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Teil des Gastro-SchutzkonzeptsPlastikvisiere sind unsicher – und bleiben dennoch im Einsatz

Ein Corona-Ausbruch in einem Bündner Hotel deutet daraufhin, dass die sogenannten Face Shields schlecht schützen. Ob sie aus den Restaurants verbannt werden sollen, ist jedoch umstritten.

Der Vorteil von Visieren: Die Mimik bleibt unter der Plastikscheibe sichtbar.
Der Vorteil von Visieren: Die Mimik bleibt unter der Plastikscheibe sichtbar.
Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Die Plexiglasscheibe schirmt den Träger von der Umwelt ab, dennoch bleibt das Lächeln darunter sichtbar. Das Atmen fällt leichter als unter einer Hygienemaske, zudem lässt sich das Visier problemlos desinfizieren und wiederverwenden.

In vielen Bars und Restaurants arbeitet das Personal seit der Wiedereröffnung nach dem Lockdown mit sogenannten Face Shields. Im Schutzkonzept für das Gastgewerbe werden Gesichtsvisiere an mehreren Stellen als mögliche Massnahme genannt, wenn die Mindestdistanz von 1,5 Metern nicht eingehalten werden kann.

Doch nun verunsichert eine Nachricht aus dem Bündnerland die Branche. Kantonsärztin Marina Jamnicki rät ausdrücklich davon ab, Visiere statt Masken zu tragen. Die Analyse von Übertragungswegen habe gezeigt, dass Face Shields ungenügend vor Infektionen schützten.

Ansteckung über die Luft

Auf Anfrage verweist Jamnicki auf einen Corona-Ausbruch in einem Bündner Hotel. «Insgesamt haben sich drei Mitarbeiter angesteckt, die Visiere getragen haben. Von den Maskenträgern im Personal hat sich hingegen kein einziger infiziert», so die Kantonsärztin. Auch wenn die Beobachtung nicht repräsentativ sei, falle das Bild doch «klar und eindeutig» aus.

Die Forschung geht davon aus, dass Viren durch den Spalt zwischen Gesicht und Visier eingeatmet werden können. So kam das renommierte Robert-Koch-Institut in Deutschland zum Schluss, dass Visiere in der Regel «maximal die direkt auf die Scheibe auftretenden Tröpfchen auffangen». Auch der Bund schreibt auf seiner Website: «Visiere dienen nur als ergänzende Schutzmassnahme zu einer Maske.»

Weshalb also empfiehlt das Schutzkonzept den Gastrobetrieben Visiere genauso wie Hygienemasken?

Beim Branchenverband Gastrosuisse hält man sich auf Anfrage bedeckt: «Das Schutzkonzept für das Gastgewerbe (auch die Möglichkeit von Gesichtsvisieren) ist nach Vorgabe und in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Gesundheit entstanden. Was die Wirksamkeit von Schutzmaterial anbelangt, halten wir uns an die Expertenmeinung der Behörden», teilt der Verband schriftlich mit.

«Verantwortung liegt bei der Branche»

Eva van Beek vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen weist darauf hin, dass es gewisse Arbeitsbedingungen, «zum Beispiel in der Küche mit viel Dampf und Hitze», nicht erlaubten, eine Maske zu tragen. Dass ein Visier allerdings nicht gleich effektiv ist wie eine Maske, sei klar. Sie spielt den Ball zurück: «Die Verantwortung für das Schutzkonzept liegt bei der Branche.»

Auch beim Bundesamt für Gesundheit heisst es, der Bund gebe seit dem 22. Juni nur noch die Basismassnahmen vor – «die Umsetzung in Form von Schutzkonzepten obliegt den Branchen und Veranstaltern». Man werde künftig aber vermehrt darauf hinweisen, dass Visiere nur ungenügend schützten und kein Ersatz für Masken seien.

«Keine der einzelnen Massnahmen bietet hundertprozentigen Schutz.»

Marcel Tanner, Epidemiologe

Epidemiologe Marcel Tanner hält die Diskussion, so wie sie aktuell geführt wird, für wenig zielführend. «Eine falsche Dichotomie herzustellen – das eine schützt, das andere nicht –, ist unsinnig. Keine der einzelnen Massnahmen bietet hundertprozentigen Schutz.» Vielmehr müssten kontextabhängig die richtigen, teilweise wirksamen Schutzmassnahmen getroffen werden.

So sei es in der Gastronomie, wie beispielsweise auch in der Pflege, wichtig, dass die Mimik erkennbar bleibe. Einmal mehr erinnert Tanner daran: Entscheidend seien die Grundmassnahmen der Prävention wie das Händewaschen und das Distanzhalten.

Das sieht auch Angela Thiele so, die bei der Gewerkschaft Unia für die Gastronomie in Graubünden zuständig ist. «Wir wissen nicht, wie sich die Personen im aktuellen Fall angesteckt haben.» Wer sich mit ungewaschenen Händen die Augen reibe, drohe sich zu infizieren, ob er nun eine Maske trage oder ein Visier.

Aus Thieles Sicht ist es zentral, dass die Schutzkonzepte angepasst werden, wenn in der Wissenschaft gesicherte neue Erkenntnisse vorliegen. Ebenso gelte es aber, die Wünsche des Personals zu respektieren. «Im Endeffekt muss jeder Mitarbeiter selber entscheiden, wie er sich schützen will.» Manche verzichteten heute bewusst auf einen Schutz, weil sie es beispielsweise nicht ertragen würden, sich acht Stunden lang mit einer Maske in der Hitze der Grossküche zu bewegen. «Das gilt es zu akzeptieren.»

33 Kommentare
    Kurt Waber

    Welche Regel verletzt dieser Post vom 15.07.2020 um 08:10, dass er nicht publiziert wurde, oder passt er nicht zum Titel „Plastikvisiere sind unsicher - und bleiben dennoch im Einsatz“? Passt es der Redaktion nicht ins Konzept, wenn kritische Kommentare zum Artikel geäussert werden?

    „ «Insgesamt haben sich drei Mitarbeiter angesteckt, die Visiere getragen haben. Von den Maskenträgern im Personal hat sich hingegen kein einziger infiziert», so die Kantonsärztin.“ und sagt nichts über eine Ansteckung von Hotelgästen, die in der Regel weder Hygienemaske noch Visiere tragen. Es wird auch nicht berichtet, in welchem Bereich des Hotels die drei Visierträger gearbeitet haben, mit wem zusammen und ob es sich dabei um die einzigen Visierträger handelt.

    „Auch wenn die Beobachtung nicht repräsentativ sei, falle das Bild doch «klar und eindeutig» aus.“ sagt die Kantonsärztin, ohne zu sagen, welches Bild sie meint. Sie scheint nicht einmal zu wissen, dass sie mit der Aussage „nicht repräsentativ“ ausschliesst, dass Visiere gesamtheitlich untauglich sind.

    Epidemiologe Marcel Tanner‘s Einschätzung trifft den Nagel auf den Kopf und Kantonsärztin Jamnicki‚s Auftritt ist wenig hilfreich. Ihre „Beweiskette“ ist schlechter als mangelhaft und untauglich, Entscheidungen zu treffen.