Zum Hauptinhalt springen

Mamablog: Schwangerschafts-Absurdistan«Platzen deine Brüste nicht?»

Eine Sammlung von Fragen, die sich Schwangere und Mütter anhören müssen – und mögliche Antworten darauf.

Wie soll man da reagieren? Eine Schwangerschaft setzt Anstandsregeln offenbar ausser Kraft – auch im Büro.
Wie soll man da reagieren? Eine Schwangerschaft setzt Anstandsregeln offenbar ausser Kraft – auch im Büro.
Foto: Getty Images

Es gibt vieles, auf das ich nicht vorbereitet war, als ich schwanger wurde. Doch am meisten überraschte mich, dass ich von einem Tag auf den nächsten eine Art Zootier war. Es war okay, zu starren, sich vor mir über mich zu unterhalten, und mir die intimsten Fragen zu stellen, auch wenn man mich gar nicht wirklich kannte. Ich habe sie gesammelt.

Der Bauch

Der Bauch einer Schwangeren ist für viele Mitmenschen ein Faszinosum. Warum es okay sein sollte, eine Frau derart auf ein Körperteil zu reduzieren, nur weil sie gerade einen Menschen produziert, erschliesst sich mir immer noch nicht. Doch eine Schwangerschaft setzt Anstandsregeln offenbar ausser Kraft.

Bei der Arbeit: «Wo ist denn der Bauch? Sollte da nicht langsam was zu sehen sein?»

Beim Sport: «Ist der Bauch nicht schon ganz schön gross für den 6. Monat?»

Bei der Arbeit: «Kannst du dich mit dem Bauch überhaupt noch bewegen?»

Bei der Arbeit: «Wahnsinn, kann man so überhaupt noch normal auf Klo?»

Im Tram, zwei Wochen nach der Geburt: «Wann ist es denn soweit?»

Mein Gott, wir sind nicht im Fernsehen, der Bauch ist zehn Monate gewachsen, wo soll er denn so schnell wieder hin?

Als Reaktion auf Fragen wie diese haben sich zwei Varianten als effektiv herausgestellt. Und eine als lustig.

  • Das Gegenüber auch auf seinen Bauch ansprechen – gerade bei Männern sieht der ja manchmal recht ähnlich aus wie bei einer Schwangeren. Und daher dürfte er auch dieselben Beschwerden verursachen.

  • Thematisieren, dass das gerade etwas zu weit in die Privatsphäre hineinreicht. Es gibt tatsächlich Menschen, denen das nicht bewusst war, und die aus solchen Gesprächen etwas lernen.

  • Einfach so tun, als wäre man nicht schwanger.

Die Brüste

Weitere Körperteile, die eigentlich nicht von mittelfremden bis fremden Menschen oder Arbeitskollegen thematisiert werden sollten: die Brüste. Fragen, die sich wohl jede Schwangere oder neue Mutter anhören muss, drehen sich rund ums Stillen. Und das passiert nun mal mit den Brüsten. Und ist deshalb – und aus vielen anderen Gründen – Privatsache.

Es beginnt vor der Geburt: Ein Arbeitskollege, mit dem ich, wenn überhaupt, nur beruflich Gespräche geführt hatte, fragte mich, ob und wie lange ich stillen möchte.

Es geht weiter, ebenfalls bei der Arbeit, nach der Geburt: «Platzen Deine Brüsten nicht, wenn du hier bist - also, du stillst ja schon noch, oder?»

Bei einem Apéro, ebenfalls Arbeitsumfeld: «Solltest du das (Zwiebeln, Knoblauch, Käse, Wurst, Ei, Zucker, Salz) wirklich essen, gerade?»

Ähnliche Fragen kamen vom Schuhverkäufer oder bei der Pause beim Spaziergang auf der Bank. Das Thema ist absurd emotions- und ideologiegeladen. Und nochmal: es geht niemanden sonst etwas an, was eine Mutter diesbezüglich entscheidet. Dennoch fehlten mir leider oft die Worte. Doch einmal sagte ich, aggressiv von Schlafmangel und Hunger (es war kurz vor Mittag): «Ich beschäftige mich schon zu Hause genug mit meinen Brüsten und möchte das nicht auch noch bei der Arbeit tun.» Ich habe es nicht bereut.

Die mütterlichen Pflichten

Mütter und Profifussballerinnen haben eines gemeinsam: Andere meinen, es besser zu können. Statt wütende Schreie bekommen Mütter aber Suggestivfragen zu hören. Eine Auswahl:

«Wo ist dein Kind, wenn du hier am Arbeiten bist?»

Bei dieser Frage, die mir mehrfach gestellt wurde, fiel mir zum Glück nach dem ersten Mal die Antwort ein. Es hilft, die Fragesteller darauf hinzuweisen, dass das mit der unbefleckten Empfängnis Fake News ist. Der Vater kann also schon auch schauen.

«Willst Du sie wirklich schon so früh weggeben?» (In die Kita. Nicht ins Arbeitslager nach Sibirien. Nach fünf Monaten).

Diese Frage entlarvt gerade in der Schweiz mit ihren 16 Wochen Mutterschaftszeit eine Doppelmoral, auf die man durchaus auch hinweisen darf. Oder man sagt einfach «Ja». Und lernt damit zu leben, dass es von jetzt an immer Menschen geben wird, die es besser zu wissen meinen. Das ist wohl der erste Schritt auf dem Weg zum inneren Elternfrieden.

28 Kommentare
    Simone Sommerhalder

    Finde ich tragisch, wenn Leute nicht unterscheiden können, wie etwas gemeint ist, bzw welche Gesinnung hinter der Frage steckt. Das hatten wir in jüngerer Zeit öfters, dass Anteilnahme/Interesse verwechselt wird mit Verunglimpfung. Es wird einem gleich Rassismus unterstellt, wenn jemand sich erkundigt, wo der andere herkomme. Wann „es denn soweit sei“ ist jetzt also auch gleich wieder als unanständig, sexistisch oder sonstwie böswillig zu verstehen. Meine Güte! Diese überempfindliche Empörung führt m.E. eher dazu, dass wirklicher Rassismus bzw Sexismus etc. nicht mehr ernst genommen werden, oder dass man am Ende tatsächlich Ablehnung und Antipathie empfindet gegenüber „solchen “ Menschen.

    Wahrscheinlich ist es ja ausserdem auch wieder nicht recht, wenn gar nichts gefragt wird. Dann würde einem Ignoranz und mangelndes Interesse/Anteilnahme vorgeworfen.