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Rang 2 bei WettbewerbsfähigkeitPharma: Die Schweiz wird nur von den USA geschlagen

Die Schweizer Pharmaindustrie ist im internationalen Vergleich sehr wettbewerbsfähig. Das zeigt eine neue Studie. Roche, Novartis, Lonza & Co. fürchten sich aber vor den Folgen der SVP-Begrenzungsinitiative. Denn sie sind auf Angestellte aus dem Ausland angewiesen.

Eine medizinischer Assistent bei Novartis im Labor.
Eine medizinischer Assistent bei Novartis im Labor.
Foto: Markus Stuecklin (Keystone)

Die Lifescience-Branche hat Angst vor einem Verlust der Personenfreizügigkeit. Denn bei Firmen wie Novartis, Roche oder Lonza ist der Anteil von Mitarbeitenden aus dem Ausland deutlich höher als in der Schweiz insgesamt. Und er steigt stetig an: 2009 lag er bei rund 40 Prozent, gemäss den neusten Daten von 2017 betrug er 50 Prozent.

«Auch für Funktionen, wo es eigentlich genügend qualifizierte Personen im Land gibt, muss letzt lich oft ein Kandidat aus dem Ausland geholt werden, etwa weil es den Schweizer Kandidaten an der Umzugsbereitschaft mangelt», sagt Marion Fengler-Veith, Pharmaexpertin des Personalberaters Heidrick & Struggles.

Die meisten der ausländischen Fachkräfte kommen aus der Europäischen Union, und sie wären von einem Ja zur SVP-Initiative direkt betroffen: Firmen dürften sie nur noch mit bürokratischem Mehraufwand und bei freien Kontingenten anstellen.

Die Schweizer Chemie- und Pharmaindustrie bringt es bei der Wettbewerbsfähigkeit weltweit auf Platz zwei: Roche-Turm in Basel.
Die Schweizer Chemie- und Pharmaindustrie bringt es bei der Wettbewerbsfähigkeit weltweit auf Platz zwei: Roche-Turm in Basel.
Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

«Dabei hätten nicht die Unternehmen den Schaden, sondern die Schweiz», sagt Stephan Mumenthaler, Direktor des Verbandes Scienceindustries der Chemie Pharma Life Sciences. Denn die Konzerne könnten ihre Jobs von der Schweiz in ihre Zentren für Forschung und Entwicklung etwa in den USA verlegen. In der Schweiz gingen dann auch indirekt abhängige Arbeitsplätze in anderen Branchen verloren.

Schweiz auf Platz zwei

Die Lifescience-Branche schaltet sich im Abstimmungskampf jedoch noch mit einer neuen Argumentation ein. Auch sie hat dafür eigens eine Studie in Auftrag gegeben – ähnlich wie SVP oder Economiesuisse. In der heissen Abstimmungsphase steigt die Studienflut weiter an, mit der Gegner wie Befürworter ihre Position untermauern wollen.

Die chemisch-pharmazeutische Industrie gibt in der von BAK Economics erarbeiteten Studie über die internationale Wettbewerbsfähigkeit, die dieser Zeitung exklusiv vorliegt, dabei überraschende Einblicke.

Der Kleinstaat Schweiz schafft es demnach beim weltweiten Wettbewerb auf den zweiten Platz. Nur ein paar Indexpunkte davor an erster Stelle steht das Schwergewicht USA. Gemessen wurden vier Bereiche: Performance (Entwicklung von Wertschöpfung und Produktivität in den letzten fünf Jahren), aktuelle Marktstellung und Leistungsfähigkeit (Anteil an der weltweiten Wertschöpfung der Branche; Wertschöpfung pro Arbeitsplatz), Innovation (Forschung und Entwicklung sowie Innovationserfolg), Standortfaktoren (Infrastruktur oder Besteuerung).

«Mehr als jeder siebte Job hier ist in der Forschung und Entwicklung angesiedelt.»

Michael Grass, Studienleiter BAK Economics

Mithalten im Rennen kann die Schweiz ​​auch dank der hohen ​Wertschöpfung pro Arbeitsplatz: «Die Pharmawertschöpfung bei uns ist weltweit am vierthöchsten», betont Studienleiter Michael Grass. Das liegt daran, dass ​auch die Pharmabranche einfachere Arbeiten in Produktion oder Verwaltung in​zwischen in Billiglohnländer aus​lager​t. Vor allem die hoch qualifizierten Jobs sind geblieben und sogar ausgebaut worden. «Mehr als jeder siebte Job hier ist in der Forschung und Entwicklung angesiedelt», so Grass.

Was jedoch auffällt, ist, dass sich die Forschungsausgaben insgesamt in der chemisch-pharmazeutischen Industrie in den letzten zwanzig Jahren zwar verdreifacht haben, wie die Studie zeigt: Sie sind auf 7,2 Milliarden Franken gestiegen. Die Anzahl der Arbeitsplätze in Forschung und Entwicklung hat sich dabei aber noch nicht einmal verdoppelt. Sie ist von 8100 auf lediglich 12’000 gestiegen.

Das heisst auch: Die Investitionen in jeden einzelnen Forschungsarbeitsplatz sind deutlich gestiegen. «Nur in den USA wird pro Arbeitsplatz in diesem Bereich mehr investiert als in der Schweiz», sagt BAK-Forscher Grass.

Rekord bei Spitzenpatenten

Mit immensen Ausgaben und vergleichsweise wenigen Forscherinnen und Forschern erreichen die Schweizer Unternehmen dennoch den höchsten Anteil von Top-Patenten weltweit. «Der Anteil der Spitzenpatente an den gesamten Patenten ist mit 16 Prozent so hoch wie in keinem anderen Land», betont Grass. Unter Spitzenpatenten versteht er solche, die die Technologieführerschaft ausmachen.

Für die Studie wurden in diesem Bereich nur Patente gezählt, die weltweit in allen Märkten angemeldet sind und die bei nachfolgenden Patentanträgen von anderen Firmen als massgeblich angegeben werden. Berücksichtigt wurden für die Schweizer Industrie nur Innovationen, die Forscherinnen und Forscher auch hierzulande entwickelten. Von der Roche-Tochter in Kalifornien erarbeitete Patente zählt die Studie nicht dazu​, sie werden ​für die USA verbucht.​

Die Schweiz bringt es bei der Innovationskraft trotzdem noch auf Platz 3. Das wollen die BAK-Forscher und der Lifesciences-Verband mit ihrer Studie klarmachen: Gute Rahmenbedingungen​, zu denen die Personenfreizügigkeit ​gehört, ​und Innovationskraft ​hängen zusammen.