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Interview mit Vera Weber«Rehe wegen ein paar abgefressener Blumen abzuschiessen, ist unmoralisch»

Umweltschützerin Vera Weber plädiert für die Vergrämung der Paarhufer auf dem Friedhof Hörnli beispielsweise auch mit elektrifizierten Pflanzen.

Vera Weber, Geschäftsführerin der Tierschutzorganisation Fondation Franz  Weber, macht gegen den Abschuss der Rehe auf dem Friedhof Hörnli mobil.
Vera Weber, Geschäftsführerin der Tierschutzorganisation Fondation Franz Weber, macht gegen den Abschuss der Rehe auf dem Friedhof Hörnli mobil.
Foto: Laurent Crottet

Frau Weber, die Rehe richten laut Behörden auf dem Friedhof Hörnli jährlich Schäden von 100’000 Franken an. Weshalb soll man sie trotzdem nicht abschiessen?

Der Friedhof Hörnli ist ein Waldfriedhof, also ein Friedhof mit angrenzendem Wald. Da ist es doch ganz normal, dass Wildtiere frei umherlaufen. Schiesst man sie nun ab, dann werden einfach neue Rehe nachrücken. Zudem spenden Rehe den Angehörigen von Verstorbenen mit ihrer Erscheinung Trost. Mit Vergrämungsmöglichkeiten wie Hundegebell aus Lautsprechern, lärmenden Büchsen oder verstreuten Hunde- oder Menschenhaaren lassen sich Rehe auch abhalten.

Offenbar hat die Stadtgärtnerei solche Vergrämungsmassnahmen schon ausprobiert. Sie funktionieren allerdings mässig, die Rehe pflanzen sich fort und fressen Grabschmuck.

Es gibt auch noch die Möglichkeit, Pflanzen als Grabschmuck zu verwenden, welche die Rehe nicht fressen. Die Stadtgärtnerei könnte hier ein Konzept erarbeiten, welche Blumen und Pflanzen Angehörige aufstellen sollen. Ich wünsche mir, dass die Verantwortlichen hierbei etwas mehr recherchieren und ein Konzept vorlegen. Rehe lernen voneinander und vergessen nicht, weshalb man auch ganz gezielt die «schadstiftenden» Rehe vergrämen könnte, zum Beispiel mit einem mit leichtem Strom präparierten Blumenschmuck, den die Rehe besonders gerne fressen wie Tulpen oder Rosen. Zuerst braucht es aber genaue Beobachtungen, welches diese Tiere sind.

Sie wollen den Angehörigen quasi vorschreiben, welche Blumen sie pflanzen sollen und welche nicht?

Auf keinen Fall. Es geht nicht um Verbote, sondern um Empfehlungen. Es geht wirklich darum, den Leuten zu erklären, welche Pflanzen und Blumen Rehe fressen und welche nicht. Es liegt also im eigenen Interesse der Angehörigen, ob die Rehe die Blumen abfressen oder nicht. Natürlich kann ich auch den Ärger der Hinterbliebenen über abgefressenen Grabschmuck verstehen. Ich finde aber, man sollte das mit einem Augenzwinkern nehmen und eben Pflanzen aufstellen, welche die Rehe nicht fressen.

Der Zaun rund um den Friedhof ist nicht überall dicht. Sollte man ihn nicht schliessen und erhöhen, um die Rehe abzuhalten?

Ich bin mir nicht sicher, ob eine Verstärkung des Zauns die richtige Lösung ist. Schliesslich grenzt der Friedhof direkt an den Wald, und gemäss einer Antwort der Regierung aus dem Jahr 2015 ist ein Austausch zwischen dem Wald und dem Friedhof durchaus erwünscht. Natürlich könnte man mit einem höheren Zaun und Strom das Problem lösen und von aussen eindringende Rehe und andere Tiere abhalten. Ich wünsche mir aber, dass Rehe in diesem Friedhof bleiben können, weil sie ein wohltuender Anblick sind. Vielleicht wäre auch eine Art Wildwechselzone zielführend, wo die Rehe ein- und ausgehen können. Genau um solche Sachen diskutieren zu können, wünschen wir uns einen runden Tisch mit den Behörden.

Es geht bei der Frage aber auch darum, einen Konflikt zwischen Mensch und Tier zu lösen.

Klar gibt es auf dem Friedhof einen Nutzungskonflikt. Den gibt es allerdings auch in der Natur. Der Mensch verursacht mit Littering oder Herumtrampeln im Wald viel mehr Schäden als die paar Rehe am Grabschmuck. Das nehmen wir einfach so hin. Wenn aber die Rehe ein paar Blümchen abfressen, dann sollen wir sie abschiessen. Das ist doch völlig unmoralisch und unverhältnismässig. Diese Rehe zeigen uns nichts anderes, als dass der Friedhof ein ruhiges Plätzchen ist, das sie nutzen, weil sie wegen Hunden, Joggern und Bikern im Wald stark unter Druck gesetzt werden. Es gibt immer mehr Menschen, die achtlos durch den Wald gehen und ihnen ihre Plätze streitig machen. Da finde ich es nicht in Ordnung, dass diese Tiere daran glauben müssen, wenn wir ihre Lebensräume immer mehr in Beschlag nehmen.

In freier Wildbahn müssen Rehe aber auch durch Jagd dezimiert werden, damit die Population nicht zu stark wächst. Was haben Sie gegen die Jagd?

Natürlich haben Rehe in den Wäldern weniger natürliche Feinde als früher mit Wölfen, Luchsen und Bären. Ich bin auch nicht dagegen, dass der Wildhüter kranke oder verletzte Tiere abschiesst. Aber in der Natur ist eine Autoregulation möglich, wenn man die Rückkehr von Grossraubtieren zulässt. Daher bin ich grundsätzlich gegen den Abschuss von Rehen durch Jäger.

Weshalb nimmt sich die Fondation Franz Weber dieser Rehe überhaupt an?

Wir sind eine Tier- und Naturschutzstiftung und sind von vielen Seiten auf diese geplanten Abschüsse angesprochen worden, als sie publik geworden sind. Unsere Strategie ist es nicht nur, auf das Problem aufmerksam zu machen, sondern auch Lösungsansätze zu bieten. Dazu wollen wir uns mit den involvierten Behörden an einen Tisch setzen, was bis anhin noch nicht passiert ist.

13 Kommentare
    Carmen Siegrist

    Weshalb vergrämen? Viele der Toten unter der Erde würden sich über den Besuch des Rehes an ihrem Grab freuen. Statt die Blumen verwelken, werden sie von einem Reh gefressen. Die Idee, nicht gerade die beliebtsesten und schmackhaftesten Blumen für das Reh zu pflanzen für diejenigen Besucher, die sich ärgern, finde ich gut. Das Friedhofamt könnte z.B. auf die teueren Pflanzenschutzmittel verzichten. Dann wächst halt etwas Wildkraut, was auch schön ist. Der Friedhof muss ja nicht so ein traurig-steriler Ort sein. In Nara, einer Stadt in Japan laufen viele Rehe frei herum, die Menschen freuen sich darüber, und es gibt extra Ausflügler, die wegen der Rehe dorthin gehen. Für manches Kind wäre dann der Friedhof ein Ort, wo es noch ein lebendiges Reh sieht und nicht nur Bambi im Film.