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Kolumne Philipp LoserPolitische Experimente, abverrecktes Smiley

CVP (Pardon: Die Mitte) und andere Umbauten: Bewegt sich die Schweiz auf einen Liberalismus mit menschlichem Antlitz zu? Sind wir in diesen struben Zeiten gar ein Labor für die Welt?

In der Vorhölle für Photoshop-Ver­brechen ist seit Neustem ein Ehrenplatz reserviert. Er gebührt jener ­Werbeagentur, die hinter dem neuen Logo für die ehemals CVP genannte Partei steckt. Welch atemberaubende Schlichtheit. Welch mannigfaltige Deutungsmöglichkeiten!

Die CVP soll neu «Die Mitte» heissen. Unterzeile: «Freiheit. Solidarität. Verantwortung.» Eingefasst ist der neue Name von einer Art oranger Sichel, und damit beginnen die Fragen: Steht diese halbe Klammer rechts von «Die Mitte» für die Abgrenzung nach rechts? Ist es vielleicht sogar (höchst subversiv) ein umgedrehtes C? Ein abverrecktes Smiley?

Es sind nicht die einzigen Irritationen, die beim Betrachten des Logos entstehen. Seit wann macht man wieder Slogans mit falsch gesetzten Punkten? War das nicht in den 90er-Jahren en vogue? Warum muss man beim neuen Logo einer Bundesratspartei an eine Versicherungsagentur in Nordrhein-Westfalen denken? Und warum ist der Schriftzug «Die Mitte» rechtsbündig und nicht mittig gesetzt?
Fazit: Da gibt es noch Luft nach oben. Marketingtechnisch.

Abgesehen davon ist es erstaunlich, mit welcher Beharrlichkeit Parteipräsident Gerhard Pfister seine Partei auf den neuen Weg führt. Noch ist es zu früh, um zu beurteilen, ob die neue CVP (inklusive BDP) sich auch inhaltlich wandeln wird. Dass sie sich verändert, ist allerdings offensichtlich – und erstaunlich. Wir reden hier von einer der konservativsten Parteien der Schweiz.

Im Schweizer Parteiensystem ist es nicht nur die CVP, die vor einem (mehr oder weniger) grundlegenden Wandel steht. Vor einer Woche war an dieser Stelle die Rede vom deutschen Soziologen Andreas Reckwitz und von seiner Theorie der politischen Grossparadigmen. Reckwitz geht davon aus, dass die westliche Welt nach der aktuellen Krise in eine Art eingebetteten Liberalismus übergehen wird: eine stärker regulierte Globalisierung; eine Gesellschaft, die wieder grösseren Wert auf Regeln legt und das Gemeinsame inmitten aller sozialen Unterschiede sucht.

Und so, wie die Schweiz eines der ersten Länder war, in denen rechtskonservative Populisten zu Macht und Einfluss kamen, so zeichnet sich auch der neueste Grosstrend hier früher ab als anderswo. Eine Ahnung davon gibt das neue Buch von Cédric Wermuth, das der designierte Co-Präsident der SP gemeinsam mit dem Autor Beat Ringger verfasst hat. Skizziert wird darin eine gar nicht so unrealistische «Service-Public-Revolution», bei der von der Mobilität über die digitale In­frastruktur bis hin zu den Kindertagesstätten der Staat seine Aufgaben ganz neu definiert (und dabei natürlich viel stärker eingreift).

Dass solche Gedanken von links geäussert werden, ist nicht erstaunlich. Der wahre Wandel, der wird rechts der Mitte stattfinden. Dort, wo FDP-Chefin Petra Gössi ihrer Partei nicht nur ein neues Umweltverständnis verordnet hat, sondern neuerdings auch das grenzenlose Wirtschaftswachstum infrage stellt. Sie nennt das «Enkelstrategie» und meint damit einen nachhaltigen Umgang mit allen Ressourcen und Infrastrukturen (gar nicht so weit entfernt von Wermuth). Gössi leitet damit ein Umdenken im Freisinn ein, das zumindest das Potenzial hat, so grundlegend zu sein wie die Verabschiedung des C bei der CVP.

Einen ersten Anhaltspunkt, ob die Schweiz tatsächlich auf dem Weg in einen Liberalismus mit menschlichem Antlitz ist, werden wir im November erhalten, wenn es bei der Abstimmung über die Konzernverantwortungsiniti­ative darum geht, ob für Schweizer Unternehmen die hiesigen Standards auch im Ausland gelten sollen. Die Abstimmung liest sich wie ein Testfall für die Theorie von Andreas Reckwitz.

Gerade bei Wählerinnen und Wählern der Mitte hat die Vorlage laut Umfragen erstaunlich grossen Rückhalt. Daran ändert auch nichts, dass die CVP / Die Mitte vor einer Woche die Nein-Parole beschlossen hat.
Hier verhält es sich wie mit dem neuen Logo: Es gibt noch Luft nach oben.

Philipp Loser ist Redaktor des «Tages-Anzeiger» und «Magazin»-Kolumnist.