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Mehr Infizierte als ItalienPutin lockert die Massnahmen mitten in der Krise

Die Corona-Zahlen in Russland steigen dramatisch: Das Land zählt mehr als 232’000 Infizierte. Nur die USA haben noch mehr.

In Moskau bleiben die Restriktionen vorerst: Eine Frau fährt mit der Metro, Handschuhe und Maske sind Pflicht.
In Moskau bleiben die Restriktionen vorerst: Eine Frau fährt mit der Metro, Handschuhe und Maske sind Pflicht.
Foto: Alexander Zemlianichenko/AP

Es dröhnt und rattert wieder lauter in Moskau, auf den Baustellen wird seit Dienstag wieder gearbeitet. Auch grosse Industriebetriebe dürfen wieder arbeiten, eine halbe Million Menschen kehren in ihre Jobs zurück. Doch die meisten Moskauer betrifft die erste Lockerung seit sieben Wochen nicht. Sie müssen mindestens bis Ende Mai in Selbstisolation bleiben.

Kein Wunder also, dass die Fernsehansprache des Präsidenten viele Zuschauer verwirrte. Am Montag hatte Wladimir Putin die arbeitsfreie Zeit nämlich für beendet erklärt. Ironischerweise gilt dafür nun etwas anderes: Kein Land ausser den USA verzeichnet mehr Infektionsfälle als Russland. Die Zahl der Neuinfektionen liegt seit zehn Tagen in Folge bei über 10’000.

Die Gouverneure sollen es selber richten

Putins Rede wirkte entsprechend unentschieden. «Der Kampf gegen die Pandemie dauert an», sagte er trotz Lockerung. «Die Gefahr bleibt sogar in den Gebieten bestehen, in denen die Lage relativ gut ist.» Alle wollten die Wirtschaft zurück in die Spur bringen, zu schnell zu handeln, sei gefährlich, nicht zu handeln, verantwortungslos, alles in allem sei es, wie «zwischen Skylla und Charybdis zu wählen», den zwei Meeresungeheuern der griechischen Sage.

Und diese Wahl überlässt Putin gerne den regionalen Regierungen. Der Präsident erlaubte zwar allen Firmen, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Die Gouverneure entscheiden über eigene Restriktionen, wenn sie es für nötig halten. Die wirtschaftliche Aktivität in Russland ging laut Regierung seit Beginn der Pandemie um ein Drittel zurück. Die wenigsten Russen haben Erspartes. Wer nicht arbeiten kann und seinen Lohn nicht bekommt, kann sich schnell Miete und Lebensunterhalt nicht mehr leisten. Alle sehnen sich nach dem Ende der Arbeitssperre. Für die steht Putin nun nicht mehr gerade.

Putins Sprecher mit Corona im Spital

Einer hörte der Rede mit besonders versteinerter Miene zu: Moskaus Bürgermeister Sergei Sobjanin war per Video zugeschaltet. Er hatte letzte Woche erklärt, dass der Lochdown in Moskau bis Monatsende gilt und die meisten Betriebe geschlossen bleiben. Viele Städte machten es gleich. Auch wenn sich die Zahlen stabilisierten, so Sobjanin nach Putins Rede, bleibe «das Risiko einer weiteren Ausbreitung leider noch lange bestehen». Dennoch waren am Dienstag aber deutlich mehr Menschen auf Moskaus Strassen als in den letzten Wochen.

Die Hauptstadt zählt mehr als die Hälfte aller Infizierten im Land und bereitet sich auf viele mehr vor. Laut Behörden bauen 7000 Arbeiter rund um die Uhr an 44 provisorischen Spitälern mit 10’000 Betten, nutzen dafür Ausstellungshallen und Messegelände. Den Anstieg der Zahlen erklärt Sobjanin damit, dass man nun mehr teste. «Je mehr Menschen wir testen, desto schneller helfen wir ihnen wirklich.» Auch Putins Sprecher Dmitri Peskow liegt inzwischen mit Covid-19 im Spital. Er habe Putin zuletzt vor mehr als einem Monat getroffen, sagt er.

Hat Putin seit mehr als einem Monat nicht getroffen: Der erkrankte Dmitri Peskow.
Hat Putin seit mehr als einem Monat nicht getroffen: Der erkrankte Dmitri Peskow.
Foto: Keystone

Rätselhaft bleibt, warum Russland bei mehr als 232’000 Infizierten erst 2116 Todesfälle beklagt, eine deutlich niedrigere Rate als sonst in Europa. Offenbar werden nur die gezählt, die an Covid-19 starben. Nur wenige russische Regionen veröffentlichen eine zweite Zahl: Patienten, die positiv getestet wurden, aber offiziell an einer Vorerkrankung starben. Kürzlich erklärte Sobjanin, dass eine andere Statistik wichtiger sei: die Entwicklung der Sterblichkeit. In Moskau starben im April 11’846 Menschen, knapp 2000 mehr als im April 2019 und etwa 20 Prozent mehr als im April-Durchschnitt. Besonders gefährdet sind Ärzte und Medizin-Personal, die oft über zu wenig Tests und Schutzkleidung klagen.

Brand in zwei Kliniken

Am Dienstag machte ein Unglück die prekäre Lage des Gesundheitswesens auf dramatische Weise deutlich: In Petersburg starben fünf beatmete Patienten bei einem Klinikbrand. Ein Beatmungsgerät hatte offenbar Feuer gefangen. Vergangene Woche kam ein Mensch bei einem Brand in einer Moskauer Covid-Klinik um.