Vom Staffelverlierer zum Sprintkönig

Der neue König der Sprinter im Schwimmsport kommt aus Frankreich, ist 25-jährig und heisst Alain Bernard. Der Europameister stach Weltrekordhalter Eamon Sullivan knapp aus.

Am fünften Finalmorgen stand Michael Phelps, der erst am Freitag wieder Gold gewinnen kann (über 200 m Lagen), erstmals nicht im Mittelpunkt. In die Bresche sprangen die Crawlsprinter, die im Final über 100 m allerdings nicht die erwartete Weltrekord-Show lieferten.

47,21 Sekunden - so lange brauchte Alain Bernard gestern, um das Loser-Image abzustreifen, das ihm seit Montag anhaftete. Da hatte der Doppel-Europameister, der seit März den 100-m-Weltrekord inne hatte, als Schlussschwimmer trotz grossem Vorsprung den sicher geglaubten Olympiasieg der französischen 4x100-m-Staffel vergeben. «Die Staffelniederlage war mir eine Lehre. Ich war extrem enttäuscht», so Alain Bernard. Diese Enttäuschung konnte er im Einzelrennen über die zwei Bahnlängen überwinden: «Ich habe in den letzten Jahren zu hart gearbeitet, als dass ich nun vorzeitig aufgegeben hätte.»

Bernard hatte den Weltrekord heuer schon dreimal verbessert, zuletzt im Halbfinal im Peking (auf 47,20). Doch Eamon Sullivan vermochte im zweiten Halbfinal mit 47,05 zu kontern. Wohl wegen des grossen Drucks kamen im Final weder der Franzose noch der Australier (47,32) an diese Marke heran. Die Zeit habe für ihn keine Rolle gespielt, sagte Bernard: «Heute ist es nicht um den Weltrekord gegangen. Es ging einzig und allein darum, als Erster anzuschlagen.» Das Gefühl, Olympiasieger zu sein, ist «grossartig und hält für vier Jahre an». Bernard gewann erst als dritter Crawler aus Frankreich nach Jean Boiteux (1952 über 400 m) und Laure Manaudou (2004 über 400 m) olympisches Gold.

Mr. Olympia

Alain Bernard, der noch vor wenigen Jahren eher schmächtig gewesen war, gewann zuletzt nicht nur Titel en masse, sondern auch gewaltig an Masse dazu. Mittlerweile ist er so kräftig und muskulös gebaut, dass er nicht nur bei den Schwimmern, sondern auch bei den Kraftsportlern eine gute Figur machen würde.

Der Franzose strebt allerdings nicht den Titel eines Mr. Olympia an, der im Bodybuilding seit 1965 jährlich vergeben wird (und den Arnold Schwarzenegger insgesamt siebenmal gewann). Bernard hat in Peking noch einmal Grosses vor: «Der Wettkampf geht weiter. Ab sofort konzentriere ich mich auf die 50 m Crawl.»

Die restlichen sechs Schwimmer hatten mit dem Kampf um den Sieg nichts zu tun. Mit gebührendem Abstand holten sich der Amerikaner Jason Lezak und der Brasilianer Cesar Cielo Filho zeitgleich in 47,67 die Bronzemedaille.

Rücktritt von «VDH»

Umgehend nach Ende des Rennens, in dem er als Fünfter eine Medaille nur um acht Hundertstel verpasst hatte, gab der dreifache Olympiasieger Pieter van den Hoogenband seinen (erwarteten) Rücktritt bekannt. Der 30-jährige Holländer ist der einzige Schwimmer, der an vier olympischen Finals über 100 m teilgenommen hat. In Athen und Sydney, wo er zudem über 200 m triumphierte, holte «VDH» jeweils die Goldmedaille, bei seinem Debüt in Atlanta hatte er den 4. Platz belegt.

In Peking fokussierte sich Van den Hoogenband einzig auf die 100 m. Mit einem weiteren Erfolg wäre der Holländer der erste männliche Schwimmer gewesen, der an drei Olympischen Spielen in Folge über die gleiche Distanz gewonnen hätte. Sein Weltrekord von Sydney 2000 (47,84) hatte während acht Jahren Bestand. Erst an den EM im März war Alain Bernard zweimal schneller. «Ich bin viele Male gegen Alain angetreten. Er ist ein würdiger Nachfolger», so Van den Hoogenband, der nie Weltmeister wurde.

Weltrekorde 17 und 18

Auch am Donnerstag wurden im «Wasserwürfel» wieder Weltrekorde verbessert. Beim chinesischen Doppelsieg über 200 m Delfin blieben sowohl Liu Zige (19) wie Jiao Liuyang (18) deutlich unter der zwei Jahre alten Bestmarke der Australierin Jessicah Schipper. Das erste Schwimmgold für den Gastgeber in Peking sicherte sich Liu in 2:04,18. Den zweiten Weltrekord des Tages gab es in der 4x200-m-Crawlstaffel der Frauen. Das australische Quartett Stephanie Rice (drittes Gold in Peking), Bronte Barratt, Kylie Palmer und Linda Mackenzie senkte die Bestmarke um 5,78 Sekunden auf 7:44,31.

In der ersten Entscheidung des Tages hatte Kosuke Kitajima wie schon über 100 m Brust auch über die doppelte Distanz triumphiert. Der 25-jährige Japaner sicherte sich damit wie schon vor vier Jahren das olympische Double. Gleiches war zuvor noch nie einem Brustschwimmer gelungen.

mam/si

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