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0,3 Promille sind erlaubtPer Velo von Bierfranken nach Weinfranken

Eine Herbstreise der besonderen Art vereinigt Bewegung und Genuss: Der Main-Veloweg zählt zu den Besten in Deutschland.

Die Gegend rund um Bamberg (hier das Rathaus) bietet sich mit ihren Rebbergen und Brauereien für Velo- und Wandertouren an.
Die Gegend rund um Bamberg (hier das Rathaus) bietet sich mit ihren Rebbergen und Brauereien für Velo- und Wandertouren an.
Foto: Getty Images

Wein auf Bier, das rat ich dir: So lautet das Motto der Velotour durch Franken. Wir begeben uns auf die Spur des Gerstensafts und schlängeln uns hinein in die Weinregion. Vom Brauer zum Winzer, rein in den Biergarten, rauf zum Braukessel, runter in den Keller, ab in die Weinstube. Und wer mit dem Velo unterwegs ist von Bier- nach Weinfranken, kann die Tour voll auskosten, natürlich immer unter Beachtung der Promillegrenzen. Ab 0,3 Promille kann es eine Busse absetzen – die vollkommene Fahruntüchtigkeit ist bei 1,6 Promille erreicht.

160 Brauereien in der Region

Aber wir sind nicht neidisch auf die beiden Wanderer, die spätnachmittags in den Hof von Hubert Dinkel in Bad Staffelstein stolpern. Sie machen die Bierwanderung, die eine Herausforderung ist: zehn Brauereien, zehn Biere, zig Kilometer. Den Krug bei Hubert kriegen sie kaum mehr leer, dafür haben sie nun ein Bierdiplom in der Tasche. Wir hingegen haben ein paar Braustätten eilig mit dem Velo abgeklappert. So bleibt noch Zeit, um Hubert über die Schulter zu schauen. Er führt uns in den ersten Stock, wo der Braukessel kocht. Die Technik hilft, aber der Braumeister muss alles überwachen. Dabei steht noch eine Auslieferung an, der Abfülltermin rückt näher, und der Papierkram stapelt sich. Hubert ist eine Ein-Mann-Brauerei und keine Seltenheit in der Region.

Er braut in Bad Staffelstein unfiltriertes, untergäriges Kellerbier: Hubert Dinkel.
Er braut in Bad Staffelstein unfiltriertes, untergäriges Kellerbier: Hubert Dinkel.
Fotos: Christian Schreiber

Der Grossraum Bamberg nennt sich offiziell Bierfranken. Noch immer gibt es hier 160 historische Brauereien, die an Gaststätten liefern oder auch selbst in Flaschen abfüllen. Auf 1000 Einwohner kommt in Bad Staffelstein eine Brauerei. Angesagt ist vor allem Kellerbier, unfiltriert und untergärig. «Wir machen nichts, was nach Kokosnuss oder Maracuja schmeckt.» Dabei steht Hubert mit der Craft-Beer-Bewegung keinesfalls auf Kriegsfuss. «Sie hat uns allen Aufschwung gebracht.» Jeder Brauer in Franken verpasst dem Bier eine spezielle Note», sagt Dinkel. «Boden, Klima und Arbeit verändern den Wein ja auch.»

Nun lässt sich die Tour nicht einfach in Bier- und Weinfranken einteilen, denn als Nächstes landet man in Unterfranken, das so etwas wie das Schlaraffenland für durstige Velofahrer ist. Bier und Wein existieren hier gleichberechtigt. Es gibt, ausserhalb der Corona-Zeiten, Weinfeste, auf denen die Winzer Pilsfässer anstechen, und Bierfeiern, wo man ebenso die Weingläser anfüllt.

Am Tisch mit Bierprinzessin Kerstin

Das Örtchen Zeil kennt aufgrund der Hexenverbrennung im Mittelalter zwar eine düstere Vergangenheit, aber eine goldige Gegenwart. Der Main fliesst träge an den Rebbergen vorbei, die Werbeschilder offerieren heimischen Silvaner, und hinter der hohen Stadtmauer versteckt sich die Brauerei Göller. Der Veloparkplatz ist schon vormittags voll, und das liegt nicht nur daran, dass heute die regionale Bierprinzessin ihre Aufwartung macht. Sie vertritt sechs Brauereien, verbreitet auf Facebook Kochrezepte mit Gerstensaft und freut sich besonders auf gemeinsame Auftritte mit der hiesigen Weinkönigin. Es besteht eine friedliche Koexistenz der beiden Alkoholika, die in einem besonderen Getränkemix, dem «Wein- und Bierhybrid», zu einer Einheit verschmelzen.

Am Stammtisch in Zeil: Bierprinzessin Kerstin Friedrich und Brauer Max Göller.
Am Stammtisch in Zeil: Bierprinzessin Kerstin Friedrich und Brauer Max Göller.

Gäste dürfen sich bei Events in bestimmten Gasthäusern über Degustationsmenüs freuen, bei denen der Kellner zu jedem Gang Bier und Wein gleichzeitig reicht. Am Ende sitzen wir gemeinsam mit Bierprinzessin Kerstin Friedrich im grössten Biergarten des Abt-Degen-Weintals und stemmen Rotbier gegen die untergehende Sonne.

Wer sich bis Zeil vorgetrunken hat, ist auf dem Main-Veloweg unterwegs, der zu den besten Deutschlands zählt. Routenführung, Ausschilderung und Infrastruktur sind vorbildlich. Nun fährt man mittenhinein ins Weinherz, ins Zentrum des bayerischen Weinbaus, der sich fast vollständig auf Franken konzentriert. In diesem Teil des Freistaats bauen 3000 Winzer auf 6200 Hektaren 60 Sorten an. Das Landschaftsbild an der Main-Schleife bei Volkach offenbart nur noch zwei Farben: Blau und Grün. Main und Weinstöcke haben alles andere verschluckt. Selbst die Velowege sind hier schwerer zu finden, weil die Reben bis an die Strasse wuchern.

In Volkach angekommen, ist allerdings nicht an Erholung zu denken. Wer sich durch die Stadt degustieren will, braucht Ausdauer. Ein Weinpass ermuntert den Gast, die 13 Vinotheken der 6000-Einwohner-Stadt zu besuchen, um je einen Silvaner und einen weiteren Wein zu kosten. Mal landet man beim Winzer, der einen mitnimmt in den Keller. Dann wieder sitzt man im durchgestylten Weinshop, nascht spanische Tapas und freut sich an exotischen Sorten und neuen Weinen im Glas

Er setzt in Kitzingen auf Silvaner, das fränkische Aushängeschild: Winzer Lukas Herrmann.
Er setzt in Kitzingen auf Silvaner, das fränkische Aushängeschild: Winzer Lukas Herrmann.

«Hier passiert gerade ganz viel Neues. Die Nachwuchswinzer sind sehr experimentierfreudig», sagt Lukas Herrmann, den wir in Kitzingen treffen. Er zählt zu den jungen Wilden in Franken, ist erst 32 Jahre alt, war in Neuseeland und leitet seit zwei Jahren das Gut Wilhelmsberg mitten in jener Stadt, in der es früher mehr als 100 Weinhändler gab. Er hat komplett auf Bio umgestellt, kreiert Sekt und konzentriert sich auf Silvaner, das fränkische Aushängeschild. Lukas hat im Lager das Rennvelo parkiert. Sein Motto, das uns nicht ganz fremd ist: «Wein und Velo passen gut zusammen. Genuss und Lebensfreude.»

Die Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband Franken und der Deutschen Zentrale für Tourismus.