche Sextett macht sich auf der fünftägigen Flusskreuzfahrt von Frankfurt am Main nach Trier einen Spass aus der Irritation der Obstfreunde und nennt sich in einem Anflug von Kreativität: The Royal Family of Absurdistan.

Es stürzen gerade viele Eindrücke auf die schwäbischen Gärtner ein: Während die Kellnerbrigade aus Osteuropa auf der MS Emerald Destiny Rücken vom Weideochsen, Kartoffelkroketten und Sauce béarnaise servierte, glitt vor der Panoramascheibe des Reflection-Restaurants die A-Rosa Flora vorbei. In einer hell erleuchteten, vorhanglosen Kabine stand eine schöne Nackte, sich gerade die Brüste cremend.

«Kröver Nacktarsch» und andere edle Tropfen

Die Königlichen Hoheiten befahren ein Gebiet, das reich ist an Absurdem und Aussergewöhnlichem. Oder kennen Sie eine Kirchen­orgel, in deren Spieltisch stets zweiFlaschen Riesling lagern? Die Pfarrkirche St. Martin von Cochem kann sich dessen rühmen. Passend zur Region: Im Gotteshaus wird statt der Kreuzigung der in einer Weinpresse gemarterte ­Jesus dargestellt.

Der launige Stadtführer Josef vergleicht die Lebensader der Region mit einer Prostituierten: «Die Mosel liegt entweder im Bett oder steht auf der Strasse.» – Der Fluss, der in den Vogesen entspringt und nach 544 Kilometern bei Koblenz in den Mittelrhein mündet, tritt fast jeden Spätwinter über die Ufer.

Cochem, mit drei Millionen Besuchern pro Jahr einer der Touristen-Hotspots, hat sich den Launen der Mosel gefügt. So liegt der Friedhof auf einer Terrasse über dem Städtchen – damit die Wucht des Wassers die Gräber nicht zerstört. Bei Überschwemmungen räumen die Bewohner der Altstadthäuser das Mobiliar routiniert vom Parterre in die höheren Etagen. Und die Feuerwehr montiert Stege und hält mit Elektrobooten den öffentlichen Verkehr aufrecht.

Die Mosel ist praktisch immer befahrbar: MS Emerald Destiny. Foto: PD
Die Mosel ist praktisch immer befahrbar: MS Emerald Destiny. Foto: PD

Dabei ist die Mosel, die sich zwischen steilen Hängen windet, ein gezähmter Fluss: Von Koblenz bis Metz überwinden die Schiffe 14 Staustufen. Die Deutschen mussten die Mosel nach dem Zweiten Weltkrieg auf Druck der Franzosen kanalisieren, die ihre Industriegebiete in Lothringen über eine Wasserstrasse erschliessen wollten. Im Mai 1964, bei der Eröffnung der «staugeregelten Grossschifffahrtsstrasse», spielte das Cruise-Business noch keine Rolle. Aber heute legen pro Jahr allein in Cochem 1000 Flusskreuzer an. In Trier, wo die klassische Rhein/Mosel-Route endet, haben sich die Stadtführungen für Kreuzfahrtpassagiere innert einer Dekade auf fast 1500 im Jahr 2018 verdoppelt.

Die Stopps vor und in den Schleusen bescheren den Passagieren auf dem Sonnendeck Musse, die wunderbare Spätsommerlandschaft zu geniessen: hübsche Dörfer am Fusse furchterregend steiler Hänge, Reben, wohin das Auge reicht. Die Royal Family of Absurdistan hält Hof und amüsiert sich köstlich über die wunderlichen Namen der Moselweine: Da gibt es die Oberföhringer Vogelspinne, das Hupfheimer Jungferngärtchen, das Trittenheimer Altärchen oder den Kröver Nacktarsch.

Das klingt eher nach Juxgetränken als ernst zu nehmenden önologischen Erzeugnissen. Doch die Moselweine, davon die Hälfte Riesling, geniessen heute einen respektablen Ruf. Provenienzen wie Bernkasteler Doctor gelten in Deutschland als teure Spitzenweine. Das Terroir zwischen Hunsrück und Eifel besteht aus Schiefer und Muschelkalk, die sonnenbeschienenen Rebberge sind Deutschlands steilste Lagen – der Bremmer Calmont in einer Moselschleife gehört mit 68 Grad Hangneigung gar zu den steilsten der Welt.

Der Fluss bleibt auch in Hitzesommern befahrbar

Während die Emerald Destiny in Richtung Traben-Trarbach pflügt, dringen aus einer Festhütte am Ufer Akkordeonklänge und fröhlicher Gesang. Die Königliche Familie zuckt zusammen und erinnert sich peinlich berührt an einen Ausflug in die Rüdesheimer Drosselgasse zwei Abende zuvor, als man ganz unköniglich in der Quetschkommod schunkelte, «Viva Colonia» und «Anton aus ­Tirol» johlte und anschliessend im Souvenirshop beinahe ein «Deutschland wird Weltmeister»-Shirt gekauft hätte.

Die Moselroute ist beliebt und bleibt auch in Zeiten der Klimaveränderung und heisser trockener Sommer ein sicherer Wert für die Kreuzfahrtbranche. «Während es bei längeren Trockenperioden Probleme auf dem Rhein und der Donau gibt», sagt Norbert Glasner, Hotelmanager auf der Emerald Destiny, «ist die Mosel dank der Staustufen praktisch immer fahrbar.»

Das elegante Schiff gehört zur Flotte des australischen Reeders Glen Moroney, der teilweise in Engelberg OW residiert. Der Aargauer Flusskreuzfahrten-Anbieter Rivage hat die Emerald Destiny für einige Wochen gechartert, aber bald wird sie wieder englischsprachiges Publikum durch Europa tragen.

Während auf Reisen mit Australiern das Barpersonal hart gefordert und die Nacht zum Tag wird, bedürfen amerikanische Passagiere eingehender Erläuterungen. Viele realisieren keinen Unterschied zwischen Main, Rhein und Mosel und wollen gar nicht ­glauben, dass die Ahnen ihres ­Präsidenten einst aus der Pfalz, südöstlich der Mosel, in die USA auswanderten. Damals offenbar noch unter dem Familiennamen Trumpf.

Für Königliche Hoheiten ist die Emerald Destiny (90 Kabinen, 135 Meter lang) mit ihren viereinhalb Sternen eine angemessene schwimmende Residenz: Viel Glas und ein dreistöckiges Atrium erzeugen Transparenz, dunkler Marmor Noblesse und auf dem Putting Green auf dem Horizon Deck liesse sich die Golf Trophy von Absurdistan ausrichten.

Als das Schiff am Sonntagabend in Traben-Trarbach anlegt, und die Obstgärtner wie reife Birnen ins Bett fallen, geht die Absurdistan-Truppe auf eigene Faust von Bord. Traben-Trarbach ist gerade am Wegdämmern, kein Lokal mehr geöffnet. Doch eine Hinweistafel «Hoffest» verheisst rustikale Gemütlichkeit. Tatsächlich sitzt eine fröhlich feiernde Gemeinde im Innenhof des Weinguts Caspari bei Riesling und Schweinebauch. Eine Coverband legt los, der Gitarrist gibt Tom Jones, die Sängerin Tina Turner, die historischen Mauern wackeln. Und die Moselaner freuen sich ob der Family of Absurdistan, die tanzt und singt, als gäbe es keinen Montagmorgen, kein wartendes Flusskreuzfahrtschiff und keinen Obst- und Gartenbauverein Stuttgart-Möhringen.

Die Reise wurde unterstützt von Rivage Flussreisen.

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