Überall Plastik – schrecklich!

BaZ-Kolumnistin Christine Richard beklagt sich über furchtbare Zustände im Supermarkt und mit Kunststoff kontaminierte Lebensmittel.

Zugemüllt: Überall ist Plastik - das muss ein Ende haben. Foto: iStock

Zugemüllt: Überall ist Plastik - das muss ein Ende haben. Foto: iStock

Unser Freund, ein Schauspieler, erholt sich seit Jahren auf derselben grie­chischen Insel. In diesem Sommer war der Strand derart mit Plastik zugemüllt, dass er kaum ins Wasser kam. Andererseits kauft er begeistert im Discounter ein. Am liebsten Pralinen auf goldfarbener Sortiereinlage, Klarsichtdeckel, Folie drumherum – alles Plastik. Seit Griechenland hat sein Lieblingsdiscounter Lidl einen Kunden weniger.

Geht es im Discounter wirklich so schrecklich zu? Schrecklicher. Ein­kaufen in einem deutschen Lidl. Der Parkplatz ist videoüberwacht. Ein Schild warnt den Kunden: Wer länger als 60 Minuten parkt, wird zu einer Geldstrafe von 50 Euro verdonnert. Wer nach einem WC sucht, tut es vergeblich. Jede kleine Beiz muss eine Toilette haben, nicht so dieser riesige Discounter.

Mit dem Einkaufswagen beginnt die Irrfahrt durch die Plastikstapel. ­Personal? Fehlanzeige. An der Kasse geht es dann schnell. Bevor sich eine Schlange bilden kann und Unmut beim Bezahlen, informiert ein Lautsprecher: «Kasse 2 ist offen, legen Sie bitte Ihre Ware aufs Band.» Wohin soll ich meine Ware denn sonst legen? Was soll das alles bedeuten? Vermutlich Folgendes: König Kunde, leg deine Waren so schnell wie möglich aufs Band, damit wir ohne Wartezeit an dein Geld kommen, und dann hau ab und räum den Parkplatz frei, damit wir die Nächsten abkassieren können.

Irgendwie perfide, das. Andererseits Normalzustand. Lidl ist nur ein Beispiel. Mein kleiner Supermarkt funktioniert genau gleich. Man hat sich daran gewöhnt. An die rüde Behandlung; an gehetzte Mitmenschen, die an ihren Kaufkarren wirken wie abgerittene Kurierpferde; an den Plastikberg im Abfall; ans schlechte Gewissen. Auch in den tollen Bioläden gibt es nicht wenige Produkte, bei denen mehr Plastik drumherum ist als Ware drin. Greenwashing.

Alles Plastik. Nicht nur aussen, auch in Lebensmitteln drin. Das Rückrufportal der EU informiert über die Gefahren (www.produktwarnung.eu). Hier eine kleine Auswahl, der Einfachheit halber Lidl betreffend.

30.10.2018: Hersteller rufen Sushi via Lidl in der Schweiz zurück. Verletzungsgefahr wegen schwarzer Plastikfremdkörper.

18.8. 2019: Die Gustoland GmbH warnt vor ihren «Metzgerfrisch Leberwurst-Kugeln». Sie könnten blaue Kunststoffteile enthalten. Verletzungsgefahr. Die plastikfrische Metzger-Wurst gab es bei Lidl.

3.9.2019: Vorsicht Kunststofffremdkörper – Hersteller ruft «Landjunker»-Hackfleisch via Lidl zurück.

9.9.2019: Achtung Metallfremdkörper – Hersteller ruft «Grafschafter 9 Brezeln zum Fertigbacken» via Lidl zurück.

26.9.2019: Aldi, Netto und Lidl warnen ihre Kunden vor gefährlichen Bakterien in einem ihrer Produkte und rufen Waren zurück.

Wer das Rückrufportal studiert, kann sich den nächsten Horrorfilm sparen. Allerdings habe ich schon mal einen Reissnagel im Schoggi-Kuchen meines Bäckers gefunden. Vermutlich funktioniert die Kontrolle bei Gross­verteilern noch am besten. Auch das Schweizer Bundesamt für Lebensmittelsicherheit veröffentlicht Rückrufe. Zum Beispiel am 31.7.2019: «Öffentliche Warnung: Glassplitter in Alnatura Schokopudding.» Vor den Alnatura-Plastikbechern warnt niemand. Dabei: 40 Prozent des in der EU verwendeten Kunststoffs dienen der Verpackung.

Wer trägt die Verantwortung? Ich habe den Plastikmüll nicht in die Welt gesetzt, habe auch nie darüber abstimmen dürfen. Es ist halt so gekommen, mit freundlicher Unterstützung von Handelsketten. Jetzt soll das böse Plastik wieder gehen, indem mein Kaufverhalten gesteuert wird. Warum wird alles auf den einzelnen Verbraucher abgewälzt? Wo bleibt das Verursacherprinzip? Wie wärs mit gesetzlichen Auflagen?

In Ruanda sind Plastiktüten seit 2008 komplett verboten. Es folgten Marokko, Kenia und Tansania. Seit Juni ist Einwegplastik in der ägyptischen Region Rotes Meer verboten. Auch in Indien hagelt es für bestimmte ­Plastikprodukte Strafen. Die EU hat es inzwischen auch geschnallt. Ab 2021 sind Trinkhalme, Rührstäbchen, Wattestäbchen und Luftballon­stäbchen (!) verboten, sogar Einweggeschirr.

Allerdings: Wie dem Verpackungs­irrsinn in den Supermärkten beizukommen ist, weiss der Teufel. Lidl Deutschland setzt nach eigenen ­Angaben seit Jahren auf schrittweise Vermeidung und Reduzierung und auf Recycling. Gut so, wenns stimmt. Unser Schauspieler setzt lieber auf Plastic Attack: Er befreit die Ware vom Plastik und lässt den Müll im Supermarkt.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt