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Impfstrategie in der SchweizPflegende wollen keine Impf-Versuchskaninchen sein

Angestellte in Spitälern und Heimen dürften als erste gegen Corona geimpft werden. Viele fühlen sie sich unter Druck gesetzt, andere hoffen auf eine Rückkehr zur Normalität – Stimmen aus dem Pflegebereich.

Zwei Pflegerinnen am Unispital in Lausanne.
Zwei Pflegerinnen am Unispital in Lausanne.
Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Wenn es so weit käme, dass sich Pflegende impfen lassen müssten, dann wäre sie weg. «Ich würde lieber putzen gehen, als mich dazu zwingen zu lassen», sagt eine 51-jährige Pflegerin aus dem Kanton Aargau. Und das sagen viele, die sich auf einen Aufruf dieser Zeitung in der Facebook-Gruppe «Pflegedurchbruch. Für eine würdige Pflege in der Schweiz» gemeldet haben. 3570 Mitglieder gehören ihr an.

Am Mittwoch hat Gesundheitsminister Alain Berset angekündigt, dass die Schweiz auch bei Pfizer/Biontech Impfdosen vorreserviert hat. Es wird absehbar, dass sich die ersten Gruppen impfen lassen können jene, die zu den besonders gefährdeten Gruppen gehören wie das Gesundheitspersonal (Mehr dazu: So soll die Schweiz durchgeimpft werden).

Es bringt auch Spitälern und Heimen nichts, wenn die Pflegenden selber gesundheitliche Probleme bekämen oder sich trotz Impfung ansteckten.

Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Schweizer Verbands der Pflegefachfrauen und -männer

Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Schweizer Verbands der Pflegefachfrauen und -männer, beobachtet eine grosse Skepsis unter den Pflegenden. «Ein Obligatorium würde auf grossen Widerstand stossen», sagt sie. «Die Pflegenden könnten den Eindruck bekommen, dass man sie als Testgruppe benutzt.» Dabei seien sie sonst schon stark gefordert. Ein Obligatorium würde nur noch mehr Widerstand auslösen.

Das Gesundheitspersonal befürchtet, dass es geimpft werden soll, bevor restlos geklärt ist, ob die schnell entwickelte Impfung Schäden anrichtet und ob sie wirkt. «Es bringt auch Spitälern und Heimen nichts, wenn die Pflegenden selber gesundheitliche Probleme bekämen oder sich trotz Impfung ansteckten», sagt Yvonne Ribi. Sobald aber eine sichere und wirksame Impfung verfügbar sei, müssten alle Pflegenden, die dies wollten, prioritär Zugang dazu bekommen. Aber: «Ein Arbeitgeber muss es auch akzeptieren, wenn sich jemand nicht impfen lässt

Impfen oder die Kündigung

Dies tun aber nicht alle. Ihr sei bekannt, dass bei der Grippeimpfung viel Druck auf das Personal ausgeübt werde, und bei Covid werde dies nicht anders sein, sagt Ribi. Das berichten auch Pflegende, die sich bei dieser Zeitung gemeldet haben. Eine Pflegerin schreibt, dass eine Arbeitskollegin in einem anderen Heim unter Druck gesetzt werde, sich einmal gegen Covid impfen zu lassen; Einzelnen wurde mit der Kündigung gedroht.

Ein Pflegefachmann aus dem Baselbiet schreibt, dass an seinem Arbeitsort dieses Jahr genau beobachtet werde, wer sich gegen die Grippe impfen lasse und wer nicht; man will verhindern, dass Pflegende mit Grippesymptomen länger ausfallen es könnte auch Covid sein. So wurden die Angestellten einzeln befragt, und sie mussten in einer Liste vermerken, ob sie sich impfen lassen. Viele fühlten sich genötigt, mit einer Impfung ihre Kollegialität zu beweisen. Keiner der beiden Fachleute wollte sich mit Namen äussern; abweichende Meinungen würden heute schnell diffamiert und man müsse mit Konsequenzen rechnen, begründen sie.

Dann wären sie weg

Der Bund selber will kein Impfobligatorium erlassen, wie es beim BAG auf Anfrage heisst. Dies können aber auch Kantone und selbst Heime oder Spitäler tun. Sie dürfen damit ihre Angestellten zwar nicht zu einer Impfung zwingen, sie können ihnen aber verbieten, in ihrer Abteilung weiterzuarbeiten, oder sie sanktionieren. Gemäss Epidemiengesetz kann für bestimmte Berufsgruppen dann ein Obligatorium verfügt werden, wenn die öffentliche Gesundheit erheblich gefährdet ist und keine anderen Massnahmen zur Verfügung stehen. Heime und Spitäler können es auf Basis des Arbeitsrechts verfügen.

Bereits in den vergangenen Jahren wurde vor Grippewellen ein Impfobligatorium emotional diskutiert. Beim aktuellen Personalmangel können Heime und Spitäler aber noch weniger riskieren, durch ein Obligatorium ihr Personal vor den Kopf zu stossen und es zu verlieren.

Das Pflegepersonal ist heute bereits stark gefordert. Es will nicht auch noch einen Impfstoff testen müssen.
Das Pflegepersonal ist heute bereits stark gefordert. Es will nicht auch noch einen Impfstoff testen müssen.
Foto: Keystone

Jan Honegger (28) ist Pfleger in einem Alters- und Pflegeheim im Thurgau. Er hat in der Facebook-Gruppe «Pflegedurchbruch» gefragt, wer sich impfen lassen würde: «Über 90 Prozent sagten, sobald es einen Zwang gebe, seien sie weg», sagt er. Auch er würde es nicht tun. Er sei kein Impfgegner und sei mit allen erforschten Impfungen geimpft. Wenn die Ersten aber eine Covid-Impfung injiziert bekämen, werde man nichts über allfällige Langzeitschäden wissen. «Möglicherweise sind diese sogar gravierender, als wenn man sich mit Covid ansteckt.» Und die älteren Leute, die er pflegt? Befürchtet er nicht, dass er sie anstecken könnte? «Sie würden sich wohl selber impfen lassen», sagt er.

Hoffnung auf Normalität

Es gibt aber auch andere Stimmen. «Ich würde mich impfen lassen, sobald eine sichere Impfung verfügbar ist», sagt eine Pflegefachfrau aus dem Kanton Bern. Sie ist 64 Jahre alt und gehört zudem zur Risikogruppe. Sie hofft, dass sie dank einer Impfung wieder ein normales Leben führen und mit ihrer Familie feiern kann. Ihre Freundinnen hat sie seit dem Lockdown nicht mehr gesehen.

Sie sagt, bei der Grippeimpfung könne man noch diskutieren, ob es sie brauche oder nicht. Aber nicht bei Covid. Sie sieht, wie schlecht es diesen Patienten im Spital geht, auch jüngeren. Und in welch schlechtem Zustand sie austreten – wenn sie denn das Virus überleben.

So halten sich auch der Spitalverband H+ und Curaviva, der Heime vertritt, mit Forderungen zurück. Sie betonen, dass sie wie der Bundesrat kein Obligatorium anstreben. Curaviva empfiehlt den Pflegenden aber dringend, sich impfen zu lassen, und rät den Heimen, die Angestellten etwa mit persönlichen Gesprächen dafür zu sensibilisieren.

232 Kommentare
    Strauss Christoph

    Die Pflegenden haben meine volle Unterstützung. Die Zeitungen sollten vielleicht mal mit den Pflegenden sprechen, warum Sie mit Skepsis der Corona Impfung entgegensehen. (Beispiel: angesehen Cochrane Studie zum Thema Grippeimpfung). Das sind Fachleute für Gesundheit. Die Pflegenden werden von den verantwortlichen Politiker und sogenannten Gesundheitsfachleuten jetzt wieder im Stich gelassen. Und nun sollen sie noch als Versuchskarnickel für eine Pseudoimpfung herhalten. Eine Frechheit ohnegleichen. Und viele Leserschreiber schwadronieren auch noch von Solidarität und hauen auf die Pflegenden ein. Anstelle Milliarden den Konzernen in den Schlund zu werfen, hätten wir seit einem halben Jahr anfangen, können das Gesundheitssystem für die zweite Welle zu stärken. Pflegende mit Anreizen reaktivieren, Ausbildung anfangen-mit der blöden Verakademisierung aufhören-viele Interessierte können aus diesem Grund die Ausbildung nicht machen, Armee vorbereiten, Kapazitäten bereitstellen. Aber nein, man macht Pseudomassnahmen und setzt alles auf eine Grippeimpfung, die für die Pharmakonzerne zum Geschäft des Jahrhunderts werden. Kurze Anfügung: Die Pharmakonzerne haften nicht für Schäden der Impfung. Verantwortung wurde den Staaten übertragen. Profit für Konzerne, Kosten für die Allgemeinheit.