Zum Hauptinhalt springen

Die Magie der blauen Stunde

Schroffe Scharten und Saunakomfort in den Stubaier Alpen. Eine Skihochtourenwoche, in der Neuschnee und Föhn das Programm vorgeben.

Skihochtouren in den Stubaier Alpen sind spektakulär, der Blick auf schneebedeckte Gipfel grenzenlos. Foto: Anne-Sophie Scholl
Skihochtouren in den Stubaier Alpen sind spektakulär, der Blick auf schneebedeckte Gipfel grenzenlos. Foto: Anne-Sophie Scholl

Heute ist der grosse Tag. Die beiden Bergführer haben den Hüttenwart überreden können. In einem separaten Raum hat er das Frühstück um fünf Uhr in der Früh bereitgestellt. Nun steht die Gruppe vor der Hütte, die Felle unter die Ski geklebt, den Gletschergurt angezogen, die Seile und Steigeisen im Rucksack, den Pickel aufgeschnallt. Die Stirnlampe wird wieder verstaut. Von Osten her hellt sich der Morgenhimmel auf. Die zarten Gelb- und Rottöne der Morgendämmerung vermischen sich mit dem Kunstlicht aus den Fenstern der Hütte, die nun zum Leben erwacht.

Undlos geht es. Durch das lang gezogene Hochtal dem Gletschervorfeld und dem Alpeiner Ferner entgegen. Bald leuchten die schneebedeckten Gipfel im Widerschein der ersten Sonnenstrahlen. Das ist die Magie der blauen Stunde, der frühmorgendliche Zauber auf Frühlingstouren in der hochalpinen Bergwelt.

Tellerservice und Trinkwasser à discrétion

Zu sechst waren wir am Vortag mit den Bergführern zur Franz-Senn-Hütte aufgestiegen – mit 170 Plätzen eine der grössten Hütten des österreichischen Alpenvereins. Eine Luxusloge, sie wirbt mit Dusche und WLAN. Zum Abendessen gab es Spargelrisotto mit Tellerservice und Trinkwasser à discrétion,

Der erste Tourentag biete das beste Wetter der Woche und gute Schneeverhältnisse, hatte Andi Stadler erklärt, einer der Bergführer. «Das will ausgenützt werden.» Er und Alexander Pohl haben eine Route ausgeheckt, die fast alles vereint, was die Region an alpinistischen Herausforderungen bereithält.

Ein drittes Mal gilt es, an einem mit Zackenschlinge am Fels gesicherten Fixseil abzuseilen.

«Es ist eine kühne Tour», so Andi. «Normalerweise würde ich damit nicht in eine Tourenwoche starten. Aber wir können zwischendurch immer wieder abkürzen.» Ein Aufstieg mit 1800 Höhenmetern wäre die Maximalvariante, ein einfacher Grat mit zwei Übergängen, die Seilsicherung voraussetzen und in neue Geländekammern führen, inklusive.

An ihrem grossen Tag rückt die Gruppe zügig vorwärts. Nach einer ersten Steilstufe gelangt sie auf den Alpeiner Ferner, und hinter zwei Gletscherbrüchen rückt bald schon der Grat in Sichtweite. Steil stellt er sich gegen den Horizont auf. Sobald man näherkommt, erweist er sich als gut begehbar. Die Ski werden aufgebunden, Skistock und Pickel zur Hand genommen. Dann geht es zumeist in gutem Trittschnee hoch, unter dem Gipfel wird traversiert und nach einem letzten Aufschwung auf 3474 Meter über Meer der Ruderhofspitz erklommen, der vierthöchste Gipfel der Region.

Drohende Föhnwalzenhinter dem Hauptkamm

Grossartig ist der Blick von hier über die Stubaier Alpen. Man sieht bis zum Lüsener Spitz. Von dort kann man ins Sellraintal fahren. Weiter westlich befindet sich der Schrankogel. Er bietet Abfahrtsmöglichkeiten zur Ambergerhütte und im Süden zum Stubaier Gletscher, dem grössten Gletscherskigebiet Österreichs. Der Blick auf die Berge ist grenzenlos. Allerdings stauen sich hinter dem Hauptkamm drohend Föhnwalzen.

Bestes Wetter und gute Schneeverhältnisse. Foto: Anne-Sophie Scholl
Bestes Wetter und gute Schneeverhältnisse. Foto: Anne-Sophie Scholl

Alexander Pohl hat unterdessen eine Verankerung in eine Wächte gebaut und einen Pickel vergraben. Es folgt die erste richtige alpinistische Einlage: Die Ski angeschnallt und am Seil gesichert mit einem Klemmknoten, der sich bei Entlastung verschieben lässt, rutscht jeder über die eingeschneite, vergletscherte Nordflanke. Ein andermal, als die Gruppe von einer kleinen Fläche Blankeis überrascht wird, setzen die Bergführer zwei Eisschrauben. Die Ski werden aufgebunden, die Steigeisen angeschnallt. Dann wird jeder von den Bergführern abgeseilt. Ein drittes Mal gilt es, an einem mit Zackenschlinge am Fels gesicherten Fixseil abzuseilen. Anschliessend wird an einer improvisierten Sicherung im Schnee abgerutscht.

Grafik vergrössern

Es ist eine abenteuerliche Tour, die auch den Guides einiges abverlangt, aber auch sichtlich Spass macht. «Überschreitungen in neue Geländekammern bringen eine gewisse Unbekannte mit sich. Das macht sie aber auch interessant», meint Alex. Unterwegs vergewissert er sich jedoch, dass niemandem die gute Laune vergeht. Ausstiegsmöglichkeiten sind eingeplant.

Zum Apéro geniesst die Gruppe auf der Hüttenterrasse die letzten Sonnenstrahlen. Nach elf Stunden am Berg sind alle erschöpft, aber glücklich. Doch wie soll es weitergehen, wenn das Highlight der Woche, das Pulver schon am ersten Tag verschossen wird? Der Wetterbericht verheisst nichts Gutes: Schnee und «lebhafter» Föhn mit Böen bis zu 80 Stundenkilometer. Die Bergführer schlagen vor, das hochalpine Gelände zu verlassen und das Basiscamp ins nördlich gelegene Sellraintal zu verlagern.

Schöne Schwüngedurch den Pulverschnee

Anderntags geht es von der Hütte aus in einer kleinen Tour auf die Kräulscharte. Im familien­geführten Gasthof in Praxmar auf 1700 Metern wird ein Zimmer-Upgrade gebucht. Alle geniessen das reichhaltige Frühstücksbuffet, die Gröstel, Nockerl und Knödel aller Art und die hoteleigene Sauna. Auf den weiteren Touren lässt der Föhn einen Gipfelaufstieg nicht mehr zu. Stattdessen geht es durch einen halben Meter Neuschnee, der in der Frühlingssonne rasch schwer wie Beton wird.

Am letzten Tag finden die Bergführer einen Nordhang, wo sich schöne Schwünge durch Pulverschnee ziehen lassen. Den Bergen kann man keinen Willen aufzwingen. «Wir können nur das Optimum herausholen», sagt Andi zum Abschluss.

Die Reise wurde unterstützt von Bergschule Bergpunkt AG, Worb

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch