Zum Hauptinhalt springen

Flotten stillgelegtRabenschwarzes Jahr für Kreuzfahrten

Dramatischer Einbruch bei den Flussreisen auf dem Rhein. 2020 legte wegen der Corona-Pandemie nur noch jedes elfte Schiff in Basel an.

Wegen Covid-19 hat die Schiffsromantik auf dem Rhein arg gelitten. In Basel legten dieses Jahr 91 Prozent weniger Schiffe an als 2019.
Wegen Covid-19 hat die Schiffsromantik auf dem Rhein arg gelitten. In Basel legten dieses Jahr 91 Prozent weniger Schiffe an als 2019.
Foto zvg Reisebüro Mittelthurgau

«Zahlenmässig sind wir wohl in die Achtzigerjahre zurückgefallen.»

Daniel Thiriet, Vize-Präsident der IG River Cruise

Die Corona-Pandemie hat den Flussreisen massiv geschadet. «Zahlenmässig sind wir wohl in die Achtzigerjahre zurückgefallen», sagt Daniel Thiriet, Vize-Präsident der IG River Cruise. Der Verein mit Sitz in Basel vertritt 240 Flusskreuzfahrtschiffe oder knapp zwei Drittel des europäischen Marktes.

Gemäss Thiriet verzeichnete Basel 2019 stolze 1124 Schiffsankünfte. Ein Jahr später waren es noch 91. Im besten Fall seien bis Saisonende am 31. Oktober zehn weitere Ankunftstage hinzugekommen, sagt er. Das waren gerade mal neun Prozent der Kapazitäten vom Vorjahr.

Thiriet veranschlagt die wirtschaftlichen Schäden auf einen dreistelligen Millionenbetrag. Der gesamte amerikanische und australische Markt mit über 100 Schiffen sei weggebrochen. Als Folge davon gab es keine Schiffspassagen und auch keine Flüge, Hotelreservierungen und Transfers mehr.

Waren die Unternehmen nicht gegen eine Pandemie versichert? «Nein», sagt Thiriet. «Es kann Ausnahmen geben. Uns sind aber keine bekannt.»

Dramatisch war die Situation auch für die Beschäftigten. «Der grösste Teil der Schiffsbesatzungen im Bereich der Hotellerie hat seine Arbeit erst gar nicht aufgenommen», bestätigt Thiriet. Einige Reedereien hätten die Besatzung bis Ende August mit Kurzarbeit behalten. Danach sei die Entschädigung für Saisonangestellte ausgelaufen. «Es kam natürlich auch zu Entlassungen», sagt Thiriet.

Geringe Zahl von Corona-Fällen

Die Krise bringe die ohnehin unzureichende soziale Absicherung besonders deutlich zum Ausdruck, ergänzt Holger Schatz von der Gewerkschaft Nautilus, die sich den Anliegen der Schiffsbesatzungen grenzüberschreitend annimmt. Immerhin hätten sich viele Unternehmen anständig verhalten und sich um das Personal gekümmert. Die rechtlichen Möglichkeiten für Kurzarbeitsgeld seien ausgeschöpft worden. «Einige Unternehmen haben von sich aus auf eigene Kosten Lohnfortzahlungen über das gesetzliche Niveau hinaus geleistet», sagt er. Andere hätten aber den Mitarbeitenden gekündigt, obwohl Kurzarbeitsgeld möglich gewesen wäre. Den Schweizer Kündigungsschutz bezeichnet Schatz im Vergleich zum übrigen Europa als ungenügend. Nautilus unterstütze in diesem Punkt die Bestrebungen des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, den Druck auf den Bundesrat zu erhöhen.

Ein besonderer Dorn im Auge ist Schatz «die Diskriminierung osteuropäischer Beschäftigter bei Arbeitslosigkeit». Wer ordentliche Beiträge in die jeweilige westeuropäische Arbeitslosenversicherung einzahle, erhalte im Ernstfall nur den in ihrem Heimatland geltenden, meist gedeckelten, niedrigeren Tarif. Ein Rumäne, der jahrelang in der Schweiz auf sein Gehalt von 3300 Euro brutto Beiträge bezahlt habe, erhalte deshalb nur 75 Euro Arbeitslosengeld pro Monat. Sein deutscher oder holländischer Kollege komme dagegen auf knapp 2000 Euro. Nautilus drängt deshalb auf eine gesamteuropäische Reform «dieser strukturellen Diskriminierung».

Normalisierung lässt auf sich warten

Unklar bleibt, wie viele Besatzungsmitglieder und Flussreisende sich mit Covid-19 angesteckt haben. «Im Grossen und Ganzen wurden die Schutzkonzepte für die Crews eingehalten», sagt Schatz. Die IG River Cruise spricht lediglich von einem «bedauerlichen Vorfall am Ende der Saison», bei welchem die Ansteckung jedoch nicht zwingend auf dem Schiff stattgefunden habe. Bei den Crews habe es «einige positive Fälle» gegeben. Notfalls seien auch ganze Besatzungen sofort ausgewechselt worden.

Die IG River Cruise hatte einen Leitfaden für einen Mindeststandard erarbeitet und an die Mitglieder verschickt. So reisten etwa Gäste mit einem ausgefüllten Infektionsschutz-Fragebogen an. Beim Check-in wurden Abklärungen über den Gesundheitszustand vorgenommen. Wer sich unwohl fühlte, musste Fieber messen. Im weiteren galt eine Maskenpflicht an Bord. Auch für das Personal kamen strikte Regelungen und besondere Hygienevorschriften zum Einsatz.

Mit Blick auf das nächste Jahr geht Thiriet davon aus, dass die Gäste aus Europa zu Beginn der Saison im April wieder langsam zurückkehren. Mit einer Rückkehr der Amerikaner rechnet er frühestens ab Mitte 2021. «Da ist die Lage wegen der Reisebeschränkungen noch ziemlich unklar», räumt er ein. Eine vollständige Normalisierung dürfte erst im 3. Quartal oder gar erst 2022 eintreten, sofern das Virus 2021 verschwinde.

Von der Stadt Basel wünscht er sich, dass das Anlegen von Kabinenschiffen weiterhin erlaubt bleibt. Andere Städte hatten dies während der Pandemie untersagt. «Vielleicht könnten die Anlegegebühren etwas gesenkt werden», hofft er. Ansonsten fühlten sich die Schiffsbetreiber in Basel gut behandelt und aufgenommen, sagt Thiriet.

1 Kommentar
    Thomas Schweizer

    Dass die Flotte stillgelegt wurde war nicht zu vermeiden. Dass aber viele sogenannte Schweizer Reedereien mit Cypriotischen Arbeitsverträgen arbeiten ist ein Skandal. Auch Malta ist beliebt.

    Viele Hunderte Mitarbeiter aus den Philippinen, Indonesien und verschiedenen Staaten aus dem Osten wurden ohne jegliche Ausgleichzahlungen einfach nach Hause geschickt.

    Ich selber kenne die Situation einiger Leute persönlich und helfe wo ich kann. So konnte ich das Schulgeld in Indonesien für das Töchterchen einer alleinstehenden Mutter bezahlen. Die Leute, langjährige Mitarbeiter von Schweizer Reedereien stehen vor dem absoluten nichts.