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Krimi der WochePonyhof-Massaker im Outback

In einem abgelegenen australischen Kaff ist in «Hope Hill Drive» von Garry Disher in der Weihnachtszeit die Hölle los.

Eigentlich ist das australische Outback ein ruhiger Ort, doch dies ändert sich, als ein Massaker an Ponys einer lokalen Züchterin stattfindet.
Eigentlich ist das australische Outback ein ruhiger Ort, doch dies ändert sich, als ein Massaker an Ponys einer lokalen Züchterin stattfindet.
Foto: Getty Images

Der erste Satz

So kurz vor Weihnachten hatte die Sonne ordentlich Kraft, und Ziegelwände, Blechdächer, Asphalt und das roterdige Flachland strahlten die aufgestaute Hitze all der heissen Tage ab.

Das Buch

Constable Paul Hirschhausen, genannt Hirsch, ist Polizist in einem Ein-Mann-Revier in einem abgelegenen Kaff. Nach einer unseligen Korruptionsaffäre in Melbourne wurde der Detective degradiert und ins staubtrockene australische Outback versetzt. Sein beruflicher Alltag: «Hunderte Kilometer die Woche an Kontrollfahrten. Ein älterer Viehzüchter hier, eine Witwe mit einem schizophrenen Sohn da. Polizeipräsenz – das bedeutete eine Tasse Tee, einen Schwatz, eine Nachsorge. Tut mir leid, aber Ihr Wagen ist ausgebrannt unten in Salisbury aufgefunden worden. Ihr Nachbar beschwert sich, dass Ihre Hunde seine Schafe belästigen. Ich bin dazu verpflichtet nachzuschauen, dass Ihr Gewehr und Ihre Schrotflinte ordnungsgemäss eingeschlossen sind. Und haben Sie den rätselhaften Laster wiedergesehen, den Sie letzte Woche gemeldet haben?»

Einige Jahre nach dem meisterlichen Roman «Bitter Wash Road» lässt Garry Disher Hirsch jetzt in «Hope Hill Drive» ein zweites Mal auftreten. Es ist wieder ein ruraler Noir-Roman der Extraklasse, mit dem der mehrfach preisgekrönte 70-jährige Autor einmal mehr beweist, dass er zu den besten Autoren der aktuellen Kriminalliteratur zählt.

«Allein in einem Land voller Misstrauen, Ignoranz und ungezähmter Hunde.»

Es ist Weihnachtszeit, in Australien ist Hochsommer. Hirsch befasst sich mit den üblichen Fällen. Ein verschwundener Hund. Eine stadtbekannte Trinkerin fährt mit dem Auto direkt in die lokale Bar. Schmierereien an einer Hauswand. Ein Kind, das in einem Auto an der prallen Sonne eingesperrt ist. Dazwischen muss er noch zu Pferd den Weihnachtsmann geben, denn es liegt ihm etwas an einem guten Verhältnis zur Bevölkerung. Am Morgen nach Weihnachten wird es happiger. Ein Massaker an Ponys einer lokalen Züchterin. Und dann wird eine Frau erschossen, die sich offenbar in der abgelegenen Gegend versteckt hat.

Wegen des Mords fallen Beamte aus der Stadt, die auf ihn hinunterblicken, in Hirschs Revier ein und übernehmen das Kommando. Am Ende ist es dennoch Hirsch, «allein in einem Land voller Misstrauen, Ignoranz und ungezähmter Hunde», der die Fälle löst. Disher erzählt die komplexe Geschichte in seiner gewohnt trockenen, direkten Art, immer präzis und auch mit Humor, voller scharfer Beobachtungen von Land und Leuten, aber ohne unnötige Ausschweifungen. Und immer mal wieder findet er originelle Analogien. Etwa wenn der Polizist das Weihnachtsmannkostüm zurückbringen will: «Das Kostüm passte nicht in die Tasche, so wie er es zusammengelegt hatte, nicht mit all dem Stoff, den Schnallen, Knöpfen und der Luft, und Hirsch fand, das beschrieb seinen Tag und seine Situation in dieser verfluchten Gegend ziemlich gut.»

Die Wertung

  • Originalität: ★★★★☆
  • Spannung: ★★★★☆
  • Realismus: ★★★★☆
  • Humor: ★★★★☆
  • Gesamteindruck: ★★★★★

Der Autor

Wollte bereits als Kind Schriftsteller werden: Garry Disher.
Wollte bereits als Kind Schriftsteller werden: Garry Disher.
Foto: Darren James

Garry Disher, geboren 1949 in Burra, South Australia, ist auf einer Farm in Südaustralien aufgewachsen und wollte schon als Kind Schriftsteller werden. Er studierte zunächst Geschichte an der Adelaide University und bereiste dann Europa und Afrika. Nach der Rückkehr schrieb er eine Masterarbeit an der Monash University. Gleichzeitig begann er Kurzgeschichten zu schreiben, und er erhielt ein Stipendium für eine Creative Writing Fellowship an der Stanford University. Während vieler Jahre lehrte er in Melbourne neben seiner schriftstellerischen Arbeit kreatives Schreiben.

Inzwischen ist er längst einer der bekanntesten australischen Schriftsteller. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht. Neben Kriminalromanen sind das andere Romane, Kinder- und Jugendbücher sowie Sachbücher zur Geschichte Australiens und über das Schreiben. 1996 wurde sein Roman «The Sunken Road», der auf Deutsch nicht erschienen ist, für den Booker Prize nominiert.

Zu Dishers Krimis zählen insbesondere zwei herausragende Serien. Der Protagonist der 1991 gestarteten Wyatt-Reihe, die inzwischen acht Romane umfasst (deutsch im Berliner Kleinverlag Pulpmaster), ist ein Berufsverbrecher. Sieben Bände umfasst die Serie mit Inspector Challis (deutsch im Zürcher Unionsverlag). Paul «Hirsch» Hirschhausen, der Hauptfigur des aktuellen Romans «Hope Hill Drive» (Original: «Peace», 2019),
war schon 2013 der Krimi «Bitter Wash Road» (deutsch unter dem gleichen Titel 2016 erschienen) gewidmet.

Mehrere von Dishers Krimis waren auf der Shortlist für den Ned Kelly Award, den wichtigsten Krimipreis Australiens, den er für zwei Bücher und schliesslich auch für sein Gesamtwerk gewann. Seine Bücher erscheinen auch in den USA und in Grossbritannien sowie in mehreren anderen Sprachen. Vor allem im deutschen Sprachraum sind sie sehr erfolgreich.

Garry Disher lebt auf der Halbinsel Mornington südöstlich von Melbourne im australischen Bundesstaat Victoria.

Garry Disher: «Hope Hill Drive» (Original: «Peace», The Text Publishing Company, Melbourne 2019). Aus dem Englischen von Peter Torberg. Unionsverlag, Zürich 2020. 334 S., ca. 30 Fr.